Trotz Plage: Verkaufsverbot von Rattengift
Aktuelle Stunde . 25.04.2026. 13:50 Min.. Verfügbar bis 25.04.2028. WDR. Von Henry Bischoff.
Das Wichtigste in Kürze
- Klassische Rattengifte (Antikoagulanzien) sind aus Umweltschutzgründen ab Sonntag im Einzelhandel verboten.
- Verwenden dürft ihr solches Rattengift noch bis Herbst. Schädlingsbekämpfer dürfen solche Rattengifte vorerst auch darüber hinaus verwenden.
- Tipps: Wie ihr Ratten durch Nahrungsentzug fernhalten könnt.
Offene Mülltonnen, achtlos weggeworfene Lebensmittelreste, Katzenfutter vor der Haustür - Ratten werden von vielem angelockt. Das Problem: Sie können Krankheiten übertragen und Schäden anrichten. Nach Angaben der Stadt Essen kommen in deutschen Großstädten etwa drei solcher Nager auf einen Einwohner.
Ratten im Kleingarten
Anne Groll, Kleingartenverein Eintracht in Essen
Gerade auch Kleingärten werden immer mal von Ratten aufgesucht. Dort locken reifes Obst und andere Leckereien die Tiere an. "Wir hatten im vergangenen Jahr vermehrt Ratten", erzählt Anne Groll vom Vorstand des Kleingartenvereins Eintracht in Essen-Frintrop dem WDR.
Der Verein ließ sich von einem Schädlingsbekämpfer beraten. Eine Ursache sei wohl die reiche Apfelernte in dem Jahr gewesen, sagt Groll. Da habe es viel Fallobst gegeben. Die Empfehlung des Fachmanns: Die Lage erst mal weiter zu beobachten. Einige der Kleingärtner hätten aber auch Rattenköder aufgestellt, so Groll.
Verkaufsverbot für klassisches Rattengift
Solche Köder aus dem Einzelhandel enthalten häufig das Rattengift Coumatetralyl. Es gehört zu den sogenannten Antikoagulanzien, die dafür sorgen, dass das Blut nicht mehr gerinnt und die Tiere nach mehreren Tagen innerlich verbluten.
Rattengift-Produkte im Baumarkt
Ab Sonntag, 26. April, dürfen Rattengifte mit diesem Wirkstoff nicht mehr an die Öffentlichkeit verkauft werden, bestätigt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit Sitz in Dortmund dem WDR. Andere antikoagulante Rattengifte stehen für Privatpersonen demnach schon länger nicht mehr zur Verfügung. Eingesetzt werden dürfen sie nur noch von Schädlingsbekämpfern.
Falls ihr noch solches Rattengift besitzt, dürft ihr es laut BAuA bis zum 22.10.2026 verwenden. Danach ist auch das verboten.
Bundesbehörde: "Unannehmbare Risiken"
Der Grund für das Verbot sind demnach "unannehmbare Risiken" bei der privaten Anwendung. Die Europäische Union will aber noch mehr: Perspektivisch sollen auch Schädlingsbekämpfer von solchen Giften abkommen. Ein erster Schritt: Ab Juli dürfen sie keine Dauerköder mehr mit diesen Giften aufstellen, sofern es keinen akuten Ratten-Befall gibt.
Der EU geht es dabei um Tier- und Umweltschutz: Wenn die Ratten durch solche Gifte innerlich verbluten, sei das "mit Schmerzen und Tierleid verbunden", so das BAuA.
Darüber hinaus würden "auch für Haus- und Wildtiere hohe Vergiftungsrisiken bestehen, zum Beispiel durch Fressen vergifteter Nagetiere. So sind vor allem Raubvögel wie Mäusebussarde oder Eulen, aber auch räuberische Säuger, wie Füchse und Wiesel, stark gefährdet."
"Es handelt sich bei diesen Nagetierbekämpfungsmitteln also um hochproblematische Produkte, deren Einsatz auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt sein sollte und sach- und ordnungsgemäß angewendet werden muss." Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Umweltschützer befürworten das Verbot
Zustimmung zum Verbot kommt von Holger Sticht, NRW-Vorsitzender des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auf WDR-Anfrage teilt er mit:
"Dass das Verbot nun auch für den Handel greift, ist ein wichtiger Schritt." Holger Sticht, Vorsitzender BUND NRW
Holger Sticht, BUND NRW
"Rattengifte mit Antikoagulanzien sind hochproblematisch", betont auch Sticht, vor allem wegen der "Sekundärvergiftungen" anderer Tiere. Er begrüßt, dass der Zugang zu diesen Rattengiften nun weiter eingeschränkt wird und sie zunehmend Fachleuten überlassen werden. "Das kann Fehlanwendungen reduzieren."
