Linksextremismus in NRW | Westpol
05:46 Min.. Verfügbar bis 11.01.2028.
Mit neun Litern Grillanzündern den Strom eines ganzen Industriegebiets kappen – das war offenbar der Plan der linksextremen Gruppe "Kommando Angry Birds" in Erkrath. In dieser Woche gab sie in einem Bekennerschreiben bekannt, dass sie einen Brandsatz in einem Umspannwerk angebracht habe.
Der Brandsatz zündete zwar, richtete allerdings keinen Schaden an. Anders im Sommer 2025: Nach zwei Brandanschlägen auf die Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Duisburg hatte tagelang Chaos geherrscht – auch dazu hatte sich das "Kommando Angry Birds" bekannt.
Reparaturarbeiten nach dem mutmaßlich linksextremen Anschlag auf die Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Duisburg
Besonders hart traf es Anfang des Jahres dann zehntausende Menschen in Berlin, die tagelang ohne Strom auskommen mussten. Wieder hatten mutmaßlich Linksextreme zugeschlagen: Eine Vulkangruppe bekannte sich später dazu, eine Kabelbrücke in Brand gesetzt zu haben.
Anschläge als Weckruf an die Arbeiterklasse
Im WDR-Magazin Westpol gibt ein Insider Einblick in die Gedankenwelt der linksextremen Szene. Zum eigenen Schutz will er anonym bleiben. Er kennt die Akteure der Szene gut und ist regelmäßig bei Demonstrationen dabei. Im Interview erklärt er die Motive für die Anschläge auf Bahnstrecken oder das Stromnetz so:
"Da gilt es natürlich, wirtschaftlichen Schaden hervorzurufen,
um eine Debatte auszulösen als Weckruf an die
Arbeitnehmer, an die Proletarier. Um sich dann auch
gemeinsam zu verbünden." Insider
Die Täter hoffen offenbar, mit solchen Taten Unterstützer zu finden und größere Proteste auszulösen. Der Verfassungsschutz in NRW stellt fest, dass Linksextreme zunehmend andere Protestbewegungen für ihre Zwecke unterwandern.
Beispiele dafür seien unter anderem Anti-Israel-Demos, etwa in Duisburg, bei denen sich einzelne Linksextreme untergemischt haben sollen. Aber auch bei den Klimaprotesten in Lützerath oder am Hambacher Forst, bei denen gewaltbereite Linksextreme mehrere Polizisten mit Steinen oder Kot bewarfen.
Viele Gruppen, viele Ziele
Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet derzeit Parteien wie die MLPD, DKP oder die Linksjugend, der parteinahe Jugendverband von DIE LINKE, allerdings auch mehrere Kleingruppen und linksautonome Akteure.
Die genauen Ziele und die Wege dorthin unterscheiden sich dabei je nach Strömung: von einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft (MLPD und DKP) über ein völlig selbstbestimmtes Leben ohne staatliche Strukturen (Linksautonome) bis hin zur Rückkehr in einen voragrarischen Zustand ohne industriell-technologische Gesellschaft ("Kommando Angry Birds").
Prof. Hendrik Hansen, Extremismusforscher
Aber eines haben alle Gruppen gemeinsam: "Alle Linksextremisten streben nach einer radikalen Gleichheit und radikalen Herrschaftsfreiheit in der Gesellschaft, und zwar in einer Weise, die mit der verfassungsmäßigen Ordnung in unserem Land nicht vereinbar ist", sagt Professor Hendrik Hansen, Extremismusforscher an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.
Immer mehr potenzielle Täter
Straf- und Gewalttaten würden aber vor allem auf das Konto der Linksautonomen gehen, erklärt Hansen. Laut NRW-Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2024 ist die Zahl der linksextremen Straftaten im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen auf 1.187, die der Gewalttaten allerdings auf 86 gesunken, ein Rückgang um 69 Prozent.
Zum Vergleich: Beim Rechtsextremismus sind die Zahlen deutlich größer (5.641 Straftaten, davon 154 Gewalttaten). In den vergangenen Jahren schwanken die Zahlen bei linksextremen Straf- und Gewalttaten stark. Den hohen Wert bei den Gewalttaten im Jahr 2023 erklären die Behörden vor allem mit den Protesten in Lützerath.
Allerdings: Laut Verfassungsschutzbericht sind in NRW immer mehr Menschen dazu bereit, linksextreme Straftaten zu begehen. Die Zahl der potenziell gefährlichen Täter ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen auf über 3.000 Personen.
