Knastpapier - Neue gefährliche Droge

Westpol 08.03.2026 11:49 Min. UT DGS Verfügbar bis 08.03.2031 WDR

Exklusiv: Immer mehr synthetische Drogen in NRW-Gefängnissen

Stand:

Chemische Drogen auf Papier beschäftigen die Gefängnisse in NRW. Bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen, wie groß das Problem ist.

Flüssige, chemische Drogen, aufgetragen auf Briefe, Fotos, gemalte Kinderbilder. Hinter Gitter geschmuggelt per Post, bei Besuchen – oder einfach über die Mauer geworfen. Dort in kleinen Schnipseln geraucht. In den Anstalten auch "Knastpapier" genannt. Ihr offizieller Name: neue psychoaktive Substanzen, kurz NPS.

Immer mehr Funde in NRW-Gefängnissen

Genau diese Substanzen sind zum großen Problem in NRWs Gefängnissen geworden. Dem WDR-Magazin Westpol liegt exklusiv die Jahresauswertung des NRW-Justizministeriums vor. Sie zeigt: Mehr als ein Drittel der Drogenfunde in den NRW-Gefängnissen 2025 waren NPS. Die Tendenz ist steigend: Von Quartal zu Quartal stieg die Zahl der Funde. Allein von Oktober bis Dezember waren es insgesamt 147.

Jan Salloch, Anstaltsarzt der JVA Gelsenkirchen

Jan Salloch, Anstaltsarzt der JVA Gelsenkirchen

Das Gefährliche: Wie stark die Droge wirkt, ist nicht absehbar. Sicherheitspersonal berichtet von Gefangenen, die einfach umkippen – oder extrem aggressiv werden. "Die könnten sich auch einen Hammer auf den Kopf hauen, das hätte eine ähnliche Wirkung", sagt Jan Salloch, Anstaltsarzt der JVA Gelsenkirchen. Er muss immer wieder kollabierende Inhaftierte behandeln, zum Teil bestehe Lebensgefahr. Andere würden psychotisch und dann Mithäftlinge oder Personal angreifen.

Wirkung von NPS ist unberechenbar

Die Substanzen auf den Papieren seien komplett "unberechenbar", weil die Drogen "permanent chemisch verändert werden". Auch, damit sie etwa mit Teststreifen nicht zu erkennen sind. Die Folge: Gefangene, die die Drogen konsumieren, "wissen überhaupt nicht, wie ihnen geschieht", sagt Salloch. Dennoch werden die Drogen immer häufiger konsumiert – weil sie billiger als andere Stoffe zu bekommen und leicht zu verstecken sind.

Die JVA Gelsenkirchen

Die JVA Gelsenkirchen

Schon ein Blatt Papier, getränkt in chemische Drogen und getrocknet, wird hinter Gittern in bis zu 2.500 Schnipsel aufgeteilt und verkauft. Zum Teil, nachdem sie an Inhaftierten, sogenannten "Versuchskaninchen", getestet wurden – wissentlich oder auch unwissentlich. "Da werden arglosen Inhaftierten NPS-Zigaretten untergeschoben, um zu sehen, wie sie wirken", berichtet Gefängnisarzt Salloch.

Auch für JVA-Angestellte gefährlich

Doch auch für Gefängnisangestellte sind die Drogen gefährlich. Entweder weil Häftlinge aggressiv werden, aber auch wenn Mitarbeiter, etwa bei der Postkontrolle, selbst mit den Stoffen in Kontakt kommen. Peter Schönenberg, Leiter der Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach, hat schon erlebt, wie Kollegen sich mit kontaminierten Fingern über den Mund oder die Augen fuhren und "dann umgefallen sind und ärztlich behandelt werden mussten".

Einzelne JVAs lassen keine Original-Briefe mehr zu Inhaftierten

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (B‘90/Grüne) sieht NPS als "die größte Herausforderung" hinsichtlich der Drogenproblematik in den JVAs im Land. Die Anstalten in Gelsenkirchen und Rheinbach haben deshalb reagiert: Die Gefangenen bekommen keine Originalpost mehr. Briefe, Fotos, auch gemalte Bilder werden eingescannt und dann neu ausgedruckt. Eine Einschränkung der Gefangenenrechte, aber in Abwägung gegen die NPS-Gefahr eine legitime, sagt Minister Limbach: "Wir müssen unsere Mitarbeiter vor Gesundheitsgefahren schützen und natürlich auch unsere Gefangenen."

Neue Droge auf Papier

WDR Studios NRW 06.03.2026 00:40 Min. Verfügbar bis 05.03.2028 WDR Online

Spezielle Scanner können helfen

Peter Schönenberg aus der Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach am Ionenscanner

Peter Schönenberg aus der Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach am Ionenscanner

Trotz der Maßnahme gelangen jedoch auch in Gelsenkirchen und Rheinbach noch Drogen-Papiere in die Hände von Gefangenen. Über gefälschte Anwalts-Post, die nicht geöffnet wird, heimlich überreicht bei Besuchen – oder indem Papier über die Gefängnismauer geworfen wird. In Rheinbach läuft deshalb seit November zusätzlich ein Modellprojekt: Mit einem Ionenscanner will man dort NPS auf Papier nachweisen, das in Zellen sichergestellt wird.

Der Scanner erkennt etwa 1.000 NPS-Zusammensetzungen und wird laufend mit den neuesten Daten gespeist. Knapp 50.000 Euro kostet das die Landeskasse jährlich. 35 NPS-Fälle haben sie in Rheinbach mit dem Scanner bisher nachgewiesen. Aber noch wichtiger ist den Verantwortlichen: Die Zahl der medizinischen Notfälle ist gesunken, seitdem die Post nur noch kopiert weitergeben wird und sie zusätzlich den Scanner nutzen.

Anstalten sollen selbst über Umgang mit NPS entscheiden

Minister Limbach zu Arbeitsgerichten

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (B'90/Grüne)

"Wir sind noch mitten in der Erprobung, aber die ersten Daten, die wir aus Rheinbach bekommen, sind ermutigend", sagt Justizminister Limbach. Er lässt aber noch offen, ob das Land auch weiteren Anstalten Ionenscanner zur Verfügung stellen will. Auch bei der Frage, ob künftig weitere der insgesamt 36 Haftanstalten in NRW die Post der Insassen scannen und neu ausdrucken sollten, sieht der Justizminister die Anstalten selbst in der Verantwortung. "Darüber müssen die Leitungen der Justizvollzugsanstalten entscheiden", so Limbach.

Gefängnisse suchen noch ihren Weg

In Rheinbach und Gelsenkirchen sagen die Sicherheitsteams: Sie seien froh über die strenge Regel. Ihre Kollegen in den Abteilungen würden sich wieder sicherer fühlen. Zudem müssten seltener Angestellte Inhaftierte in Krankenhäuser begleiten. Der gesamte Gefängnisalltag funktioniere wieder besser.

Doch klar ist: Andere Gefängnisse suchen noch ihren Weg im Umgang mit den neuen Drogen – und insgesamt bleiben die "Knastpapiere" eine große Herausforderung.

Unsere Quellen:

  • Besuche und Interviews in der JVA Gelsenkirchen und der JVA Rheinbach
  • Interview mit NRW-Justizminister Benjamin Limbach
  • Informationen aus dem NRW-Justizministerium
  • Hintergrundgespäche mit JVA-Leitungen

Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 08.03.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR 5, Westblick, 09.03.2026, 17:05 Uhr

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