Ein Portraitfoto von Lolita Brieger in Schwarz-Weiß liegt auf alten Zeitungsartikeln.

Lange fehlte von Lolita Brieger jede Spur

Gewalttat ohne Strafe: Deshalb bleibt Lolita Briegers Tod ungesühnt

Stand:

1982 wird Lolita Brieger in der Nordeifel getötet. Sie ist gerade einmal 18 Jahre alt und schwanger. Die Polizei klagt einen Mann wegen der Tat an. Trotz vieler Hinweise bleibt er straffrei.

Von Katharina Hollstein
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Eine Schwangerschaft und ein Suizidversuch

Der 4. November 1982. Ein kleines Dorf in der Eifel. Lolita Brieger läuft die Straße entlang. Die 18-Jährige arbeitet als Näherin, eine Kollegin hat sie hier nach der Arbeit abgesetzt. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Ex-Freund, einem jungen Mann aus dem Nachbardorf. Brieger hofft, die Beziehung kitten zu können, immerhin ist sie schwanger von ihm. Sie freut sich auf das Kind. Doch bald wird ihr Ex-Freund behaupten, dass die junge Frau niemals bei ihm angekommen ist. Mehr zum Fall Lolita Brieger gibt es auch bei WDR Lokalzeit MordOrte auf YouTube.

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"Sie war fröhlich, lustig. Wie ein normales Mädchen in dem Alter", erinnert sich Briegers Schwester Gisela Peter. Doch an jenem Herbsttag verschwindet dieses ganz normale Mädchen spurlos. Die Polizei beginnt zu ermitteln. Zwei Zeugen wollen Brieger unabhängig voneinander in der Nähe des Hofes der Familie ihres Ex-Freundes gesehen haben.

Das Verhältnis zwischen der jungen Frau und ihrem damaligen Partner war immer wieder angespannt. Brieger selbst kam aus einfachen Verhältnissen, ihr Ex-Freund aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater war gegen die Beziehung, forderte seinen Sohn immer wieder auf, sich zu trennen. "Sie hatte ja nichts, so wie er sich immer ausdrückte", erzählt Gisela Peter. "Und sie war nichts."

Ein erster Verdacht der Ermittler: Brieger könnte Suizid begangen haben. Immerhin hatte sie nach der ersten Trennung versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Doch sie überlebte. Ein Abschiedsbrief, den die Polizei in einer Schublade findet, deutet zusätzlich darauf hin, dass sie es nochmal probiert haben könnte. "Ich gehe und nehme auch etwas mit, was auch ein Stück von dir ist", steht darin. Und am Ende: "Es grüßt dich, dein letztes Stück Dreck." Auch Briegers Familie hält diese Theorie für möglich, sucht die Umgebung nach ihr ab. Doch eine Leiche findet weder sie noch die Ermittler.

Ein handgeschriebener Brief mit den Worten: "Es grüßt dich, dein letztes Stück Dreck".

Ein Abschiedsbrief, aber keine Leiche: An der Suizid-Theorie kommen Zweifel auf

Polizei und Feuerwehr geben nicht auf. Auch ein Hubschrauber und Hundestaffeln kommen zum Einsatz. Wenige Monate nach Briegers Verschwinden wird lediglich ihr Schlüssel an einer Ortseinfahrt gefunden. Daran befindet sich ein Schlüsselanhänger mit einem Foto ihres Ex-Freundes. Ihn befragt die Polizei, er gibt jedoch ein Alibi an. Schließlich stellt sie vorerst die Ermittlungen ein.

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Hilfe durch die Öffentlichkeit

Fünf Jahre nach Lolita Briegers Verschwinden gibt es neue Hinweise. Die Polizei nimmt die Ermittlungen wieder auf und sucht nach der Vermissten. Erfolglos. Weitere Jahre vergehen. Elf Jahre, nachdem ihre Tochter verschwunden ist, wendet sich Briegers Familie an die Fernsehsendung "Vermißt!". Briegers Vater ist inzwischen verstorben. Aber ihre Mutter möchte endlich Gewissheit. Im Fernsehen bittet sie ihre Tochter um ein Zeichen, sollte sie noch leben. Doch nichts. Auch nach der Sendung kann sie nicht gefunden werden.

Fast 20 Jahre lang gibt es im Fall Lolita Brieger nichts Neues, bis dem damaligen Ermittler Wolfgang Schu bei einer Routineprüfung die zugehörige Akte in die Hände fällt. Er ist sicher, dass die junge Frau Opfer eines Verbrechens wurde. Mithilfe der Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" macht er sich gezielt auf die Suche nach Mitwissern.

