Zollbeamte gehen auf das Gelände eines Logistikunternehmens

Arbeitsmarkt-Experte über Paketbranche "Wilder Westen des Arbeitsmarkts"

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Bundesweit ist der Zoll am Mittwoch mit Kontrollen gegen schwarze Schafe in der Paketbranche vorgegangen. Dort herrschen teils prekäre Arbeitsbedingungen. Sozialwissenschaftler und Arbeitsmarkt-Experte Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz erklärt, warum bestehende Gesetze oft wirkungslos bleiben - und weshalb auch wir Kunden Verantwortung tragen.

Von Stefan Erdmann

Herr Prof. Sell, hunderte Pakete am Tag, Zehn-Stunden-Tage oder noch länger, Lohndumping: Wer entscheidet sich freiwillig für so einen Knochenjob?

Prof. Stefan Sell: Menschen, die dringend auf jeden Euro angewiesen sind. Darunter sind viele, die mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt wurden. In der Paketzustellung arbeiten hunderttausende Menschen, viele davon aus ärmeren EU-Ländern wie Rumänien oder Bulgarien, inzwischen aber auch aus weiter entfernten Staaten.

Sie werden oft über dubiose Vermittlungsagenturen angeworben. Ihnen wird versprochen, sie könnten hier viel Geld verdienen. Tatsächlich landen viele in Arbeitsverhältnissen, die teilweise menschenunwürdig sind. Oft sprechen sie kaum Deutsch, sind abhängig von ihren Vermittlern und werden dann an Subunternehmer weitergereicht, die im Auftrag großer Paketdienste arbeiten. Teilweise leben sie zu dritt oder zu viert in kleinen Zimmern und zahlen dafür mehrere hundert Euro Miete.

Porträt von Prof. Stefan Sell

Prof. Stefan Sell, Sozialwissenschaftler und Arbeitsmarkt-Experte an der Hochschule Koblenz

Wenn wir uns den Arbeitsalltag dieser Menschen anschauen: Wie prekär sind die Bedingungen für Mitarbeiter von Zustellern hier in Deutschland?

Sell: Viele Menschen können sich kaum vorstellen, welche Gesetzesverstöße dort stattfinden - etwa bei den Arbeitszeiten. Wer mit Fahrern spricht, die abends um 19:30 oder 20 Uhr noch Pakete ausliefern, erfährt oft, dass deren Arbeitstag morgens um 6:30 Uhr in den Logistikzentren beginnt. Da reden wir nicht mehr von Acht- oder Zehn-Stunden-Tagen, sondern teilweise deutlich darüber hinaus. Das verstößt klar gegen geltendes Arbeitszeitrecht.

Ist das flächendeckend so oder gibt es auch positive Beispiele für verantwortungsvollere Zustellunternehmen?

Sell: Die Branche ist sehr unterschiedlich strukturiert. DHL, Hermes, UPS oder DPD kennt jeder, dazu kommt Amazon Logistics. Wichtig ist: DHL beschäftigt den Großteil seiner Zusteller direkt. Viele Kunden gehen davon aus, dass auch Fahrer anderer Paketdienste dort fest angestellt sind - das stimmt aber oft nicht. DPD etwa setzt vollständig auf Subunternehmen.

Und genau darin liegt das zentrale Problem. Unterhalb der bekannten Paketdienste gibt es ein kaum überschaubares Netz kleiner Subunternehmen. Diese stehen unter enormem Kostendruck und geben den Druck an ihre Fahrer weiter. Oft bleibt nur der Personalbereich als Stellschraube, um überhaupt wirtschaftlich arbeiten zu können. Dort finden wir dann auch die skandalösen Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung.

DHL Paketzusteller mit Paketen vor einem geöffneten DHL-Auto

Sell nennt DHL als Positivbeispiel, weil das Unternehmen den Großteil seiner Zusteller direkt beschäftigt

Es gibt in Deutschland einen Mindestlohn, Arbeitszeitgesetze und seit 2019 auch das Paketboten-Schutz-Gesetz. Müssen die bestehenden Regeln nur besser kontrolliert werden oder braucht es schärfere Gesetze?

Sell: Beides. Über die Missstände wird seit Jahren gesprochen. Teile der Paketzustellung kann man durchaus als wilden Westen des Arbeitsmarkts bezeichnen. Das zentrale Problem ist der Mindestlohnbetrug über die Arbeitszeit. Der Mindestlohn gilt pro Stunde. Wenn jemand offiziell acht Stunden arbeitet, tatsächlich aber 14 Stunden unterwegs ist, dann wird ein großer Teil dieser Arbeit nicht vergütet. Genau dort findet die Ausbeutung statt.

