Razzien bei rechtsextremer Jugendgruppe: Was steckt hinter "Jung und Stark"?

WDR 02:49 Min. Verfügbar bis 06.05.2028

Razzien bei rechtsextremer Jugendgruppe Was steckt hinter "Jung und Stark"?

Stand:

In ganz Deutschland hat es am Mittwochmorgen Razzien gegen zwei rechtsextreme Jugendgruppen gegeben. In NRW steht "Jung und Stark" im Fokus. Aber wer steckt dahinter?

Um welche Gruppen geht es?

Es geht um rechtsextreme Jugendgruppen, die sich im Sommer 2024 über soziale Medien gegründet haben: In NRW ist vor allem die Gruppe "Jung und Stark" aktiv, die Gruppe "Deutsche Jugend Voran", die sich auch "Neue Deutsche Welle" nennt, ist zum größten Teil in Berlin und Brandenburg vertreten. Beide Gruppen tauchen in mehreren Verfassungsschutzberichten auf und sind bundesweit untereinander sowie mit anderen rechtsextremen Gruppen vernetzt. Sie unterhalten mehrere Regionalgruppen.

Zum ersten Mal wurden beide Gruppen auffällig, als Mitglieder bei verschiedenen CSD-Paraden Störaktionen durchführten. Auffällig ist, dass die Mitglieder relativ jung sind, nach WDR-Recherchen häufig sogar noch minderjährig. Rechtsextremismusexperten wie Dierk Borstel von der FH Dortmund beobachten, dass gerade junge Menschen gewaltbereit sind.

Warum gibt es gerade jetzt Razzien?

Beide Gruppen weisen inzwischen eine engere Vernetzung und Strukturierungen auf. Deshalb ermittelt der Generalbundesanwalt jetzt wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Aus den losen Social-Media-Gruppen, mit denen sie ihre Vernetzung begonnen hatten, sind also feste Strukturen geworden, aus denen heraus - so der Verdacht - auch Straftaten geplant und begangen werden. Einige Beschuldigte sollen Angehörige der linken Szene oder Menschen, die sie für pädophil halten, körperlich angegriffen haben.

Die Opfer wurden jeweils von mehreren Angreifern geschlagen und verletzt, wie die Bundesanwaltschaft am Mittwoch mitteilte. Im Fokus der Ermittlungen stehen 36 Beschuldigte, denen die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen wird. Den meisten Beschuldigten wirft die Bundesanwaltschaft zudem vor, Redelsführer der Regionalgruppen zu sein. Gegen acht von ihnen werde auch wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt.

Wie organisieren sich rechtsextreme Jugendgruppen?

Die Organisation läuft hauptsächlich über die sozialen Medien. Vor allem Instagram und Telegram spielen dabei eine wichtige Rolle. Dort hatten sich 2024 dutzende rechtsextreme Accounts gebildet, die mal mehr, mal weniger Anhänger für sich gewinnen konnten. Gepostet wurden unter anderem Videos von Störaktionen, die Anhänger selbst durchgeführt hatten. Nutzer, die auf die Videos reagierten, wurden dann von den Mitgliedern kontaktiert und aufgefordert, sich anzuschließen.

Im Laufe des vergangenen Jahres kam es dann immer häufiger auch zu persönlichen Treffen. Im September veröffentlichte "Jung und Stark" ein Statement, in dem sie selbst sagten, dass sie "nur noch im Hintergrund" aktiv sein wollten. Dies bedeute, dass sie "keine neuen Mitglieder aufnehmen" und "nicht mehr als große Organisation" auftreten wollten. Gleichzeitig vernetzten sie sich mit der rechtsextremen Partei "Die Heimat".

Wie erreichen Rechtsextreme Jugendliche?

"Die Ansprache ist erstmal sehr subtil", erklärt Dr. Frank Greuel vom Deutschen Jugendinstitut im WDR-Gespräch. Häufig geschehe das über Influencerinnen und Influencer, die auf Social Media scheinbar unverfängliche Inhalte zu Fitness, Ernährung oder Haushaltsführung veröffentlichen. In diese Inhalte werden "so kleinere ideologische Einsprengsel" eingebaut, so Greuel. Die Ideologie werde zunächst nur nebenher vermittelt . Auch der Einstieg in die rechtsextreme Szene erfolge selten direkt über politische Inhalte, sondern eher nicht-ideologische Faktoren wie Gemeinschaft und Anerkennung.

Auch seien junge Menschen anfällig für die Attraktivität einfacher Weltbilder, so Greuel. Die rechtsextreme Ideologie teile eine immer komplexer werdende Welt in schwarz und weiß. Es gebe viel Eindeutigkeit und das entlaste junge Menschen darin, diese Welt zu verstehen.

Warum ist das Ruhrgebiet ein Hotspot für rechtsextreme Jugendgruppen?

Aufgrund ihrer Verbindungen zur rechtsextremen Partei "Die Heimat" (früher NPD) gilt das Ruhrgebiet als Hotspot von "Jung und Stark" in NRW. Viele Mitglieder des NRW-Landesverbands von "Die Heimat" wohnen im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, außerdem unterhält die Partei ihre Landesparteizentrale im Essener Stadtteil Kray.

Rechtsextremistische Demo

Ein Treffen von "Jung & Stark" in Essen

Nach WDR-Recherchen sind die sogenannten Altkader der Partei seit Anfang 2025 bewusst auf die mutmaßlich rechtsextreme Jugendgruppe "Jung und Stark" zugegangen und haben zusammen mit ihr offene Abende abgehalten, bei denen laut Rechtsextremismusexperten versucht wurde, die Besucher zu radikalisieren. Gemeinsam haben "Die Heimat" und "Jung und Stark" bereits mehrere Demonstrationen durchgeführt. Zuletzt nahmen auch einige Mitglieder von "Jung und Stark" an der bundesweiten Mai-Demo der Partei in Essen teil.

Gibt es noch weitere rechtsextreme Jugendgruppen?

Sicherheitsbehörden haben in den vergangenen zwei Jahren noch weitere rechtsextreme Jugendgruppen identifiziert. Nach WDR-Recherchen handelt es sich dabei aber oft um kleinere Gruppen mit einer zweistelligen Zahl an Mitgliedern, wie etwa eine Gruppe aus Mönchengladbach oder im Raum Ostwestfalen-Lippe. Auch bundesweit gibt es noch mehrere solcher Gruppierungen.

Im Mai vergangenen Jahres wurden Mitglieder der rechtsextremen Jugendgruppe "Letzte Verteidigungswelle" festgenommen. Sie stehen im Verdacht, Anschläge verübt und geplant zu haben.

Razzia gegen rechtsextremistische Jugendgruppen

WDR 5 Westblick - aktuell 06.05.2026 05:09 Min. Verfügbar bis 06.05.2027 WDR 5

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Unsere Quellen:

  • Vorherige Berichterstattung des WDR
  • Pressemitteilung der Generalbundesanwaltschaft
  • Recherchen und Beobachtungen von WDR-Reportern vor Ort
  • Interview mit Prof. Dierk Borstel, FH Dortmund
  • Interview mit Dr. Frank Greuel, Deutsches Jugendinstitut

Sendung: WDR 2, WDR Aktuell, 06.05.2026, 08:00 Uhr

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