Ein Strauß Rosen und ein Mordversuch
30. Juni 1986: An diesem späten Montagabend klingelt es an der Wohnungstür von Annemarie Neumann (alle Nachnamen geändert) in Bochum. Die Blumenhändlerin hat ihren Laden schon abgeschlossen, sie hat Feierabend. Vor der Tür steht Michael Rudolf. Die beiden kennen sich flüchtig. Zumindest aber gut genug, dass Neumann dem 28-jährigen Polizisten einen Wunsch nicht abschlagen kann. Er hätte gerne noch einen Strauß Rosen, sagt er.
Neumann schließt ihren Blumenladen wieder auf und Rudolf schlägt hinterrücks zu. Er zückt ein Fahrtenmesser und sticht auf die 33-Jährige ein. In den Hals, ins Gesicht, in den Körper. Zwölfmal. Eine Freundin von Neumann und ihr Sohn hören ihre Schreie und rennen direkt zum Blumenladen. Die Blumenhändlerin liegt dort blutüberströmt auf dem Boden. Die Ärzte können ihr Leben zwar retten, doch sie bleibt mit Narben im Gesicht und am Hals für immer entstellt. Mehr zu diesem Fall gibt es auch bei WDR Lokalzeit MordOrte auf YouTube.
Rudolf kann zunächst fliehen. Am nächsten Morgen wird er festgenommen. Den Mordversuch an sich gibt er schnell zu, doch über sein Motiv schweigt er monatelang. Bis er schließlich vor Gericht steht.
Manipulieren und manipuliert werden
"Es war absoluter Horror, was da geschildert wurde", sagt Ruth Rissing-van Saan. Sie ist damals die Richterin im Prozess am Bochumer Landgericht. Was Rudolf dort aussagt, macht die Zuhörer zunächst fassungslos. Er erzählt, dass die Blumenhändlerin ein Opfer für den "Katzenkönig" sein sollte. Ohne dieses Opfer hätten Millionen von Menschen oder sogar die ganze Menschheit sterben müssen.
Der "Katzenkönig" war ihr Fall: die ehemalige Richterin Ruth Rissing-van Saan
Wer Rudolfs Glauben an einen "Katzenkönig" verstehen will, muss zunächst Rudolf selbst verstehen. Er wächst behütet auf, ist aber schon als Kind ein Außenseiter. Das bleibt er auch als Erwachsener, seine Kollegen bei der Polizei schauen auf ihn herab. So ist Rudolf ein einsamer Mensch, der sich nach Zuneigung und Kontakten sehnt. Und ein Mensch, den man leicht beeinflussen und manipulieren kann.
- Zum Beitrag: Psychologe erklärt die Macht der Manipulation
Gut vier Jahre vor dem Mordversuch trifft Rudolf auf Barbara Hansen. Eine 18-Jährige, der es leicht fällt, andere zu manipulieren und zu beeinflussen. Das merkt auch Richterin Rissing-van Saan im Prozess schnell: "Es gibt Menschen, die haben eine bestimmte Ausstrahlung. Die können, wenn sie sprechen, faszinieren", sagt sie rückblickend über Hansen.
Rudolf und Hansen werden ein Paar und sie tischt ihm immer wieder haarsträubende Geschichten auf. Unter anderem von einem Zuhälterring, der sie angeblich verfolgt und regelmäßig verschleppt und foltert. Rudolf beschützt Hansen daraufhin selbst oder organisiert ihr Beschützer. Als er einen von ihnen mit ihr im Bett erwischt, endet die Beziehung.
Mordanschlag im Auftrag des "Katzenkönigs"
Drei Jahre später treffen sich die beiden wieder. Rudolf ist noch immer in sie verliebt. Doch Hansen ist mittlerweile mit dem 43-jährigen Peter Pieper zusammen. Der neigt wie sie zu Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien. Die beiden erzählen Rudolf unglaubliche Dinge: Hansen soll unter anderem eine Hohepriesterin sein, mehrfach wiedergeboren und seelisch mit dem mythischen Volk von Atlantis verwandt. Der leichtgläubige Rudolf nimmt ihnen ihre Geschichten ab. Auch aus Liebe zu Hansen.
