Auf Friedrich Merz (CDU) setzen die Unternehmer aus NRW weiter - doch der Frust über das Kriechtempo, mit dem die versprochenen Reformen vorangehen, ist groß. Ein Tenor, der mal schärfer, mal milder ausfällt an diesem Abend in den Düsseldorfer Rheinterrassen. Ein Jahr, nachdem die Wirtschaft in NRW den Kanzler aus ihren Reihen gefeiert hat, macht sich angesichts der schleppenden Arbeit der Schwarz-Roten Koalition in Berlin Ernüchterung breit. Merz wirbt für Geduld - im Sinne der Demokratie.
Merz will mehr Tempo
Er sehe das Land durchaus in einem Prozess der Reformen, betonte der Kanzler aus dem Sauerland in "seiner" Landeshauptstadt. Und diesen - gerade für die Wirtschaft - dringend notwendigen Prozess würde er auch gern beschleunigen. Merz bestätigte: "Ja, unsere Demokratie ist manchmal langsam, sie ist manchmal mühsam", aber es gebe dazu keine bessere Alternative. "Mal eben von oben anzuordnen, von einem autoritären System, mag schneller gehen. Es ist am Ende des Tages immer die schlechtere Lösung", so der Bundeskanzler - mit Blick auf den Koalitionspartner SPD.
Merz will "Land nicht den Radikalen überlassen"
Merz unterstrich: "Ich werde keine anderen Mehrheiten im Bundestag suchen als die, die wir gerade haben." Er wolle den Beweis erbringen, dass die demokratischen Volksparteien es zusammen schafften und mahnte: "Ich möchte unser Land nicht den Radikalen überlassen."
Merz appellierte an die Unternehmer - sie sollten dem Weg von Demokratie und vielstimmiger Diskussion vertrauen und weiter an dem eingeschlagenen Weg mitwirken. Sie sollten bitte nicht abwinken. "Setzen Sie nicht auf Kräfte, die unser Land nach innen und nach außen abschotten wollen", mahnte der Kanzler. "Das Potenzial für diesen Aufbruch haben wir in Deutschland."
Frust und Enttäuschung
Kirchhoff forderte die Bundesregierung auf, endlich ihre Reformangst zu überwinden, Bremsen zu lösen und Mut zur Veränderung zu zeigen. NRW erlebe gerade die "strukturelle Erosion der Volkswirtschaft". Es sei höchste Zeit für ein Reformpaket, das Kosten senkt, Arbeit stärkt, Leistung belohnt und Vertrauen zurückgewinnt, so Kirchhoff. Die deutsche Wirtschaft sei seit sieben Jahren nicht mehr gewachsen. Im "industriellen Kernland" NRW sei die Produktion seit 2018 um 20 Prozent eingebrochen. Derzeit gingen dort monatlich rund 2.800 Industriearbeitsplätze verloren.
López: Noch fehlt der letzte "Umsatzschwung"
Bei den Reformen sei noch viel Arbeit zu tun, kritisierte auch Thyssenkrupp-Chef Miguel López - neben Thyssenkrupp-Steel-Chefin Marie Jaroni oder Evonik-Vorstand Thomas Wessel einer der Schwergewichte in der NRW-Industrie auf dem prominenten Wirtschafts-Event. Er sei aber sehr optimistisch, dass das gelingen werde, sagte López dem WDR. "Der Wille ist da, die Notwendigkeit ist aber noch viel mehr da."
Konsumenten wie Industrie brauchten mehr Planungssicherheit. Dafür brauche die Industrie vor allem verlässliche Kosten für Energie. Trotz richtiger Schritte der Bundesregierung fehle noch "der letzte Umsetzungsschwung". Die von der Bundesregierung geplante steuerfreie 1.000-Euro-Entlastungsprämie für Beschäftigte sei jedoch der falsche Weg und belaste die Unternehmen nur noch zusätzlich.
Unterschiedliche Blasen
Viele Anwesende hat der Kanzler an diesem Abend mit seiner staatsmännischen Rede nicht ganz überzeugt. "Ich war nicht enttäuscht, aber ich habe festgestellt, dass Herr Merz und ich offensichtlich in unterschiedlichen Blasen sind", erklärt die Geschäftsführerin des Wuppertaler Unternehmens Stahlwille, Vera Bökenbrink. Merz habe viel erzählt, was er geschafft habe. Aber ob Industriestrompreis oder Krankenkassenreform - das Problem sei, "dass das, was er sagt, was er umgesetzt hat für uns Unternehmen, bei uns Mittelständlern nicht ankommt."
Unsere Quellen:
- Interviews beim Unternehmertag NRW
- Rede von Kanzler Friedrich Merz
- Rede von Unternehmerpräsident Arndt Kirchhoff
Sendung: WDR 2, WDR aktuell, 06.05.2026, 20:00 Uhr
Sendung: WDR.de, Bundeskanzler Merz beim NRW-Unternehmertag, 07.05.2026, 9:31 Uhr