Ermittler Wolfgang Schu sitzt an seinem Schreibtisch und liest in einem Ordner.

Wolfgang Schu lässt der Fall Lolita Brieger keine Ruhe

Und tatsächlich gibt es einen Hinweis, der die Ermittler aufhorchen lässt. Ein guter Freund von Briegers ehemaligem Partner soll zur vermuteten Tatzeit nicht in sein Elternhaus zurückgekehrt sein. Als seine Mutter ihn fragte, wo er gewesen sei, soll er nur geantwortet haben, er könne niemandem jemals erzählen, was er in dieser Nacht erlebt habe.

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Mord oder Totschlag?

Die Polizei befragt den Zeugen. Schließlich gibt er zu, geholfen zu haben, Lolita Briegers Leiche zu verstecken - auf einer Müllkippe in Sichtweite von Briegers Elternhaus. 2011 beginnen die Ermittler, auf der mittlerweile stillgelegten Anlage nach dem Körper zu suchen. Er soll nach der Tat in Folie verpackt worden sein. Zwei Wochen später findet die Polizei schließlich ein Skelett mit einer Hose, die Brieger zu Lebzeiten selbst genäht hatte. Nach 29 Jahren gibt es Gewissheit: Lolita Brieger ist tot.

Auf der ehemaligen Müllhalde graben Bagger auf der Suche nach Lolita Briegers Leiche.

Bei der Suche nach Lolita Briegers Leiche kamen Bagger zum Einsatz

Die Polizei nimmt Briegers ehemaligen Freund fest, doch er schweigt. Am 6. März 2012 beginnt am Landgericht Trier der Prozess gegen ihn. Die Verhandlung soll klären, ob es sich bei der Tat um Mord oder Totschlag handelt. Für den mittlerweile 50-jährigen Angeklagten bedeutet das: Gefängnis oder Freiheit. Denn im Gegensatz zu Mord verjährt Totschlag nach 20 Jahren.

Mord oder Totschlag?

Damit ein Totschlag als Mord gewertet wird, muss mindestens eines der gesetzlich definierten Mordmerkmale erfüllt sein. Dazu gehören zum Beispiel Habgier, niedrige Beweggründe, Mordlust und Heimtücke. Für Mord wird grundsätzlich eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt, die aber unter bestimmten Umständen zum Beispiel zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Die Mindestfreiheitsstrafe für Totschlag hingegen liegt in Deutschland bei fünf Jahren.

Auch der Zeuge, der mutmaßliche Helfer des Angeklagten, sagt vor Gericht aus. Lolita Briegers Ex-Freund soll sehr dominant gewesen sein. Der Zeuge selbst sei dagegen eher als "Dorfdepp" bezeichnet worden, erzählt der Anwalt der Familie Brieger.

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Zwischen Recht und Gerechtigkeit

Im Juni 2012 fällt schließlich das Urteil. Die Staatsanwaltschaft hatte auf Mord plädiert. Doch wie von der Verteidigung gefordert, spricht das Gericht den Angeklagten frei. Es heißt, die Kammer habe den Tatvorgang nicht genau aufklären und das Mordmerkmal der Heimtücke nicht objektiv feststellen können. Letzteres liegt vor, wenn ein Täter die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers zur Tötung ausnutzt.

Der Angeklagte hält sich vor Gericht eine Aktenmappe vor das Gesicht. Neben ihm steht sein Verteidiger.

Für den Angeklagten ist die Verhandlung vor dem Landgericht mit einem Freispruch geendet

Ein bitterer Ausgang für Lolita Briegers Familie. Während ihre 80-jährige Mutter zu Hause geblieben war, kam Briegers ältere Schwester zu der Verhandlung. "Das ist keine Gerechtigkeit", sagt Petra Brieger nach dem Urteil. "Das ist eine Ohrfeige für unsere Mutter. Aber sie hat geahnt, dass es so ausgeht."

Jahre nach dem Prozess lebt der Täter immer noch auf einem Hof in der Nähe von Briegers Elternhaus. Im Dorf möchte niemand mehr öffentlich über den Fall sprechen. Juristisch hat Lolita Briegers Ex-Freund für seine Tat nichts mehr zu befürchten. Doch mit der möglichen Schuld, ein Leben beendet zu haben, muss er leben.

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