Job der Paketzusteller: Gnadenlos und knallhart
Aktuelle Stunde . 24.11.2025. 19:11 Min.. UT. Verfügbar bis 24.11.2027. WDR. Von Bernd Neuhaus.
Es ist ein harter Job: Paketboten kurven mit großen Transportern durch enge Innenstädte, liefern bei Wind und Wetter Pakete bis an die Wohnungstür, oft unter hohem Zeitdruck und bis spät Abends. Mitarbeitende in der sogenannten Kurier-, Express-, und Paket-Branche (KEP) sind meist schlecht bezahlt und arbeiten für teils unseriöse Subunternehmen, die im Auftrag von großen Paketdienstleistern wie DPD, GLS und Hermes unterwegs sind.
Durch den immer weiter wachsenden Online-Handel steigt auch die Zahl der Pakete, die täglich deutschlandweit ausgeliefert werden. Laut NRW-Arbeitsministerium arbeiten bundesweit mehr als 266.000 Menschen in dieser Branche.
Drei Minuten Zeit pro Paket
Immer unter Zeitdruck: Paketzusteller Tobias
Seine Tagesschicht gehe "gerne mal in die zehn Stunden", sagt Tobias dem WDR. Er arbeitet für ein Subunternehmen eines großen Lieferdienstes. Bis zu 300 Pakete am Tag muss er schaffen. Eigentlich darf er nur acht Stunden arbeiten. "Wir müssen uns immer sehr beeilen“, sagt er, "wenn ich einen Kunden beim ersten Mal nicht antreffe, muss ich es später ein zweites Mal versuchen".
Etwa drei Minuten gestehe sein Arbeitgeber ihm pro Auslieferung zu. "Wenn wir dann noch auf den Kunden warten müssen oder im Hochhaus nach der Wohnung suchen, wird es einfach viel länger." Heute steht ihm nicht einmal ein Lieferwagen des Unternehmens zur Verfügung, er ist mit seinem privaten Auto im Einsatz.
Kontrollaktion: "Gravierende Mängel im Arbeitsschutz"
Am Montag stellte NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) die Ergebnisse einer landesweiten Kontrollaktion vor, die im Auftrag seines Ministeriums von Mai bis August 2025 stattgefunden hat. Dabei seien außer DHL/Deutsche Post 54 Subunternehmen kontrolliert und 225 Paketzusteller befragt worden.
Ergebnis: Bei den kontrollierten Subunternehmen wurden zum Teil gravierende Mängel im Arbeitsschutz festgestellt. Minister Laumann sprach von einem strukturellen Problem.
Marktführer DHL setzt fast vollständig auf eigene Zusteller. Minister Laumann nahm DHL auch ausdrücklich von der Kritik aus. Besonders im Fokus hätten bei den Kontrollen die Arbeitsbedingungen bei den Subunternehmen gestanden. Bei mehr als der Hälfte seien gravierende Mängel festgestellt worden. Bei 35 Prozent der Subunternehmen stellten die Kontrolleure "mittelschwere Defizite" fest.
Viele Befragte gaben an, nie eine Arbeitsunterweisung bekommen zu haben. Rund die Hälfte der Subunternehmer hatten ihren Mitarbeitern auch keine Gefahrenunterweisung gegeben. Die Kontrollen hätten auch gezeigt, "dass man es mit der Arbeitszeiterfassung ganz offensichtlich oft nicht so ernst nimmt", sagte Laumann.
Weitere Ergebnisse der Kontrollaktion:
- Befragte Zusteller berichteten, dass ein Teil ihrer Tätigkeiten - wie Tanken, Be- und Entladen des Fahrzeugs und Fahrzeugpflege - nicht als Arbeitszeit erfasst und aufgezeichnet würden, obwohl das laut Arbeitszeitgesetz so vorgeschrieben ist. Einige sagten, ihre Arbeitszeit werde überhaupt nicht erfasst.
- Zudem fehlten bei Paketen mit über 20 Kilo Gewicht bei einem Teil der Subunternehmen die im Postgesetz vorgeschriebenen Hilfsmittel für den Transport von schweren Paketen - wie Sackkarren.
- Auch Persönliche Schutzausrüstung fehlte in einigen Betrieben: Paketzusteller waren unzureichend mit Handschuhen, Sicherheitsschuhen oder Witterungsschutz ausgestattet.
Lediglich bei sechs Prozent der Subunternehmen wurden keine relevanten Mängel erfasst.
