Wir sind fett: Warum haben wir keine Zuckersteuer?

Aktuelle Stunde 21.01.2026 22:43 Min. Verfügbar bis 21.01.2028 WDR Von Andrea Moos, Marie Sophie Bürrig

Unsere Kinder sind zu dick! Was Fachleute jetzt empfehlen

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Viele Menschen auch in NRW sind übergewichtig, darunter etliche Kinder. Das ist schlecht für die Gesundheit. Welche politische Strategie jetzt Fachleute vorschlagen.

Es ist ein Problem, das viele trifft - und das von Jahr zu Jahr größer wird. Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig, das gilt auch für jedes sechste Kind. Diese Zahlen nennt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie setzt sich aus herausragenden Wissenschaftlern zusammen und fungiert als unabhängige Stimme der deutschen Wissenschaft, die Politik und Gesellschaft zu aktuellen Fragen berät. Am Mittwoch hat die Leopoldina einen neuen Report zu Adipositas vorgestellt. Die zentrale Botschaft: Deutschland benötige eine Strategie gegen zunehmende Fettleibigkeit in der Bevölkerung, sagen die Fachleute.

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Erwachsene mit einem Body-Mass-Index (BMI) ab 25 als übergewichtig ein, mit einem Wert ab 30 als stark übergewichtig (Adipositas). Der BMI gilt als erster Anhaltsunkt, der durch andere Faktoren wie Bauchumfang und Körperfettanteil ergänzt werden muss. Zudem sind unter anderem Muskelmase und Fettverteilung zu berücksichtigen.

Wie viele Menschen in NRW übergewichtig sind

In NRW waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes im Jahr 2021 mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig - aktuellere Zahlen liegen derzeit nicht vor, wie eine Sprecherin dem WDR mitteilte. Adipositas kann sogar so schwerwiegend sein, dass Betroffene vollstationär im Krankenhaus behandelt werden müssen. Aber es gibt andere Zahlen vom Statistischen Landesamt, die aktueller sind: Demnach war im Jahr 2023 die Zahl der Adipositas-Behandlungen im Krankenhaus dreimal so hoch wie zehn Jahre zuvor. Von insgesamt 10.787 betroffenen Personen im Jahr 2023 waren den Statistikern zufolge 1,5 Prozent der Behandelten minderjährig.

Immer mehr Kinder von Übergewicht betroffen

Schon Kinder, die übergewichtig sind - das nimmt immer mehr zu, wie die Wittener Kinderärztin Dörte Hilgard dem WDR sagte. Die Medizinerin, die auf die Behandlung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist, hat nach eigenen Angaben beobachtet, dass immer mehr Mädchen und Jungen unten den Folgen ihres Übergewichts leiden. "Betroffene haben Knieprobleme, Gelenkprobleme oder Rückenschmerzen", so Hilgard. "Gar nicht selten" seien zudem Bluthochdurck und Diabetes. Und vor allem hätten die kleinen Patienten psychologische Probleme, weil sie von anderen Kindern geärgert und sozial ausgegrenzt würden.

Für Fachleute ist daher klar: Es muss allgemein mehr gegen Übergewicht getan, mehr aufgeklärt werden. So sieht es auch die Hamburger Influencerin Tanja Marfo, die selbst Adipositas-Betroffene war und inzwischen 100 Kilogramm abgenommen hat. "Wir müssen bei den Kindern anfangen und über gesunde Ernährung sprechen", sagte Marfo dem WDR. Man müsse Kinder und Eltern gleichzeitig an die Hand nehmen und sie informieren, was es mit dem Körper macht, wenn er täglich beispielsweise eine hohe Zuckerzufuhr bekommt.

Wie eine Behandlung für Kinder aussehen kann

Mit Kindern, die wegen Übergewichts in ihre Praxis kommen, geht Hilgard so vor: "Zunächst machen wir eine Ernährungsberatung und schauen, wo die Probleme liegen", sagt die Ärztin. Isst das Kind aus Langeweile, weil es viel allein ist oder liegt ein Fall von "Frust-Essen" vor? Isst das Kind nur Fastfood? "So verschaffen wir uns einen Überblick", so Hilgard. Im nächsten Schritt können Eltern und Kindern an einem einjährigen Programm in der Praxis teilnehmen - dort lernen sie in einer Gruppe mit anderen Betroffenen, ihr Verhalten zu verändern. "Und hier sind natürlich die Eltern mindestens so gefragt wie die Kinder, dass sie die Kinder motivieren, etwas zu verändern", so Hilgard.

Welche Vorschläge die Leopoldina im Kampf gegen Übergewicht hat

  • Prävention schon in der Schwangerschaft: Nötig sind aus Sicht der Leopoldina Präventionsmaßnahmen, die bereits in der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren der Kinder beginnen - in Form etwa von Aufklärung.
  • Bewegungs- und Beratungsangebote: Ebenfalls erforderlich sind zielgerichtete Bewegungs- und Beratungsangebote.
  • Höhere Steuern auf bestimmte Lebensmittel: Stark zucker- oder fetthaltige Lebensmittel sollen steuerlich höher belastet werden, damit Konsumenten weniger Anreiz haben, sie zu kaufen. Im Gegenzug sollten gesunde Lebensmittel billiger werden, beispielsweise durch die Senkung der Mehrwertsteuer für Obst, Gemüse und Vollkornprodukte.
  • Betroffene effektiv behandeln: Um Patientinnen und Patienten effektiv zu behandeln, fordert die Leopoldina, dass verschiedene Therapieformen individuell aufeinander abgestimmt werden. Dazu zählen auch die Verschreibung von Abnehmmedikamenten, psychologische Unterstützung oder - wenn nötig - chirurgische Eingriffe wie Magen-Bypässe. Moderne Medikamente wie Abnehmspritzen könnten beim Gewichtsverlust unterstützen und Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Nieren und Lebererkrankungen reduzieren.

Die Leopoldina fordert damit die Politik zum Handeln auf. Sie will aber nicht nur Entscheidungsträger erreichen, sondern auch die Bevölkerung informieren.

Quellen:

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.01.2026, 18:45 Uhr

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