[Der Zoll] muss rechtssicher belegen können, wie viele Stunden tatsächlich gearbeitet wurden. Oft gelingt das nicht. Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarkt-Experte, Hochschule Koblenz

Das Problem für den Zoll ist allerdings der Nachweis. Man muss rechtssicher belegen können, wie viele Stunden tatsächlich gearbeitet wurden. Oft gelingt das nicht. Teilweise werden Fahrer offiziell für wenige Stunden bezahlt, den Rest erhalten sie schwarz. Das ist besonders perfide, weil die Betroffenen dadurch selbst zu Mitbeteiligten gemacht werden.

Das Paketboten-Schutz-Gesetz war grundsätzlich gut gemeint. Es führt eine sogenannte Nachunternehmerhaftung ein. Die großen Paketdienste sollen dafür sorgen, dass ihre Subunternehmen Sozialabgaben korrekt zahlen. In der Praxis reicht das aber nicht. Die Auftraggeber lassen sich entsprechende Erklärungen unterschreiben und verweisen im Problemfall darauf, dass ihre Partner zur Einhaltung der Gesetze verpflichtet seien. Die Realität sieht oft anders aus.

Lars Klingbeil (SPD)

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zu den Zollkontrollen: "Unser Ziel ist es, Menschen wirksam vor Ausbeutung zu schützen und die Einnahmen des Staates sowie der Sozialversicherung zu sichern"

Die großen Paketdienste haben jetzt nochmal betont, man dulde keine Verstöße bei Subunternehmen. Gleichzeitig hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil die Zollkontrollen gelobt. Ist das mehr als Symbolpolitik?

Sell: Die Kontrollen sind wichtig, aber sie haben vor allem symbolischen Charakter. Mit 2.900 Zollbeamten sendet der Staat ein Signal: Wir schauen hin. Das eigentliche Problem wird dadurch aber nicht gelöst. Die strukturellen Missstände bleiben bestehen.

Ein Blick auf die Fleischindustrie zeigt das deutlich. Dort hatte man zunächst ähnliche Haftungsregeln eingeführt, später aber erkannt, dass das nicht reicht. Deshalb kam schließlich ein Direktanstellungsgebot. Die Unternehmen mussten ihre Beschäftigten selbst anstellen statt über Subunternehmen oder dubiose Leiharbeitsfirmen arbeiten zu lassen. Das hat die Situation deutlich verbessert.

Genau darüber wird inzwischen auch bei Paketdiensten diskutiert. Mehrere Bundesländer haben bereits gefordert, ein solches Direktanstellungsgebot einzuführen. Passiert ist bislang allerdings nichts.

Komplettes Interview mit Prof. Stefan Sell zu Arbeitsbedingungen bei Paketdiensten

WDR 06.05.2026 27:18 Min. Verfügbar bis 05.05.2028 WDR Online

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Und dann gibt es noch uns als Kunden. Welche Verantwortung tragen wir?

Sell: Das ist ein wunder Punkt. Der Onlinehandel ist massiv gewachsen, und viele Menschen halten kostenlose Lieferung und kostenlose Retouren inzwischen für selbstverständlich. Dadurch entsteht enormer Preisdruck entlang der gesamten Lieferkette - vor allem auf der letzten Meile.

Wenn man die Arbeitsbedingungen wirklich verbessern will, dann wird die Zustellung an die Haustür teurer werden müssen. Anders geht es nicht. Andere Länder zeigen das bereits. In Dänemark etwa kostet die Haustürzustellung deutlich mehr. Alternativ holt man seine Bestellung an Sammelstellen ab. Das reduziert Verkehr, spart Kosten und entlastet die Fahrer.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Paketboten stehen unter enormem Zeitdruck und sind oft mit schlechten Fahrzeugen unterwegs. Die Unfallhäufigkeit ist deutlich erhöht. Das betrifft nicht nur die Fahrer selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer. Eine bessere Regulierung würde also nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern auch gesellschaftliche Folgekosten senken.

Ein Paketbote liefert Pakete aus

Um Bedingungen für Paketzusteller zu verbessern, muss die Zustellung teurer werden, fordert Sell

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporter Stefan Erdmann.

Es ist leicht gekürzt und für eine bessere Lesbarkeit angepasst. Das vollständige Interview im Wortlaut ist in diesem Artikel als Audio-Datei beigefügt.

Sendung: WDR.de, Komplettes Interview mit Prof. Stefan Sell zu Arbeitsbedingungen bei Paketdiensten, 06.05.2026, 20:25 Uhr

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