Emin Önen wird seit mehr als drei Jahrzehnten vermisst
Vermisst in Kerpen-Buir: "Wir wollen die Ungewissheit nicht mit ins Grab nehmen"
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Emin Önen ist zehn Jahre alt, als er 1993 spurlos verschwindet. Seit mehr als drei Jahrzehnten gilt er als vermisst. Seine Angehörigen sind gefangen in einem nicht endenden Kreislauf aus Hoffnung und Verzweiflung. Bahrem Önen spricht im Interview darüber, was das Verschwinden seines Bruders mit der Familie gemacht hat und wie es das Leben bis heute bestimmt.
Der Tag, der alles veränderte
An dem Tag, als Emin Önen verschwindet, ist es warm draußen. Ein schöner Sonntag im Frühling. Es ist der 16. Mai 1993. Wie so oft an solchen Tagen sind die Geschwister der Familie Önen draußen unterwegs. Sie leben im Rhein-Erft-Kreis in Kerpen-Buir. Ein kleiner Stadtteil mit Dorfcharakter. Kinder und Jugendliche treffen sich gern draußen, zum Beispiel im Park, zum Spielen oder Fußballzocken.
Emin baut damals mit seinem Vater einen neuen Schrank in seinem Kinderzimmer auf. Danach erwartet er einen Freund. Als dieser nicht kommt, sagt Emin seinem Vater Bescheid, dass er rausgeht. Gegen 15 Uhr sieht ein Zeuge Emin noch auf dem Hof einer evangelischen Kirche und spricht kurz mit ihm. Die Kirche befindet sich nur wenige hundert Meter von seinem Zuhause entfernt. Doch dahin kehrt er nicht mehr zurück.
Später, als die Suchmaßnahmen schon laufen, bekommt die Polizei Hinweise, dass Emin am Abend des 16. Mai noch auf der Verbindungsstraße zwischen Kerpen-Buir und Kerpen-Manheim unterwegs gewesen sein soll. Dort verliert sich seine Spur. Die Polizei suchte damals mit Hunden, Hubschraubern und Hundertschaften nach ihm. Seine Familie hing in ganz Deutschland Suchplakate auf und setzte eine Belohnung aus. Doch bis heute konnte der Fall noch nicht aufgeklärt werden.
Wer war Emin Önen?
Seit mehr als drei Jahrzehnten fragt sich Familie Önen, was mit Emin passiert ist. Sie fragen sich, ob er noch lebt oder ob er tot ist. Bahrem Önen war 15 Jahre alt, als sein kleiner Bruder verschwand. Ein Alter, in dem er alles bewusst miterlebt hat. Dementsprechend gut kann er sich an damals erinnern. Auch wenn es schmerzt, ist der jetzt 47-Jährige bereit, erneut öffentlich über das Verschwinden seines Bruders zu sprechen.
Lokalzeit: Wie würden Sie Emin beschreiben? Was war er für ein Kind?
Bahrem Önen: Er war ein glückliches, sehr verspieltes Kind. Ich habe viel mit ihm und meinem anderen Bruder abgehangen. Wenn wir von der Schule kamen, waren wir oft im Park. Haben dort Fußball gespielt. Fußball war für uns das Wichtigste im Leben. Ich stelle mir manchmal vor, wie er heute als Mann aussehen könnte. Meine Eltern machen das nicht. Für sie ist er immer noch der kleine Emin.
Bahrem Önen sucht seinen Bruder
Lokalzeit: Wie war das an dem Tag, als er verschwunden ist? Was haben Sie gemacht?
Önen: Es war Wochenende. Es war sehr warm, alle waren beschäftigt. Unser Vater war zu Hause und unsere Mutter war auf der Verlobungsfeier von ihrem Bruder. Gegen 19 Uhr kam sie zurück. Dann fiel auf, dass Emin noch nicht zu Hause war. Weil mein anderer Bruder sich einen Tag vorher das Bein gebrochen hatte und im Krankenhaus in Düren lag, dachten wir, dass Emin vielleicht mit der Bahn zu ihm gefahren ist. Bis nach Düren sind es nur zehn Kilometer. Mein Onkel und meine Mutter sind dann mit dem Auto dorthin gefahren. Auf dem Weg wurden sie von der Polizei angehalten, weil sie vor lauter Eile über eine rote Ampel gefahren sind. Mein Onkel hat den Beamten dann den Fall geschildert. Kurz darauf wurde auch die Polizei in Kerpen benachrichtigt.
