Nach der Landtagswahl: Frust und Krise bei der SPD
Aktuelle Stunde . 23.03.2026. 43:19 Min.. UT. Verfügbar bis 23.03.2028. WDR.
Jochen Ott ist schon einmal mit dem Bobby-Car gekommen. Genauer: mit 90 Bobby-Cars. Vor wenigen Tagen startete die "Dialogtour" der SPD in NRW. Dabei will die SPD mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen und über Familienpolitik sprechen. Als erste Station hatte sich die SPD das Düsseldorfer Rheinufer vor der Staatskanzlei ausgesucht.
Wenn's nach Jochen Ott geht, sollen hier in gut einem Jahr statt Bobby-Cars die Umzugswagen vorfahren. Denn Ott - Spitzenkandidat der SPD in NRW - möchte bei den Landtagswahlen im April 2027 den aktuellen Hausherrn Hendrik Wüst (CDU) als Ministerpräsident ablösen. Doch nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird immer deutlicher, wie schwierig seine Mission ist.
Machtwechsel in Mainz
CDU gewinnt Landtagswahl in Rheinland-Pfalz
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg vor zwei Wochen hatte es die SPD gerade so in den Landtag geschafft. Die Partei übersprang dort mit 5,5 Prozent der Stimmen nur knapp die Fünf-Prozent-Hürde. Und auch bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz vergangenen Sonntag verlor die SPD deutlich, wenn auch nicht so dramatisch. Knapp zehn Prozentpunkte mussten die Sozialdemokraten abgeben - und landeten damit erstmals seit 35 Jahren mit 25,9 Prozent hinter der CDU auf Platz zwei.
Die SPD wird zwar als Koalitionspartner mit der CDU weiter regieren können, den Chefposten in Mainz dürfte aber mit Gordon Schnieder erstmals seit langem wieder die CDU übernehmen. Seine Partei kam auf 31 Prozent der Stimmen.
NRW-Grüne mit Ergebnis zufrieden
Die Grünen konnten ihr Ergebnis mit 7,9 Prozent in etwa halten - sehr zur Freude der NRW-Grünen. "Mit diesem Ergebnis haben sich die Grünen in Rheinland-Pfalz als robuste, eigenständige Kraft bewiesen", bewertet NRW-Landesvorsitzender Tim Achtermeyer das Ergebnis. Die bisherige Ampelkoalition in Mainz ist aber dennoch Geschichte. Denn die FDP fliegt mit 2,1 Prozent aus dem Landtag. Auch in Baden-Württemberg waren die Liberalen zwei Wochen zuvor an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.
Neuaufstellung bei den Liberalen
Mit bangen Blicken dürften deshalb die Liberalen auf die nächsten Landtagswahlen schauen, besonders auch auf die in NRW im kommenden Jahr. Noch ist die FDP im Düsseldorfer Landtag mit 12 Abgeordneten vertreten. Bei der Wahl 2022 kam die Partei auf 5,9 Prozent. "Die FDP ist nach den verlorenen Landtagswahlen in einer schwierigen Krise", erklärt Moritz Körner, FDP-Generalsekretär in NRW. Deshalb brauche es auf dem FDP-Bundesparteitag nun neues Vertrauen für die Führung: "Eine wirkliche Neuaufstellung, damit die FDP wieder glaubwürdig gewinnen kann", so Körner am Montagmittag gegenüber dem WDR.
Am Montagabend hatte die FDP-Bundespitze um den Bundesvorsitzenden Christian Dürr in einer Pressekonferenz ihren Rücktritt angekündigt. Beim Bundesparteitag im Mai solle ein komplett neuer Vorstand gewählt werden. Dürr will sich dabei zur Wiederwahl stellen.
Auf die kommende Landtagswahl in NRW blickt Körner optimistisch: "Wir haben in Nordrhein-Westfalen als FDP immer wieder gezeigt, dass wir aus aussichtslosen Situationen das Beste machen können."