Diese Gefahr werde von den Behörden und auch der Gesellschaft unterschätzt, findet Extremismusforscher Hansen: "Das falsche Bild, das man hat, ist, dass Linksextreme eigentlich das Gute wollen und lediglich die falschen Mittel wählen. Dazu passt schon nicht, dass Linksextremisten bei ihren Feindbildern genauso intolerant sind wie Rechtsextremisten."
Forscher: "Bei einigen gibt es Tötungsbereitschaft"
Auch der Insider erzählt im Westpol-Interview, dass er die Demokratie in der jetzigen Form ablehne. Gewalt und Anschläge würden für ihn aber zu weit gehen, betont er. Doch genau das beobachtet er bei vielen Extremisten: "Die üben dann Selbstjustiz aus. Man entscheidet quasi, was richtig und was falsch ist."
Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten bei der Räumung des Dorfes Lützerath.
Gewalt entstehe aus Verzweiflung, versucht er zu erklären: "Man plant etwas, um jemanden zu bestrafen, vielleicht aus Ohnmacht, dass man schwarz sieht für die eigene Zukunft", sagt der Szene-Kenner. Ähnlich wie Rechtsextreme haben auch Linksextreme klare Feindbilder:
"Bei Linksextremisten geht der Hass nicht gegen Ausländer, da geht der Hass beispielsweise gegen Polizisten, gegen Politiker, weil sie Ausdruck der Herrschaftsverhältnisse im bestehenden System sind. Deshalb werden sie von ihnen gehasst, und zwar so weit gehasst, dass es bei einigen sogar eine Tötungsbereitschaft gibt." Professor Hendrik Hansen, Extremismusforscher an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
Doch die Täter zu finden, fällt den Behörden schwer. Zum "Kommando Angry Birds" gibt es noch keine heiße Spur. Unklar ist sogar, ob in Erkrath dieselbe Gruppe zugeschlagen hat, wie vergangenes Jahr beim Anschlag auf die Bahn, oder ob nun eine andere Gruppe unter demselben Namen agiert. Auch wer genau hinter dem Anschlag aufs Stromnetz in Berlin steckt, ist nach wie vor offen.
Zudem ist es laut Sicherheitsexperten nicht auszuschließen, dass Russland für manche der Sabotage-Aktionen verantwortlich sein könnte. Aufgrund der vorliegenden Bekennerschreiben gehen die Behörden in den oben genannten Fällen aber aktuell von einem linksextremen Hintergrund aus.
Kaum Vernetzung bei Linksextremen
Dass es so schwierig ist, die Täter zu finden, liegt auch an der Struktur vieler linksextremer Gruppen. "Es gibt keine vernetzten Linken", sagt der Insider und erklärt: "Das sind Menschen, die kommen zusammen und zerfallen dann auch wieder. Das ist nicht starr, also da gibt es keine krassen Verbindungen, keine Vernetzung."
Herbert Reul, CDU, Innenminister NRW
Das bestätigt auch NRW-Innenminister Herbert Reul. Er weist auf eine Besonderheit des Linksextremismus hin: "Die haben Gruppen, die im Netz das ganze thematisieren und dann wird aufgerufen, nachzumachen. Dann gibt es einzelne Gruppen, die das vor Ort losgelöst voneinander machen. Da ist die Ermittlungsarbeit nicht so ganz einfach, weil es gibt keine straffe Organisationsform."
Nächstes Ziel: bundesweite Sabotageakte
Weitere Nachahmer sucht auch das "Kommando Angry Birds". In einem 30-seitigen Pamphlet, das die Gruppe mit dem Bekennerschreiben zum fehlgeschlagenen Anschlag in Erkrath veröffentlicht hat, erklärt sie detailliert, wie Interessenten mitmachen können, ohne dass es die Polizei mitbekommt.
Ihr Traum ist ein bundesweites Netzwerk an Saboteuren. "In einem ersten Schlag könnten nun eines Nachts an bis zu 50 Tatorten in Deutschland gleichzeitig zum Beispiel Aktionen gegen die Bahn durchgeführt werden", heißt es. Wenn es also nach den Linksextremisten geht, sollen die aktuellen Anschläge in Erkrath oder Berlin nicht die letzten bleiben.
Unsere Quellen:
- eigene Recherche
- NRW-Verfassungsschutzbericht 2024
- Bundes-Verfassungsschutzbericht 2024
- Bekennerschreiben "Kommando Angry Birds"
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 11.01.2026, 19:30 Uhr