Auf dem alten Familienfoto ist die Familie noch komplett
Lokalzeit: Wie ging es dann weiter?
Önen: Die ersten 24 Stunden haben wir gedacht, wir finden ihn. Wir haben in ganz Deutschland Verwandtschaft. Die haben dann angefangen, Bilder von Emin zu verteilen und an Bahnhöfen aufzuhängen. Viele sind auch zu uns gekommen. Wir haben schon vor der Hundertschaft angefangen, im Wald zu suchen.
Quälende Ungewissheit
Lokalzeit: Wie hat sich Emins Verschwinden auf Sie, auf die ganze Familie ausgewirkt?
Önen: Diese Ungewissheit ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Das wünsche ich keinem Menschen auf der Erde. Ich würde sagen, wir leben unser Leben. Wir haben das Beste draus gemacht. Das Leben geht immer weiter, aber es ist nicht so, als wäre er dabei gewesen. Dann wäre alles ganz anders gelaufen. Jeder von uns hatte Träume. Nach seinem Verschwinden sind sie alle zerplatzt wie Luftblasen. Der Verlust wirkt sich auch körperlich aus: Meine Mutter hatte mehrmals einen Schlaganfall. Sie hat Diabetes, Augen- und Herzprobleme. Mein Vater brauchte eine neue Leber, obwohl er nie Alkohol getrunken oder geraucht hat. Das ist all das, was man in sich reinfrisst. Mehr als 30 Jahre lang hat sich das innerlich angestaut.
Wie haben sich die ersten Jahre nach Emins Verschwinden angefühlt?
00:35 Min.. Verfügbar bis 20.06.2027.
Lokalzeit: Haben Sie sich damals gut betreut gefühlt von der Polizei? Gab es so etwas wie Seelsorge?
Önen: Nein, es kam kein Seelsorger zu uns. Uns wurde das nie empfohlen oder vorgeschlagen. Jetzt, nach 32 Jahren, macht es wahrscheinlich keinen Sinn mehr. Was die Arbeit der Polizei angeht: Meiner Meinung nach hätten die schneller mehr machen können. Das habe ich damals gesagt und ich stehe auch heute noch dazu. Heute ist das anders. Wenn ein Kind vermisst wird, fangen sie direkt an zu suchen und nicht erst nach 24 oder 36 Stunden.
Lokalzeit: Es ist spürbar, wie schmerzhaft und aufwühlend so ein Gespräch wie dieses hier ist. Warum entscheiden Sie sich trotzdem, an die Öffentlichkeit zu gehen und über Emins Verschwinden zu sprechen?
Önen: Es ist ein Schrei nach Hilfe. Wir reden nicht gerne mit anderen Leuten darüber, aber die Hoffnung ist, dass uns geholfen wird. Die Person, die das getan hat, soll einfach nur einen anonymen Anruf machen. Sagen, ob Emin getötet wurde oder ob er noch lebt. Es ist schmerzhaft, darüber zu reden, aber ich will, dass das irgendwann ein Ende hat. Wir wollen diese Ungewissheit nicht mit ins Grab nehmen. Sie zerfrisst einen.
Mit dieser Botschaft wendet Bahrem Önen sich an die Öffentlichkeit
00:54 Min.. Verfügbar bis 20.06.2027.
Lokalzeit: Gibt es etwas, das Sie sich als Familie zur Unterstützung wünschen würden?
Önen: Wir würden uns wünschen, dass sich die Polizei mal wieder bei uns meldet. Seit die Sachbearbeiterin der Kripo Hürth vor ein paar Jahren in Rente gegangen ist, haben wir nichts mehr von der Polizei gehört. Es wäre gut, wenn zumindest alle zwei, drei Jahre mal jemand vorbeikommen würde. Mal nachfragen würde, wie es uns geht, ob wir zum Beispiel Unterstützung in Form von Seelsorge brauchen. Wir sind eine große Familie und können zum Glück miteinander reden. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wir sind unsere eigene Seelsorge, aber es gibt auch Angehörige von Vermissten, die niemanden zum Sprechen haben.
