Rattenplage ohne Rattengift? | Westpol

04:39 Min. Verfügbar bis 05.06.2028

Rattengift Warum Ratten-Bekämpfung so schwierig geworden ist

Stand:

Rattengift darf seit Mai nicht mehr an Privatleute verkauft werden. Auch für Kammerjäger ist es durch neue Regeln viel aufwändiger geworden. Droht jetzt eine Rattenplage?

Sein Kennerblick genügt nicht mehr. "Erstmal müssen wir mit giftfreiem Köder vorködern", sagt Schädlingsbekämpfer Guido Preker, während er die kleinen Lockmittel in eine Box einsetzt. Er ist an einem Privathaus in Werl bei Soest im Einsatz, sieht deutliche Spuren von Rattenbefall. Doch einfach Gift auslegen - das geht nicht mehr.

Schädlingsbekämpfer Guido Preker bei der Arbeit

Schädlingsbekämpfer Guido Preker

Denn selbst Kammerjäger dürfen jetzt nur noch Gift auslegen, wenn Ratten nachweisbar da sind. Vom Prinzip her sinnvoll, sagt Preker, "aber dadurch entsteht großer Mehraufwand". Der bedeutet für Hausbesitzer zusätzliche Kosten. Und ist für die Kammerjäger kaum zu bewältigen.

Umweltbundesamt: Giftnachweis sogar bei Singvögeln

Für Privatleute gilt seit Mai sogar ein komplettes Verkaufsverbot. Restbestände dürfen noch bis Ende Oktober 2026 genutzt werden. Damit ist vorbei, was jahrzehntelang die gängige Reaktion bei Rattenspuren war: Direkt Gift auslegen, privat gekauft oder vom Fachmann.

Hintergrund der verschärften Regeln: Die Rattengifte, chemische Bezeichnung "Rodentizide", stören die Blutgerinnung. Das führt zu inneren Blutungen und einem qualvollen Tod. Bei Ratten - aber auch bei anderen Tieren, die es aufnehmen. Die breite Verteilung des Giftes bedeutet laut Umweltbundesamt erhebliche Umweltschäden.

"Man hat eine Wirkung nicht nur auf Ratten und Mäuse, sondern auf viele andere Tiere. Das sind kleine Singvögel, aber natürlich auch alle Spitzenprädatoren." Anton Friesen, Umweltbundesamt, Fachgebiet Biozide

Singvögel, weil sie auch in die Boxen huschen und an den Ködern picken. "Prädatoren" wie Füchse und Greifvögel, weil sie Ratten und Mäuse - oder eben die Singvögel - fressen. Damit solche "Kollateralschäden" vermieden werden, gibt es die strengeren Regeln.

Wöchentliche Kontrolle der Boxen

Guido Preker befestigt Köder in einer Box für Ratten

Köder werden in einer Box befestigt

Guido Preker ist jetzt an einem Parkhaus im Stadtzentrum. Er kontrolliert die ausgelegten Köderboxen. Nur wenn Rattenfraß erkennbar ist, darf er weiter Gift auslegen. Während solche Boxen früher oft über Monate auslagen, muss er sie - je nach Mittel - künftig wöchentlich kontrollieren.

"Das ist Wunschdenken, dass das funktionieren kann", sagt Preker, "dann müssen wir andere Aufträge ablehnen. Wer wartet dann? Das Wespennest im Kindergarten, weil wir lieber die Ratten kontrollieren, weil das eine gesetzliche Vorgabe ist?"

Nur 1790 Kammerjäger in NRW, aber 50 Millionen Ratten

Das Problem: Es gibt laut Berufsgenossenschaft bundesweit nur 8200 sozialversicherte Schädlingsbekämpfer. Davon 1790 in NRW. Laut deren Verband geht davon etwa ein Viertel in den nächsten Jahren in Rente. Nachwuchs gebe es kaum, kaum einer wolle in den Beruf. Auch Preker sucht für sein Zehn-Mitarbeiter-Team in Werl Verstärkung. Er sagt: "Mit dem derzeitigen Personalbestand, sind die Zusatzaufgaben nicht zu schaffen!"

Denn Ratten gibt es viele - Schätzungen zufolge möglicherweise mehr als 50 Millionen in NRW. Laut einem Gutachten im Auftrag der Gift-Hersteller wurden bisher bundesweit jährlich etwa 800.000 Befallsfälle von Privatleuten bekämpft. Wenn die nun stattdessen alle Kammerjäger rufen - und die auch noch mehr Arbeit als bisher mit jeder Köderbox haben - entstünden lange Wartezeiten und vergrößerte Rattenprobleme.

"Die warten ja nicht, die vermehren sich weiter", fürchtet Preker. Und sieht deshalb die neuen Regeln kritisch - obwohl sie seiner Branche zusätzliche Aufträge sichern.

Kritik an neuen Regeln auch im NRW-Landtag

Die FDP im Landtag kritsiert die Landesregierung dafür, dass sie die Verschärfungen im Bund nicht verhindert habe. NRW sei als Ballungsgebiet besonders betroffen.

"In anderen Ländern der EU sind die Mittel nach wie vor einsetzbar und es ist zu befürchten, dass sich viele Private dann illegal die Mittel im Ausland beschaffen." Dietmar Brockes, FDP, umweltpol. Sprecher NRW

Die Landesregierung betont, sie wolle darauf hinwirken, Landwirten bürokratiearm zu ermöglichen, weiter selbst die Gifte zu nutzen. Denn auch in diesem Bereich wurden sie bisher zum Schutz von Futter und Tieren oft eingesetzt. Und bald gelten auch dort strengere Regeln, soll eine zusätzliche Qualifizierung Pflicht werden.

Prävention: Weniger rumliegender Müll

Das Umweltbundesamt betont: Statt auf Gift solle künftig stärker auf Prävention gesetzt werden. Und immerhin da ist Schädlingsbekämpfer Guido Preker sich mit der Behörde einig: Weniger rumliegender Müll, öfter geleerte Tonnen - das könnte effektiver Rattenplagen verhindern als jedes Gift.

Unsere Quellen:

  • Dreh mit Guido Preker, Schädlingsbekämpfer und Landessprecher Deutscher Schädlingsbekämpfer-Verband
  • Interview mit Anton Friesen, Umweltbundesamt, Fachgebiet Biozide
  • Interview mit Dietmar Brockes, FDP, umweltpolitischer Sprecher NRW
  • Antwort der Landesregierung
  • Antwort der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
  • Antwort von SBM Life Science und Gutachten im Auftrag der Firma

Sendung: WDR Westpol, 07.06.2026, 19:30 Uhr

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