Gute Laune bei der AfD
Und auch die AfD schaut bereits jetzt mit Spannung auf die Wahl in NRW. "Das Wahlergebnis in Rheinland-Pfalz macht Laune auf die Landtagswahl in NRW im kommenden Jahr", teilt NRW-Landesvorsitzender Martin Vincentz mit. In Rheinland-Pfalz konnte die Partei ihr Ergebnis fast verdoppeln und kommt dort nun auf 19,5 Prozent.
Bei der letzten Landtagswahl in NRW kam die Partei auf 5,4 Prozent, konnte bei den folgenden Bundestags- und Kommunalwahlen aber deutlich zulegen (16,8 bzw. 14,5 Prozent).
Sollte sich der Trend der vergangenen Wahlen fortsetzen, könnte die AfD auch bei der Landtagswahl in NRW mit deutlichen Zugewinnen rechnen. Und das vermutlich auch auf Kosten der SPD.
"SPD erreicht Arbeiterschaft nicht mehr"
Politikwissenschaftler Jun: "SPD hat Identitätsproblem."
Denn in Rheinland-Pfalz verlor die SPD fast 35.000 Wählerinnen und Wähler an die AfD. "Die SPD hat ein Identitätsproblem", erklärt Uwe Jun, Politikwissenschaftler an der Uni Trier. "Sie hat sich immer noch verstanden oder versteht sich als Arbeiterpartei. Das ist ja nun in der DNA dieser Partei, aber sie erreicht eben die Industriearbeiterschaft schon länger nicht mehr."
Viele Arbeiter hätten Abstiegssorgen und seien skeptisch, so Jun. "Die haben wirtschaftliche Sorgen und gehen dann eben zur CDU, weil die mehr Wirtschaftskompetenz hat oder zur AfD, weil sie ihre Enttäuschung insgesamt über die Politik zum Ausdruck bringen wollen."
SPD geht "zuversichtlich" in den NRW-Wahlkampf
"Wir kennen das ja jetzt auch schon länger aus den Nachwahlbefragungen, dass die Leute uns weggelaufen sind, insbesondere auch die Arbeitnehmer", erklärt auch SPD-Landesvorsitzende Sarah Philipp. Die SPD als Partei der Arbeitnehmer müsse hier aber einen anderen Anspruch haben, betont sie im WDR-Interview.
"Das war bitter, das war schmerzvoll." Sarah Philipp, SPD-Landesvorsitzende, zum Wahlabend in Rheinland-Pfalz
Die Gründe, warum Wähler zur CDU oder AfD abwanderten, seien bekannt, so Philipp: "Sie glauben uns das nicht mehr." Vor Ort auf der Straße würde sie oft hören: "Ihr versprecht viel, ihr kündigt viel an, ihr sagt, dass ihr Politik für uns macht, aber wir merken es nicht."
Philipp verwies dabei auf die "Zuhörtour" der NRW-SPD. Dabei hätte man mit vielen Bürgern gesprochen und viel mitgenommen. "Wir haben gesagt, wir konzentrieren uns in Nordrhein-Westfalen auf die Berufstätigen und ihre Familien. Es geht auf Landesebene um Bildungspolitik. Es geht um die Frage von Kitas, die funktionieren. Es geht um Wirtschaft und Arbeit. Wir müssen den Leuten die Sorge nehmen, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren", so die SPD-Landesvorsitzende. Sie gehe "zuversichtlich und hochmotiviert" mit Jochen Ott in den Landtagswahlkampf.
Unsere Quellen:
- Statement von SPD-Generalsekretär Frederick Cordes
- Statement von FDP-Generalsekretär Moritz Körner
- Statement von Grünen-Landeschef Tim Achtermeyer
- Interview mit Politikwissenschaftler Uwe Jun
- Interview mit Co-SPD-Landeschefin Sarah Philipp
- Nachrichtenagentur AFP
Sendung: WDR 5, Westblick, 23.03.2026, 17:05 Uhr
Sendung: WDR 5, Morgenecho "Nach Wahl in Rheinland-Pfalz: "SPD hat ein Identitätsproblem", 23.03.2026, 07:19 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 23.03.2026, 18:45 Uhr
