Ex-NRW-Verkehrsminster Wüst beim Untersuchungsausschuss zur Rahmedetalbrücke | WDR Aktuell
02:23 Min.. Verfügbar bis 07.07.2027.
Mögliche Fehler vor Sperrung der Rahmedetalbrücke: Was wusste Wüst?
Stand:
Bisher hat Hendrik Wüst (CDU) alle Vorwürfe zur Rahmedetalbrücke an sich abperlen lassen. Doch vor seinem Auftritt im Untersuchungsausschuss des Landtags gibt es neue Fragen an den damaligen Verkehrsminister. WDR-Recherchen zeigen: Jahrelang wurde der LKW-Verkehr auf der beschädigten Brücke falsch geleitet.
Der Montagmorgen könnte für Hendrik Wüst ungemütlich werden. Der Ministerpräsident muss im Untersuchungsausschuss zur Rahmedetalbrücke Rede und Antwort stehen. Die Abgeordneten haben Wüst geladen, weil er von 2017 bis kurz vor der Sperrung der Brücke im Dezember 2021 Verkehrsminister in Nordrhein-Westfalen war.
Wüsts Befragung wird befeuert durch WDR-Recherchen zu möglichen Behördenfehlern in den Jahren vor der Sperrung. Demnach wurden Berechnungen zur Stabilität des Bauwerks anscheinend nicht nach Vorschrift durchgeführt. Neue LKW-Spuren, mit denen die Brücke auf Anraten eines vom Land beauftragten Ingenieurbüros ab 2014 entlastet werden sollten, wurden falsch eingerichtet.
Ministerpräsident Hendrik Wüst
Bei Brückenprüfungen in den Jahren 2017 und 2020 blieb das offenbar unbemerkt. Zudem verschob sich der Neubau der Brücke in Wüsts Amtszeit als Verkehrsminister immer weiter nach hinten. Aufgefallen ist die falsche Verkehrsführung erst bei einer Ortsbesichtigung im Mai 2021, nachdem die Verantwortung für die Autobahnbrücken vom Landesbetrieb Straßen NRW, der dem NRW-Verkehrsministerium untersteht, an die neu gegründete Autobahn GmbH des Bundes übergegangen war.
Streit um brisantes Protokoll
Dort sollten die Erkenntnisse im Herbst 2021 eigentlich in einem Besprechungsprotokoll zusammengefasst werden. Sie tauchten darin jedoch nie offiziell auf - weil der Verfasser seinen Protokollentwurf nach wochenlangem Streit zurückzog. Dem WDR liegen Dokumente vor, die zeigen, wie eine Mitarbeiterin sich massiv für eine Streichung kritischer Passagen einsetzte.
Gordan Dudas, SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss
Das Bundesverkehrsministerium habe dem Untersuchungsausschuss des Landtags die entsprechenden Unterlagen erst im April 2025 zur Verfügung gestellt, sagt Gordan Dudas, Obmann der SPD-Opposition. Aus Sicht von SPD und FDP kommt die Befragung von Hendrik Wüst deshalb deutlich zu früh.
SPD und FDP wollten Befragung von Wüst verschieben
"In kürzester Zeit sind so viele neue Sachverhalte bekannt geworden, die erst einmal gründlich analysiert und bewertet werden müssen", finden die Opppositionsfraktionen. "Angesichts der zahlreichen neuen Informationen, die jetzt zutage gefördert sind, wird die Vernehmung am Montag nur von begrenzter Aussagekraft sein. Wir beantragen daher, statt der politischen Führungsebene jetzt zunächst die fachlichen Projektverantwortlichen zu vernehmen", so die beiden Fraktionen in einer Mitteilung.
Denn eine erneute Befragung mehrerer Mitarbeiter der Autobahn GmbH könnte durchaus neue Erkenntnisse bringen. Bei ihren bisherigen Aussagen im Untersuchungsausschuss hatten die Teilnehmer der brisanten Dienstbesprechung im Herbst 2021 deren Inhalte nämlich entweder gar nicht oder nur am Rande erwähnt.
Zeugen erwähnten falsche Verkehrsführung nur beiläufig
Insgesamt wurden bisher acht der zwölf Besprechungsteilnehmer als Zeugen befragt. Nur zwei von ihnen erwähnten vor dem Ausschuss eher beiläufig, dass die LKW auf der Brücke nicht so geleitet wurden, wie Statiker es empfohlen hatten. Keiner wies darauf hin, dass so das 2014 vom Ingenieurbüro ausgearbeitete Entlastungskonzept im Grunde nie richtig umgesetzt wurde.
Die Rahmedetalbrücke vor der Sprengung
Dadurch waren auch die damit verbundenen statischen Berechnungen hinfällig. Die jahrelange, falsche Verkehrsführung könnte der maroden Brücke am Ende sogar den Rest gegeben haben. Spätetens als dieser Fehler beim Orsttermin im Mai 2021 aufgefallen sei, hätten die Behörden aus Sicht von Gordan Dudas reagieren müssen.
"Es steht der Verdacht im Raum, dass hier möglicherweise Leben riskiert worden sind. Wir können von Glück sagen, dass Genua nicht in NRW passiert ist." Gordan Dudas, SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss
2018 war die Morandi-Brücke in der italienischen Stadt Genua im laufenden Verkehrsbetrieb eingestürzt. Damals kamen 43 Menschen ums Leben.
Dem Wunsch von SPD und FDP nach einer späteren Vernehmung von Wüst erteilten CDU und Grüne eine Absage. Man habe "im Ausschuss inzwischen eine Vielzahl an Fachbeamten und technischen Experten gehört. Eine endlos ausgedehnte Reihung von Zeugen bringt den Ausschuss nicht weiter", teilten die Regierungsfraktionen mit. Im Landtag haben CDU und Grüne die Mehrheit, sie können deshalb die Vernehmung durchsetzen.
Unsere Quellen:
- Protokollentwurf der Autobahn GmbH
- Mailverkehr der Autobahn GmbH
- Eigene Recherche
Über das Thema berichten wir in den aktuellen Sendungen des WDR Hörfunks und es WDR Fernsehens.
