Im vergangenen Jahr haben Ärzte in NRW bei 19.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren die Diagnose "Adipositas durch zu viel Kalorienzufuhr" gestellt, also starkes Übergewicht. Das sind Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe. Sie sind im Vergleich zu 2017 um fast 165 Prozent gestiegen!
Nicht mitgezählt sind die Kinder und Jugendlichen, die "normales" Übergewicht haben. Offiziell sind bundesweit 15 Prozent betroffen. Diese Zahl stammt vom Robert Koch-Institut (RKI) und ist fast zehn Jahre alt. Auch hier dürfte es mittlerweile einen Anstieg gegeben haben. Übergewicht ist gefährlich und kann unter anderem Diabetes und Herz-Kreislauf- Erkrankungen verursachen.
Vereinzelte Hilfen in NRW für adipöse Kinder
In Nordrhein-Westfalen gibt es zwar einige ambulante Therapiemaßnahmen für Kinder und Jugendliche, die abnehmen wollen oder müssen. Allerdings werden die nur vereinzelt und oftmals eher in größeren Städten angeboten, als in ländlichen Regionen.
Bewegungstraining für Emma und Philipp
In Herdecke kümmert sich der Verein "Pro Kid" um Betroffene aus der Region. Kinder zwischen 8 und 17 Jahren durchlaufen unter strenger Aufsicht einer Kinderärztin ein neunmonatiges Programm, zertifiziert und finanziert von den Krankenkassen. Pro Patient gibt es rund 1.500 Euro, um beispielsweise Therapeuten und Räumlichkeiten bezahlen zu können. In diesem Jahr machen bei "Pro Kid" rund 20 Kinder und Jugendliche mit, aufgeteilt nach Alter in zwei Gruppen. Jede Woche gehen sie zum Sport. Regelmäßig gibt es Ernährungsberatung und Verhaltenstherapie. Die Eltern sind mit eingebunden.
Ambulante Therapie bei Übergewicht: Viele Kinder haben Erfolg
Emma bei "Pro Kid"
Emma ist 9 und seit vergangenem Herbst mit ihrer Familie dabei. Sie fühlt sich schon länger unwohl in ihrem Körper. Mitschüler haben sie wegen ihres Gewichts geärgert, sagt sie. Seit Emma bei "Pro Kid" mitmacht, geht es ihr besser. Sie hat auch schon abgenommen. Der regelmäßige Sport tut ihr gut. Das Angebot soll Spaß machen, bei den Kindern soll es bestenfalls "Klick" machen, erklärt der Trainer.
"Ich bewege mich jetzt viel mehr. Es fällt mir leichter." Emma (9)
Das sagt auch Philipp. Er ist 12. "Gut ist, dass wir das in der Gruppe machen. Das macht es leichter. Wir wollen ja alle das gleiche erreichen." Ihre Eltern sind regelmäßig bei der Ernährungsberatung und der Verhaltenstherapie dabei. So soll sichergestellt werden, dass die Veränderungen auch zuhause alltäglich werden.
Großer Aufwand für "Pro Kid" und die Kinderärztin
Kinderärztin Dr. Dörte Hilgard
Dörte Hilgard ist Kinderärztin und kümmert sich darum, dass der Verein "Pro Kid" das Programm gegen Übergewicht überhaupt durchführen kann. Für jedes Kind stellt sie einzelne Anträge bei den Krankenkassen. Häufig muss sie ihre Angaben noch zusätzlich aufwendig erklären und nachverhandeln, sagt sie. Das kostet Nerven und vor allem viel Zeit. Die haben Kinderärzte häufig nicht.
Aus Spendengeldern für den Verein können sie zusätzlich Mitarbeiter beschäftigen. Nur so gelingt es ihnen, die Maßnahmen für Betroffene überhaupt zu organisieren und umzusetzen, sagt Dr. Hilgard. Sie fordert mehr Zeit für Kinderärzte, Schulungen für Personal und mehr Therapiemöglichkeiten, um mehr Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht helfen zu können.
"Adipositas ist eine gefährliche, total unterschätzte und wahnsinnig schwierig zu behandelnde Krankheit. Alles, was uns mehr Zeit für dieses Thema in den Praxen gibt, ist ein Gewinn." Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein
DMP Adipositas: Einheitliches Programm lässt auf sich warten
Eigentlich gibt es bereits ein Programm, das Kinderärzte für stark übergewichtige Patienten anwenden können sollen. Das so genannte Disease-Management-Programm (DMP) "Adipositas bei Kindern und Jugendlichen" für Betroffene zwischen 5 und 18. Es ist bereits zum 1.7.2025 in Kraft getreten und wurde vom gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossen.
Es soll Kinderärzten unter anderem mehr Zeit für Patienten einräumen und Betroffenen einheitliche Therapiemaßnahmen ermöglichen. Die Krankenkassen können sich mit Ärzten und Kliniken aber offenbar nicht auf eine Umsetzung einigen. "Entsprechende Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen. Das Bundesministerium für Gesundheit prüft derzeit, wie die Umsetzung von DMP weiter vereinfacht und beschleunigt werden kann", heißt es dazu auf WDR-Nachfrage aus dem Bundesgesundheitsministerium.
Kostendruck der Krankenkassen bremst Adipositas-Programm
Das NRW Gesundheitsministerium hat sich nach eigenen Angaben bereits vor einigen Jahren im Bund dafür eingesetzt, dass Krankenkassen Programme wie das DPM schneller auf den Weg bringen müssen, nach Ablauf einer Frist. Passiert ist das nicht. Die Kassenärztlichen Vereinigungen in Nordrhein-Westfalen befürchten, dass junge Patienten mit Übergewicht noch lange warten müssen, bis es flächendeckend von Krankenkassen finanzierte Angebote gibt. Sie glauben, dass es an dem derzeitigen Kostendruck bei den gesetzlichen Krankenkassen liegt, warum das DPM noch nicht angeboten wird.
Bei "Pro Kid" bleiben die 20 Kinder aus Herdecke und Umgebung erst einmal in guten Händen. Die regelmäßigen Angebote gegen Übergewicht enden für sie zwar kurz vor den Sommerferien. Kinderärztin Dörte Hilgard lädt die Familien in den kommenden drei Jahren aber weiter zu Kontrollgesprächen ein, damit alle weiter am Ball bleiben.
Unsere Quellen:
- Kassenärztliche Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe
- Bundesverband der Kinder und Jugendärzte Nordrhein
- NRW Gesundheitsministerium
- Bundesgesundheitsministerium
- Verein "Pro Kid e.V."
- Gespräche mit betroffenen Kindern und deren Familien vor Ort
Sendung: Westpol, Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, 21.06.2026, 19:30 Uhr
WDR.de, Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, 19.06.2026, 05:00 Uhr
