Einigung zwischen Fußballfans und Innenministerium?

Aktuelle Stunde 03.12.2025 39:55 Min. UT Verfügbar bis 03.12.2027 WDR Von Fritz Sprengart

Reul zur Sicherheitsdebatte im Fußball: "Haben Problem nicht im Griff"

Stand:

Vor der dreitägigen Innenministerkonferenz in Bremen spricht sich NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) für schärfere Sicherheitsmaßnahmen in Fußballstadien aus.

In Bremen startet am Mittwoch die Innenministerkonferenz. Das öffentliche Interesse liegt dabei insbesondere auf einem großen Thema: den Sicherheitsmaßnahmen in Fußballstadien. Diese sollen erhöht werden - möglicherweise mit personalisierten Tickets, KI-gestützter Gesichtserkennung oder dem leichteren Verhängen von Stadionverboten.

In der Fan-Szene stoßen die Vorhaben der Politik auf erhebliche Kritik. Organisierte Fangruppen protestieren seit Monaten gegen eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen in Stadien - mit Bannern, Plakaten, Schlachtrufen oder auch Schweigeprotesten. Sie meinen, die Fankultur im Fußball werde an den Pranger gestellt.

Vor dem Auftakt der Konferenz sprach NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) im WDR-Interview über die Sicherheit in und um Fußballstadien herum, bisherige und künftige Maßnahmen, Pyrotechnik, personalisierte Tickets, Unterschiede zu anderen Sportarten - und landespolitisches Konfliktpotenzial.

WDR: Vom DFB heißt es, die Stadien sind sicher. Fan-Verbände sagen sogar, so sicher wie noch nie. Und auch in Polizeiberichten sehen wir, dass zum Beispiel die Einsatzstunden für Beamte und die Zahl der Strafverfahren zurückgehen. Warum sehen Sie trotzdem Handlungsbedarf?

Herbert Reul: Weil wir das Problem noch nicht im Griff haben. Wir haben zum Beispiel bei den Übergriffen auf unbeteiligte Menschen Steigerungen - die werden immer vergessen. Das sind der normale Bürger, der Fußball gucken will, und von diesem ganzen Ärger körperlich verletzt wird. Das ist der erste Teil.

Der zweite Teil: Seit acht Jahren mache ich in Nordrhein-Westfalen den Versuch, Stadion-Allianzen zu gründen. Wir haben sie gegründet, Verabredungen mit den Vereinen. Der normale Mensch sagt: Das kann doch nicht sein, dass wir einen Riesenaufwand an Polizei leisten müssen, damit im Fußballstadion und ums Fußballstadion herum einigermaßen vernünftige Zustände herrschen. Das gibt es bei keiner anderen Sportart. Und ich finde, dann müssen die (Vereine, Anm. d. Red.) sich auch die Frage stellen lassen: Warum kommen wir da nicht weiter?

Sicherheit beim Fußball: "Problem noch nicht gelöst"

WDR 5 Morgenecho - Interview 03.12.2025 08:05 Min. Verfügbar bis 03.12.2026 WDR 5

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Wir haben kleine Erfolge, das will ich ja gar nicht bestreiten. Aber es gibt immer noch diesen Ärger, Pyrotechnik, die gefährlich ist, und anderes mehr. Da kann man doch nicht einfach sagen, das ist alles in Butter.

Und wenn dann Transparente gezeigt werden wie "Sicherheit zerstört die Fankultur" - da muss ich sagen, die haben den Schuss noch nicht gehört. Herbert Reul, NRW-Innenminister

WDR: Das heißt, Pyrotechnik im Stadion ist ganz oben auf Ihrer Prioritätenliste?

Reul: Alles, was im Stadion passiert und andere Menschen in der Gesundheit gefährdet - alles das, was in und um dem Stadion passiert, muss man in den Blick nehmen. Das geht nicht. Das darf sonst auch nicht passieren. Das darf beim Martinszug nicht passieren, bei Konzertveranstaltungen nicht, also auch nicht im Fußballstadion. Ich habe nie verstanden, warum da so Sonderrechte gefordert werden.

WDR: Über welche Maßnahmen wollen Sie noch in Bremen sprechen? Ihre Kollegin aus Niedersachsen fordert zum Beispiel die Einführung personalisierter Tickets bei Risikospielen. Jetzt sagt ihr Kollege aus Bayern, das steht gar nicht auf der Tagesordnung. Wie ist das jetzt?

Reul: Es steht alles auf der Tagesordnung. Wir sind seit Jahren am Verhandeln und kommen nicht weiter, weil logischerweise die Vereine dann mobilisieren, die Fans mobilisieren. Dann gibt es einen großen öffentlichen Druck - und dann kommt man nicht weiter. Ich finde, wir brauchen ein paar Maßnahmen. Ich bin da offen, über welche Maßnahmen man was erreichen kann. Am liebsten waren mir immer noch die Stadion-Allianzen, die Verabredungen. Aber dann muss auch jeder seinen Job erfüllen, also die Polizei ihren Job und die Vereine dann ihre Aufgabe erledigen.

WDR: Also können Sie nicht ausschließen, dass es zu personalisierten Tickets einen Vorschlag von der Innenministerkonferenz geben wird?

