Zum EU-Gipfel: Bürokratieirrsinn in NRW

WDR 01:58 Min. Verfügbar bis 19.03.2028

Weniger Bürokratie – so würden Unternehmen in NRW profitieren

Stand:

Brüssel müsse möglichst viel Bürokratie abschaffen, fordert Bundeskanzler Merz vor dem Start des EU-Gipfels am Donnerstag. Das wünschen sich auch NRW-Firmeninhaber. 

Guido Schmidt hat Bürokratie auf die harte Tour kennengelernt: Das Schiffsreinigungs- und Entgasungsterminal, das er im Rhein-Lippe-Hafen in Wesel baut, wird später fertig und wäre fast gescheitert.

„Bevor ich meinen jugendlichen Leichtsinn verloren habe, hatte ich so mit Zeiten von sieben Jahren Realisierung gerechnet.“ Guido Schmidt

15 Jahre für Planung und Genehmigung

Für das Familienunternehmen ist das Terminal eine Investition in dreistelliger Millionenhöhe. Längst sollten hier Frachtschiffe Müll, Abwässer, Rückstände und Schadstoffe umweltfreundlich entsorgen. Doch Planung und Genehmigung haben 15 Jahre gedauert.

Das Genehmigungsverfahren zog sich so lange hin, dass sich zwischendurch die Vorschriften mehrfach änderten, das bedeutete neue Gutachten, neue Berechnungen, höhere Kosten. Guido Schmidt und sein technischer Leiter Wilhelm Schilling nehmen die zuständige Bezirksregierung Düsseldorf in Schutz:

„Das kann kein Mensch mehr prüfen, da sitzen Genehmigungsstellen und Antragsteller in einem Boot.“ Wilhelm Schilling

Merz: Raum für Investitionen und Innovationen schaffen 

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte in seiner Regierungserklärung vor dem EU-Gipfel einen Reformstau beklagt: „Wir wollen dafür sorgen, dass es Raum gibt für Mut, für Investitionen, für Innovationen, für Experimente.“

Einen Tag vor dem Gipfel sind für viele kleine und mittlere Unternehmen Erleichterungen in Kraft getreten, die die Anforderungen aus dem Lieferkettengesetzes und der Nachhaltigkeitsberichterstattung senken.
Außerdem will die EU-Kommission es vereinfachen, ein Unternehmen zu gründen: Dies soll für 100 Euro und komplett digital ablaufen, ohne Notartermin und in allen EU-Staaten nach identischen Regeln.   

EU Inc. soll Gründung erleichtern: "Richtige Richtung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 19.03.2026 05:53 Min. Verfügbar bis 19.03.2027 WDR 5

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Düsseldorfer Regierungspräsident fordert andere Fehlerkultur

Dass Deutschland ein Bürokratie-Problem hat, ist sogar aus den Behörden zu hören. Dem Düsseldorfer Regierungspräsidenten Thomas Schürmann (Grüne) dauern die Planungs-, Genehmigungs- und Förderverfahren insgesamt zu lange. Mit gut vorbereiteten Anträgen, genügend und guten Mitarbeitern in den Behörden, mit Digitalisierung ließe sich das Tempo erhöhen. Nötig sei auch Mut:"Das ist das Thema Fehlerkultur. Ich glaube, wir müssen uns darauf verständigen, dass man sich nicht zu 100 Prozent in allem absichern kann. Und dass nicht jeder Einzelfall bis ins kleinste Detail geregelt ist.

Fragebögen als Beschäftigungstherapie

 Edelstahlgießerei in Langenfeld

Edelstahlgießerei in Langenfeld

Ob man einiges vom Papierkram einfach weglassen kann, hat Clemens Schmees getestet. Er ist Inhaber einer Edelstahlgießerei in Langenfeld. Irgendwann war er es leid, die vielen Fragebögen von Kunden und Lieferanten zu beantworten. Darin soll Schmees Auskunft geben etwa zu den Umweltstandards und Arbeitsbedingungen in seinem Unternehmen:

„Die Mails habe ich einfach gelöscht. Das waren bestimmt 30, 40 Stück in einem halben Jahr. Komischerweise ist niemals eine Mahnung gekommen, das ist nur Beschäftigungstherapie.“ Clemens Schmees

Institut der deutschen Wirtschaft sieht „Kulturproblem“ in Behörden

Portrait Matthias Diermeier

Matthias Diermeier

Matthias Diermeier vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hat den Eindruck, dass es die Regierung Merz ernst meint mit dem Bürokratieabbau.

Allerdings ließe sich das Thema nicht in einer Wahlperiode lösen: „Denn letztlich haben wir in den Behörden ein Kulturproblem, wo Menschen lange geschützt wurden, die sich keine Fehler erlaubt haben, die sich immer an Regeln gehalten haben, die dafür aber Ermessensspielräume auch nicht ausgeschöpft haben.“

IW-Umfrage: Unternehmer bereit zu strengerer Haftung

Für weniger Bürokratie wäre ein Großteil der Unternehmer sogar zu einer strengeren Haftung bereit, heißt es im IW-Zukunftpanel vom Jahreswechsel 20025/2026. Also weniger Berichte zum Abheften, aber hohe Strafen, wenn man die Vorschriften nicht einhält.

Auch Unternehmer Guido Schmidt wäre damit einverstanden. Auf fünf Millionen Euro schätzt er die Genehmigungskosten bei seinem Projekt. Nächstes Jahr soll das erste Schiff an seinem Terminal anlanden:

„Wir setzen uns einfach dann auf die Steigeranlage und trinken ganz kaltes, gut schmeckendes Bier. Auf die Bürokratie.“ Guido Schmidt

Unsere Quellen:

- Institut der deutschen Wirtschaft, Köln
- Bezirksregierung Düsseldorf
- KSR-Gruppe, Sonsbeck
- Schmees Cast, Langenfeld

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 19.03.2026, 6:05-9 Uhr
Sendung:
WDR Fernsehen, WDR aktuell 19.03.2026, 12:45 Uhr

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