Ana Romas in Nachbars Küche : Resilienz auf dem Teller – Tamilisches Rotti mit Sambal
Für Scherin Rajakumaran ist tamilisches Roti mehr als Essen: Es ist Erinnerung, Identität und gelebte Resilienz. In Düsseldorf bringt sie die Kultur ihres Volkes auf den Teller – und kämpft gegen koloniale Missverständnisse rund um "Curry" an.
Wer bei Scherin Rajakumaran in Düsseldorf in die Küche schaut, blickt nicht einfach nur auf ein leckeres und farbenfrohes Essen. Man blickt auf die Jahrtausende überdauernde Kultur der Tamilen.
Die 38-jährige Düsseldorferin, die im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, hat eine Mission: Sie will der tamilischen Küche in Deutschland die Bühne geben, die ihr zusteht. Abseits des westlichen Stempels, alles schnell als "indisch" zu deklarieren, gibt Scherin mittlerweile Kochkurse, um Menschen die Identität und die Geschichten ihres Volkes näherzubringen.
Ihre Eltern flohen 1984 vor dem srilankischen Bürgerkrieg nach Westdeutschland. Regional stammen sie aus Jaffna, Eelam Tamil. In Europa wird oft fälschlicherweise angenommen, Sri Lanka sei ein kulturell homogener Inselstaat. Tatsächlich ist die Geschichte des Landes von tiefen ethnischen Spannungen und systematischen Verfolgungen der tamilischen Minderheit durch die singhalesische Mehrheit geprägt. Kochen ist für die Diaspora-Gemeinschaft deshalb immer auch ein Akt der Resilienz – eine Art, die eigene Kultur und die tamilische Sprache, die zu den ältesten lebenden Sprachen der Welt gehört, lebendig zu halten.
Für Scherin ist das Theengkai (Kokosnuss) Roti aber auch ein Rückzugsort, um sich zu erden und ein Platz, um die Seele zu wärmen. Eine bestimmte Zutat des Rotti, signalisiert ihr immer Heimat und Zuhause:
"Die Pflanze ist sehr ikonisch. Die wächst bei uns wie Unkraut! Das ist für mich Zuhause, so riecht es bei uns." Scherin Rajakumaran
Ein Paradebeispiel dafür, wie koloniale Missverständnisse und -Verhältnisse unsere Sprache und Küche bis heute prägen, ist das Wort "Curry". Das, was wir hier als gelbes Pulver oder Zusatz im Ketchup kennen, hat mit der traditionellen tamilischen Küche wenig zu tun. Der Begriff leitet sich vom tamilischen Wort Kari ab, was übersetzt "Eintopf" oder "Sauce" bedeutet.
Als die Kolonialmächte die Gewürze aus Südasien nach Europa brachten, machten sie daraus eine fixe Gewürzmischung, weil sie die Komplexität des Gerichtes nachahmen wollten, die Curryblätter sich aber im getrockneten Zustand nicht auf die gleiche Weise verarbeiten ließen. Sie verlieren beim Trocknen nämlich ihr einzigartiges Aroma. Der eigentliche Currybaum jedoch trägt hocharomatische Blätter (tamilisch: Karuveppilai), die geschmacklich nichts mit dem Pulver gemein haben. In Scherins Küche sind sie die mit wichtigste Zutat.
Die tamilische Küche folgt der ayurvedischen Tradition: Gegessen wird, was Körper und Seele guttut. Es gibt keine klassischen Gänge, alle Speisen kommen gleichzeitig auf den Tisch, und es wird traditionell mit den Händen gekocht und gegessen.
Eine Besonderheit an Scherins Roti ist der "Ruhrpott-Twist" ihrer Mutter: Weil in den 80er-Jahren die Zutaten knapp waren, fügte sie dem Teig Haferflocken hinzu. Ein genialer Kniff, den Verwandte mittlerweile sogar zurück in die alte Heimat importiert haben.
Theengkai Rotti mit Katherikkai und Theengkai Sambal
(Kokosnuss Rotti mit Auberginen und Kokosnuss Sambal)
Zutaten für 4 Personen
Für die Rotti:
250 g Haferflocken (kernig)
250 g Kokosraspeln (am besten frisch oder gefroren aus dem asiatischen Supermarkt)
ca. 400 g Mehl
1 Zwiebel, klein gewürfel)
ca. 10 Curryblätter, klein gezupft
3 frische grüne Chilis, grob gehackt
1 TL Salz
Sonnenblumenöl zum Braten
Zubereitung:
Haferflocken, Kokosraspeln, Zwiebel, Chilis, Curryblätter und Salz in einer Schüssel knapp mit Wasser bedecken, bis die Feuchtigkeit aufgesaugt ist. Nach und nach Mehl unterkneten, bis ein fester, leicht feuchter Teig entsteht. Kleine Kugeln formen, flach ausrollen oder mit den Händen formen und in einer heißen Pfanne mit Öl kross ausbacken.
Für das Katherikkai Sambal (Auberginen-Beilage):
1 große Aubergine, in kleine Würfel geschnitten
3 EL Pflanzenöl
2-3 frische grüne Chilis, klein gehackt
½ rote Zwiebel, in feine Würfel geschnitten
½ TL Salz
3 TL Sambal-Gewürzmischung
Saft von 1 Limette
optional: Frischer Koriander
optional: reichlich Öl zum Frittieren
Zubereitung:
Die Auberginenwürfel mit Öl vermengen, auf einem Blech verteilen und bei 200 °C Ober-/Unterhitze ca. 25 Minuten goldbraun backen. Wer mag kann die Würfel auch in Öl frittieren, das gibt mehr Geschmack. Währenddessen Zwiebeln, Chilis, Salz, Gewürzmischung und Limettensaft marinieren. Die heißen Auberginen unterheben, gut mit der Hand oder eine Löffel vermengen, ein paar Minuten ziehen lassen und mit Koriander lauwarm zu den heißen Rottis servieren.
Für das Theengkai Sambal (Kokos-Beilage):
300 g frische Kokosflocken
ca. 7 rote Chili
1 TL Salz
1 rote Zwiebel
etwa 5-7 frische Curryblätter
Zubereitung:
Getrocknete Chilis und Salz in einem Mörser mahlen, Curryblätter und Zwiebeln dazu geben und weiter stoßen. Frische Kokosraspeln hinzufügen und mit der Hand gut und feste durchkneten, sodass sich die Aromen verbinden.
Alle drei Bestandteile des Gerichts in der Mitte des Tisches servieren, nach Gusto die beiden Sambal zum Rotti auf den Teller nehmen mit mithilfe des Rotti die Sambal entweder zusammen und getrennt essen.
Autor: Ana Romas
Redaktion: Monika Kophal
Service Essen und Trinken ist eine Rubrik der WDR 5 Sendung Neugier genügt und ist dort mittwochs zwischen 11.04 Uhr und 12.00 Uhr zu hören.