Hochkonjunktur rund um Black Friday und Weihnachten
Gerade in der Vorweihnachtszeit und in der "Black Week" werde besonders deutlich, wie wichtig die Arbeit der Paketboten sei und wie hoch zugleich ihre Arbeitsbelastung, sagte Laumann. "Bei Wind und Wetter liefern sie Bestellungen jeglicher Art und haben damit auch einen Anteil daran, dass viele Menschen ein schönes Fest haben." Die Ergebnisse der Kontrollaktion und die festgestellten Defizite zeigten: "In der KEP-Branche darf es nicht so weitergehen wie bisher."
Kontrolliert worden sei nur ein "sehr kleiner Teil" all der Sub- und Subsubunternehmen, die im Auftrag von DHL Pakete in NRW ausliefern, sagte Steffen Röddecke aus der Abteilung Arbeitsschutz beim Arbeitsministerium. Wie viele es insgesamt sind, sei nicht erfassbar. Die Größe dieser Zustelldienste variiere von mehr als 100 Mitarbeitenden bis zum Ein-Mann-Unternehmen: "Manche haben ein kleines Taxiunternehmen und fahren gelegentlich auch Pakete aus."
Arbeitszeitscanner werden nicht benutzt
DHL noch am besten bewertet
Um die Arbeitsausbeutung in der Branche zu bekämpfen, brauche es vor allem eine Pflicht zur digitalen Arbeitszeitaufzeichnung für Paketzusteller, sagte Laumann. Die Technik dazu - etwa Handscanner und Apps - sei flächendeckend vorhanden und bei den Unternehmen bereits weit verbreitet. Verwendet würden diese Instrumente jedoch zum Großteil nicht für die tatsächliche Arbeitszeiterfassung, sondern nur für die digitale Paketverfolgung. "Das verstehe ich nicht", so Laumann.
Widerstand gegen Verbot von Werkverträgen
Ein wichtiger Hebel könnte auch ein Verbot von Werkverträgen in der Branche sein: Damit würde Subunternehmern das Handwerk gelegt, Kontrollen würden erleichtert und damit die Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten. In der Fleischindustrie habe es unmittelbar Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen gegeben, nachdem dort Werkverträge verboten wurden, sagte Laumann.
In der KEP-Branche sei der Widerstand dagegen aber groß. Schon im Dezember 2023 hatte Laumann sich für ein solches Verbot in der Sozialministerkonferenz stark gemacht. Doch es gebe bis heute keine Mehrheit dafür im Bundestag, sagte er am Montag. "Man will nicht noch mehr Regulierungen."
Sackkarre selber gekauft
Wenigstens eine Verordnung für eine Gewichtsbegrenzung müsse aber zeitnah kommen, so der Arbeitsminister: Für schwere Pakete ab 20 Kilo Gewicht müssen die Zusteller laut Postgesetz über eine Sackkarre verfügen können. Vier von zehn Befragten gaben aber an, gar keine Sackkarre zu haben. Zum Teil hätten sie sich Sackkarren selber gekauft.
Kommenden Donnerstag, kündigte Minister Laumann an, wolle er diesen Punkt in der Arbeitsministerkonferenz auf Bundesebene zur Sprache bringen.
Rekord-Krankenstand in der Post- und Paketbranche
Die AOK Rheinland/Hamburg meldete am Montag einen Rekord-Krankenstand in der Post- und Paketbranche. Mit zuletzt 7,69 Prozent im Jahr 2024 falle das Personal in Post-, Kurier- und Expressdiensten deutlich häufiger krankheitsbedingt aus als der Durchschnitt aller Berufsgruppen, wo er im selben Jahr bei 7,18 lag. Ein Krankenstand von 7,69 Prozent bedeutet, dass täglich mehr als 7 von 100 Zustellern erkrankt ausfallen.
Der stetige Anstieg hänge eng mit den wachsenden Anforderungen zusammen, sagte Michael Wenninghoff, Geschäftsführer des Instituts für Betriebliche Gesundheitsvorsorge. "Zustellerinnen und Zusteller sind großen körperlichen Belastungen ausgesetzt – etwa durch das Heben und Tragen schwerer Pakete, häufige Zwangshaltungen oder ständiges Treppensteigen." Dazu kommen Zeitdruck, dichter Verkehr und immer größere Zustellbezirke. "Das Risiko körperlicher und psychischer Überlastung ist hoch."
Obwohl die Mitarbeiter in der Post- und Paketbranche mit einem Durchschnittsalter von 38,2 Jahren vergleichsweise jung seien, würden die Beschäftigten im Vergleich zu anderer Berufsgruppen fast doppelt so häufig wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen krankgeschrieben.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz zur landesweiten Überwachungsaktion
- Pressemeldung AOK Rheinland/Hamburg
- Interview mit Paketzulieferer Tobias