"Über 3.500 Euro Eigenanteil im Monat im ersten Jahr im Pflegeheim - nirgendwo in Deutschland ist Pflege teurer als in Nordrhein-Westfalen." Mit diesen Sätzen eröffnete der SPD-Abgeordnete Thorsten Klute am Donnerstag die Parlamentsdebatte zu einem Antrag, den seine Partei vorgelegt hatte. Pflegebedürftigkeit dürfe nicht zum Armutsrisiko werden, mahnt die SPD darin.
Der Verband der Ersatzkassen (VDEK) hatte kürzlich Zahlen zur Pflegesituation vorgelegt. Demnach ist der Anteil, den Pflegebedürftige im Pflegeheim aus eigener Tasche bezahlen müssen, bundesweit gestiegen. Ohne die möglichen Zuschüsse liegt NRW dabei mit durchschnittlich 3.869 Euro im Monat unter den Spitzenplätzen. Im Saarland, in Bremen und in Baden-Württemberg zahlen Pflegebedürftige aber noch mehr als in NRW.
Alternativ zu teuren Heimplätzen wurden in NRW zuletzt 87,8 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt - meist von Angehörigen. Nach Angaben des Statistischen Landesamts IT.NRW ist dieser Anteil im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.
In ihrem Antrag fordert die SPD, dass pflegende Angehörige "gestärkt und entlastet werden" müssten. Ein Vorschlag der Partei: die Einführung von sogenannten "Pflegelotsen". Die Idee: eine flächendeckenden Beratungsstruktur, über die Pflegebdürftige und Angehörige Hilfe bekommen können bei Themen wie Antragstellung, Pflegevermittlung, Einrichtung von häuslicher Pflege. In fünf unterversorgten Regionen sollte das Modell getestet und nach 24 Monaten evaluiert werden.
Pflegende Angehörige: "nice to have"?
Kurs für pflegende Angehörige in Remscheid
Pflegende Angehörige dürften "nicht mehr als 'nice to have' angesehen werden", wirft die SPD der Landesregierung in ihrem Antrag vor. Vielmehr müssten sie aber "als unverzichtbarer Träger der Pflege-Versorgung anerkannt werden". Auch Pflegeschulen und Einrichtungen der Tagespflege müssten mehr Geld bekommen, sagte der SPD-Abgeordnete Thorsten Klute. Er forderte einen "Entbürokratisierungsgipfel für die Pflege" und warf der aktuellen Regierung bislang Untätigkeit vor.
In der anschließenden Diskussion im Parlament wurde es zwischenzeitlich laut - das Thema Pflegekosten ist ein aktuelles. CDU, Grüne, FDP und AfD warfen der SPD allerdings vor, damit vorzeitig den Wahlkampf eröffnet zu haben. Vom Pflegelotsen-Modell war indessen kaum die Rede.
Gesundheitsminister Laumann räumt hohe Bürokratie ein
Den Vorwurf der Untätigkeit wies NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erwartungsgemäß zurück. Die Zahl der Einrichtungen zur Tagespflege seien in NRW zwischen 2019 und heute von 957 auf 3.328 gestiegen. Für pflegende Angehörige bedeute diese Möglichkeit eine große Entlastung.
"Einen Punkt" habe die SPD beim Thema Entbürokratisierung, räumte Laumann ein. Zwar gebe es in NRW ein großes Angebot zur Pflegebegleitung und -beratung. Das System müsse aber "neu und durchsichtiger organisiert werden". Man sei bereits dabei, zu prüfen, wie der Aufwand verringert und Doppelprüfungen vermieden werden könnten. Laumann will dafür aber kein zusätzliches Personal beschäftigen, denn aufgrund des Fachkräftemangels müsse das dann aus anderen Bereichen abgezogen werden. Statt dessen sollten die "vorhandenen Ressourcen genutzt werden".
Laumann ließ noch ein paar Zahlen zum gewachsenen Pflegeangebot fallen: 25 neue vollstationäre Pflegeeinrichtungen hätten in 2025 eröffnet, dazu 47 teilstationäre und 13 Kurzzeitpflegeeinrichtungen. Außerdem seien im vergangenen Jahr 213 neue ambulante Pflegedienste gegründet worden.
NRW Spitzenreiter bei Einzelzimmern
Laumann: Einzelzimmer "keine übertriebene Sozialleistung"
Dass die Pflegekosten in NRW im Bundesvergleich mit am höchsten sind, räumte Laumann ebenfalls ein. Dafür gebe es aber auch in keinem anderen Bundesland so viele Einzelzimmer in Pflegeheimen, wie hierzulande. "Wenn ein Mensch drei, vier Jahre im Pflegeheim lebt, halte ich das nicht für eine übertriebene Sozialleistung", sagte Laumann. Auch der Personalschlüssel sei in NRW überdurchschnittlich hoch. "Die Preise in NRW sind mit gewissen Standards verbunden", so Laumann, wenn es günstiger werden solle, müsse man "den Leuten sagen, dass die Standards eben so nicht zu halten sind".
Der Antrag der SPD zur Einführung der Pflegelotsen wurde am Ende der Parlamentsdebatte mehrheitlich abgelehnt.
Ende 2023 galten laut IT.NRW 1,39 Millionen Menschen in NRW als pflegebedürftig – 16,4 Prozent mehr als 2021. Dabei verzeichnete der Kreis Heinsberg mit 10,7 Prozent den höchsten Anteil an pflegebedürftigen Personen in Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Krefeld und Mönchengladbach mit jeweils 10,1 Prozent. Den niedrigsten Wert wies Münster mit 4,2 Prozent auf, gefolgt vom Kreis Gütersloh und Bonn mit jeweils 5,9 Prozent.
Unsere Quellen:
- Debatte im Landtag am 29.01.2026
- Zahlen von IT.NRW
- Auswertung des Verbands der Ersatzkassen (VDEK)
Sendung: WDR 5, Westblick, 29.01.2026, 17:04 Uhr