Leverkusen Fans auf der Nordtribüne protestieren gegen die Richtlinien der Innenministerkonferenz

Leverkusen-Fans protestieren gegen die Innenministerkonferenz

Reul: Nein, den Vorschlag gibt es ja. Es gibt einen Vorschlag dazu. Es gibt einen Vorschlag dazu, dass es bei Stadionverboten eine zentrale, neutrale Instanz gibt. Das ist doch hochinteressant, dass in manchen Fußballstadien, bei manchen Vereinen - nicht bei allen - Stadionverbote für die Gäste relativ zügig ausgesprochen werden. Aber Stadionverbote für die eigenen Fans, die sich nicht benehmen, nicht ausgesprochen oder verzögert werden.

Und es wird unterschiedlich gehandhabt. Es gibt Vereine, die machen das sehr sauber und super. Und es gibt Vereine, die arbeiten da sehr schludrig. Das geht nicht. Ich finde, da muss ein vergleichbarer Maßstab hin. Und wenn es eine Selbstorganisation wie den DFB gibt, warum führen die nicht so eine zentrale Einheit ein, an der man dann die Kontrolle wahrnimmt oder auch solche Stadionverbote überprüft?

WDR: Wenn wir nochmal kurz bei den Tickets bleiben. Ihr Ministerpräsident in NRW, Hendrik Wüst, sagt: Es muss auch in Zukunft möglich sein, dem Kumpel die Dauerkarte zu geben. Würden Sie da mitgehen?

Reul: Ja, das ist gar kein Widerspruch. Personalisiertes Ticket heißt, da kommt der Name drauf und du muss sagen: Das ist meine Karte. Und wenn du die einem anderen weitergibst ... bei der Europameisterschaft hat das ja auch funktioniert, da hat sich kein Mensch über diese Tickets aufgeregt.

WDR: Bei der EM gab es auch keine Stehplätze. Das ist immer so ein bisschen das Problem.

Fans von Bielefeld zeigen ein Transparent, das den NRW-Innenminister Reul anspricht

Bielelfelder Fans kritisieren NRW-Innenminister Reul

Reul: Das stimmt, deswegen ist es auch nicht so einfach. Deswegen ist es auch keine Zaubermethode. Deswegen glaube ich auch nicht, dass es das Einzige und das einzig Richtige ist. Aber dieses im Grunde alles infrage stellen - mit der Überschrift "Fankultur" heißt, wir brauchen ja gar keine Vorschriften: Da irren die. Regeln gibt es überall. Und die gelten auch im Fußballstadion. Und wenn da Menschen hinkommen, Kinder, Familien - dann verlangen die zurecht, dass wir ihre Sicherheit organisieren.

WDR: Es gibt Leute, die ins Stadion gehen und vielleicht schon ein bisschen erwarten, was da möglicherweise kommt. Aber es gibt auch noch die, die überhaupt nichts mit Fußball am Hut haben und trotzdem damit konfrontiert werden, weil sie zum Beispiel an Bahnhöfen stehen. Und dort sehen wir tatsächlich, dass sich Auseinandersetzungen von Fans in letzter Zeit gehäuft haben. Ist das auch ein Thema, bei dem Sie großen Handlungsbedarf sehen? Vielleicht sogar größeren als im Stadion?

Reul: Nein, es ist sowohl als auch. Das eine ist nur im Stadion, was die Vereine selber machen müssen. Das andere ist, wo wir zuständig sind. Insofern habe ich das unterschieden. Es ist ganz merkwürdig und für mich auch unverständlich.

Ich bin wirklich ein eingefleischter Fußballfan. Aber ich verstehe nicht, warum beim Fußball immer so eine Randale ist, während alle anderen Sportarten das Problem nicht haben. Herbert Reul, NRW-Innenminister

WDR: Je nachdem, was Sie da in Bremen beschließen, könnte die Kritik in den Stadien noch stärker werden. Aber möglicherweise auch in Düsseldorf. Ihr Koalitionspartner, die Grünen, sagt ja schon: Totalüberwachung statt Fankultur wird es mit ihnen nicht geben, sie vermissen das Fingerspitzengefühl in der Debatte bei den handelnden Personen. Sie sind ja eine handelnde Person. Geht das in Ihre Richtung?

Reul: Glaube ich nicht.

WDR: Also Sie glauben auch nicht, dass da ein Koalitionskrach kommt?

Reul: Nein, glaube ich überhaupt nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand wirklich ernsthaft meint, die Fans können machen, was sie wollen. Und ein Überwachungsszenario kenne ich nicht. Die Stadien sind heute mit Videokameras schon so überwacht, um mögliche Abweichungen festzustellen. Das ist überhaupt nicht mehr steigerungsfähig. Ich weiß gar nicht, wo das Problem gerade gesehen wird.

Das Interview führte Tobias Strauß für das WDR 5 Morgenecho. Für die Online-Version wurde es sprachlich geglättet, ohne den Inhalt dabei zu verändern.

Sendung: WDR.de, Reul zur Sicherheit beim Fußball: "Haben Problem nicht im Griff", 03.12.2025, 0.01 Uhr

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