Hansen und Pieper benutzen den Polizisten zunächst "als Werkzeug für den eigenen Spaß", schreibt der Bundesgerichtshof später. Sie erzählen ihm unter anderem vom "Katzenkönig", der angeblich am Möhnesee im Sauerland lebt und seit Jahrtausenden das Böse verkörpert und die Welt bedroht. "Durch schauspielerische Tricks, Vorspiegeln hypnotischer und hellseherischer Fähigkeiten und die Vornahme mystischer Kulthandlungen" manipulieren sie Rudolf monatelang. Er glaubt schließlich fest an den "Katzenkönig".
Angebliche Heimat des "Katzenkönigs": Der Möhnesee im Sauerland
Das nutzen die beiden aus. Hansen erfährt im April 1986, dass sich einer ihrer Ex-Freunde verlobt hat. Mit der Blumenhändlerin Neumann. Eifersucht und Hass überkommen sie. Ihr neuer Partner Pieper wiederum würde gerne seinen Nebenbuhler Rudolf loswerden. Zusammen schmieden sie einen Plan.
Die beiden erzählen dem mittlerweile zermürbten und labilen Rudolf, dass der "Katzenkönig" jetzt von ihm ein Menschenopfer verlangt. Annemarie Neumann. Nur so kann die Menschheit gerettet werden, sagen sie. Pieper gibt Rudolf sein Fahrtenmesser und gibt ihm auch Tipps, wie er am besten zustechen soll.
Rudolf zweifelt zunächst an diesem Auftrag. Hatte er sich doch auf Anweisung von Hansen erst kurz zuvor katholisch taufen lassen. Jetzt will er nicht gegen das fünfte Gebot verstoßen. Doch Hansen und Pieper überzeugen ihn von seinem angeblichen göttlichen Auftrag, für den das Tötungsverbot nicht gelte. So versucht der Polizist Rudolf Ende Juni 1986, die Bochumer Blumenhändlerin umzubringen.
Bochumer Fall schreibt Rechtsgeschichte
Wie können wilde Fantasiegeschichten zu einem Mordanschlag führen? "Das ist eine hochtoxische Verbindung verschiedener Persönlichkeiten gewesen", sagt die Düsseldorfer Psychologin Natalie Oesterlein: Der einsame Rudolf "hat eine Aufgabe gesucht, der wollte eine Bedeutung im Leben haben", sagt sie, Hansen hat das "komplett bedient".
Der Bundesgerichtshof spricht damals von einem "neurotischen Beziehungsgeflecht" zwischen Hansen, Pieper und Rudolf. Am Ende werden alle drei bestraft, die beiden Auftraggeber zunächst zu lebenslanger Haft. Das Gericht sieht sie nämlich nicht nur als Anstifter zum Mord. Sondern als mittelbare Täter, die den Mordversuch durch jemand anders ausgeführt haben.
Nach einer Revision werden die Strafen verkürzt: Hansen muss für 14 Jahre ins Gefängnis, ihr Partner Pieper für elf. Der Messerstecher Rudolf wird am Ende zu acht Jahren Haft verurteilt. Außerdem muss er sich in der Psychiatrie behandeln lassen. Er ist zwar grundsätzlich schuldfähig, seine Steuerungsfähigkeit war aber "erheblich vermindert", schreibt der Bundesgerichtshof.
Die beiden Auftraggeber bekommen als mittelbare Täter also höhere Strafen als der ausführende Täter selbst. Damit schreibt der Bochumer Fall Rechtsgeschichte. Die damalige Richterin Rissing-van Saan erklärt das so: "Es gab vorher noch keine Entscheidung, die gesagt hatte: Die Leute im Hintergrund sind nicht nur Anstifter, also nicht nur diejenigen, die die Idee geben, sondern sie sind die eigentlich Verantwortlichen für diese Tat."
Das Urteil war und ist umstritten. Unter anderem, weil Rudolf gerade als Polizist klar gewesen sein muss, dass ein Mord nicht rechtmäßig sein kann. Trotz aller Manipulation. So wird der Bochumer Fall auch rund 40 Jahre später unter Juristen noch stark diskutiert. Und noch heute kommt kaum ein Jurastudent in seinem Studium am unglaublichen Fall des "Katzenkönigs" vorbei.