Spekulationen um Wüst: Vom Landesvater zum Einwechselkanzler?!
Aktuelle Stunde . 26.05.2026. 23:47 Min.. UT. Verfügbar bis 26.05.2028. WDR. Von Martina Koch.
Auch der längste Weg, so sagt ein chinesisches Sprichwort, beginnt mit einem ersten Schritt. Da kann es ratsam sein, schon vorher seine eigene Schrittlänge zu kennen. Ministerpräsident Hendrik Wüst nutzte am Dienstagmorgen die Gelegenheit und ließ sich bei einem Besuch an der Deutschen Sporthochschule in Köln seine Reichweite zu Fuß ermitteln. 70 Zentimeter, immerhin.
Wo Wüst in diesen Tagen auch auftritt, es begleitet ihn stets dieselbe Frage. Wohin führt ihn sein Weg? Könnte er, will er der nächste Kanzler sein? Besonders die Berliner Hauptstadtpresse beschäftigt das.
Vor allem seit der CDU-Politiker aus dem Westen in der vergangenen Woche mit einem Tross von Journalisten die polnische Partnerregion Schlesien besuchte, hat ein altes Thema wieder neues Futter bekommen. Wüst, der 50-jährige Münsterländer, der in Düsseldorf so harmonisch mit den Grünen regiert, empfiehlt sich als Gegenentwurf zum glücklosen Kanzler aus der eigenen Partei.
"Es macht eben einen Unterschied, wer regiert", sagt er gern, auch bei seinem Auftritt an der Sporthochschule. Das lässt sich auch auf den Sport übertragen. Ja, der feine Unterschied kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wüst vermeidet es, öffentlich den Eindruck zu erwecken, er könne es gar nicht abwarten, Friedrich Merz abzulösen. Und das ist nicht nur Koketterie.
Schon einmal Kanzlerträumen abgeschworen
Wüst hatte schon einmal, ganz offiziell, seiner Kanzlerambition abgeschworen. Im September 2024 verzichtete er mit großer Geste und stellte sich hinter Merz, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Kandidatur des Sauerländers bereits feststand. Das war ein geschickter Zug, der ihm in der Union viel Respekt einbrachte. "Der Hendrik ist die Zukunft unserer Partei", sagte damals ein führender CDU-Mann aus NRW.
Wie zu hören ist, melden sich täglich Menschen aus der CDU, um Wüst zu ermuntern, doch nach Berlin zu wechseln. Aus ganz Deutschland. Wie genau das eigentlich gehen sollte, wissen sie vermutlich auch nicht. Für politische Parteien, vor allem die Union, gilt der Satz: "Die Partei liebt den Verrat, aber sie hasst den Verräter." Wer also sollte den Königsmörder geben? Dass Friedrich Merz freiwillig auf sein Amt verzichtet, damit Wüst übernehmen kann, ist wenig wahrscheinlich. Dass die SPD dabei mitmacht, ist nicht zu erwarten. Dass die CSU unter Markus Söder ihren Segen gibt - nahezu ausgeschlossen.
Wüst-Spekulationen sind eine Projektion
Die Spekulationen über Wüsts Zukunft sind eine Projektion, die mehr über den tatsächlichen Zustand der Berliner Regierung verrät als über die Ambitionen des NRW-Ministerpräsidenten. Selbst glühende Merz-Fans von einst sind inzwischen enttäuscht. Es läuft einfach nicht, die Stimmung ist unterirdisch, die AfD wächst in den Umfragen. Das Land taumelt, größer als die Ratlosigkeit der Politik scheint nur noch das gegenseitige Misstrauen in der schwarz-roten Koalition.
Ob Wüst es besser könnte, ist eine theoretische Frage. Dass sie gerade in den ostdeutschen CDU-Landesverbänden auf einen wie ihn warten würden, darf man bezweifeln. Auf einen, der aus dem tiefen Westen kommt, der die Grünen liebkost, sich auf einem Lastenrad ablichten lässt, der aus seiner Bewunderung für Angela Merkel keinen Hehl macht und den CSD eröffnet. Und der die AfD eine "Nazi-Partei" nennt. Hätte er die Kraft, in der Debatte um die sogenannte Brandmauer eigensinnige Landesverbände der Union zur Raison zu rufen?
Politik ohne Ecken und Kanten
In Düsseldorf hat er sich für einen präsidialen Politikstil entschieden. Er hält sich aus unangenehmen Themen weitgehend heraus, lässt sich auf Social Media als nahbarer Politiker ohne Ecken und Kanten in Szene setzen. Das würde als Kanzler nicht funktionieren.
Außerdem dürfte sich seine Lebensplanung zwischen Kanzleramt, Bundestag, Brüssel, Paris, Washington und den Krisenherden dieser Welt nur schwer umsetzen lassen. Verheiratet, mit zwei kleinen Kindern, einem Rückzugsort im münsterländischen Rhede. Der Christdemokrat schätzt seine Zeit mit der Familie über alles. Damit wäre in Berlin Schluss.
Auch die schönen Termine eines Ministerpräsidenten wären Geschichte. Einen Scheck über 86 Millionen Euro an die Sporthochschule zu übergeben, zum Beispiel. Bei strahlendem Sonnenschein und bester Laune aller Versammelten. Wüsts Büro in der Staatskanzlei ist von Köln aus nur eine halbe Stunde Fahrtzeit entfernt. Die großen Probleme des Landes wirken an diesem Dienstag dagegen weit weg. Eine halbe Ewigkeit.
Unsere Quellen:
- Eigene Analyse und Beobachtungen unseres Korrespondenten
Sendung: WDR.de / Warum wir wieder über Hendrik Wüst reden, 26.05.2026, 15:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 26.05.2026, 18:45 Uhr