Essener Schädlingsbekämpfer sieht Verbot skeptisch
Auch der Essener Schädlingsbekämpfer Volker Skor heißt gut, dass so mancher Laie durch das Verbot nicht mehr unüberlegt "mit diesem Zeug rumschmeißen kann", wie er dem WDR sagt.
Volker Skor, Schädlingsbekämpfer in Essen
Skor selbst darf solche Rattengifte und sogar noch stärkere dieser Art zwar vorerst weiterhin verwenden. Denn Experten wie er wissen, damit sorgsam und ordnungsgemäß umzugehen. Trotzdem kritisiert er das Verbot. Denn er befürchtet unter anderem, dass sich die Hersteller zunehmend aus der Forschung zurückziehen und auf teure Zulassungen verzichten, falls sie nicht mehr genug verkaufen. Das würde dann auch Schädlingsbekämpfer wie ihn treffen.
Auch mit Blick auf weitere Einschränkungen dieser Art von Rattengiften durch die EU warnt Skor:
"Ohne Antikoagulanzien sind wir schwach aufgestellt. Da sehe ich schwarz." Volker Skor, Schädlingsbekämpfer
Es sei aber auch wichtig, dass nicht nur Profis, sondern auch Privatanwender wirksam gegen Ratten vorgehen können, so Skor. Ansonsten würden die Schädlingsbekämpfer wohl kaum hinterherkommen.
Laut BAuA gibt es "bereits wirksame chemische und nicht-chemische Alternativen" zu Antikoagulanzien. Im Einzelhandel finden Privatanwender vor allem klassische Schlagfallen, elektrische Fallen oder Hausmittel wie Essig.
BUND: Besser vorbeugen als bekämpfen
Aus Sicht von Umweltschützer Sticht müsse sich grundsätzlich etwas ändern: "Es wird weiterhin vor allem auf Bekämpfung statt auf Vorbeugung gesetzt. Besseres Abfallmanagement, bauliche Maßnahmen und der Schutz natürlicher Fressfeinde könnten den Einsatz von Giften deutlich verringern."
Dem stimmt im Kern auch Skor zu, wobei er anmerkt, dass das in großen Städten schwierig ist: "Die wirksamste Maßnahme gegen Ratten ist natürlich die Nahrungsreduktion."
Vorbeugende Tipps gegen Ratten
Um Ratten die Nahrungsgrundlage zu entziehen, gibt die Stadt Essen einige Tipps. Zum Beispiel diese:
- Keine Speisereste über Toilette oder Spülbecken entsorgen
- Abfälle nur in die dafür vorgesehenen Abfallbehälter werfen
- Müllbehälter verschlossen halten, bei Beschädigung auswechseln und das Umfeld sauber halten
- Nur geschlossene Komposter verwenden und nichts Gekochtes und Tierisches hineinwerfen
- Keine wildlebenden Tiere füttern - auch keine Haustiere im Freien
- Im Wohnumfeld auf hygienische und saubere Verhältnisse achten
Auch im Fall des Kleingartenvereins Eintracht löste die wegbleibende Nahrung das Nager-Problem, wie Anne Groll erzählt. Eine große Schädlingsbekämpfung war gar nicht vonnöten. Als das Fallobst verschwand, verschwanden auch die Ratten.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Anne Groll vom Vorstand des Kleingartenvereins Eintracht
- Holger Sticht, Vorsitzender des BUND NRW, auf WDR-Anfrage
- WDR-Gespräch mit Volker Skor, Schädlingsbekämpfer in Essen
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin auf WDR-Anfrage und Website-Informationen
- Stadt Essen: Hinweise zur Rattenbekämpfung
- EU-Biozidverordnung
Sendung: WDR.de, Umstrittenes Rattengift-Verbot tritt in Kraft, 25.04.2026, 5:59 Uhr
