„Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Jede dieser Taten ist eine Tragödie." So kommentiert Innenminister Herbert Reul (CDU) den jetzt vorgestellten Forschungsbericht zu Femiziden in NRW. Das Landeskriminalamt verzeichnet im Zeitraum von 2014 bis 2023 insgesamt 1.666 versuchte und vollendete Tötungsdelikte an Frauen. Nicht immer ist das Tatmotiv klar, in hunderten Fällen war es keine Tötung aufgrund des Geschlechts. Das heißt: 522 Taten wurden als Femizid eingeordnet, also fast jede dritte Fall, 235 Frauen kamen dabei ums Leben.
"Menschenbild aus dem Mittelalter"
Reul erklärt, die Täter – fast immer Männer – kämen meist aus dem nahen Umfeld, seien aktuelle oder ehemalige Partner. In 87 Prozent der Fälle handelt es sich demnach um Beziehungstaten. Femizide, sagt Reul, seien oft das Ergebnis von langjähriger Gewalt, Kontrolle und tief verwurzelten Machtfantasien. Das sei ein "Menschenbild aus dem Mittelalter, das wir nicht tolerieren dürfen und dem wir entschieden entgegentreten müssen". Laut den Expertinnen und Experten ist in erster Linie eine angekündigte oder bereits vollzogene Trennung oder Scheidung Auslöser für die Tat. Dahinter stehe "ein negatives Frauenbild" mit entsprechenden Vorstellungen, "wie sich eine Frau zu verhalten hat".
Erklärt wurde dies einerseits mit einem traditionelleren Geschlechterrollenverständnis in bestimmten Kulturkreisen, andererseits aber auch mit einem Mangel an Sozialkontakten außerhalb der Familie, die Hilfe leisten könnten und etwaigen Sprachbarrieren. Ergebnisbericht des LKA
Gewalthilfegesetz als "Meilenstein"
Gleichstellungsministerin Josefine Paul (Grüne) spricht von einem "gesamtgesellschaftlichen Problem". Die für den Bericht befragten Fachleute empfehlen, dass bereits Kinder gleichstellungsorientiert erzogen werden müssten. Frauen sollten einfacher an Hilfsangebote kommen können. Der Bundestag hat Anfang des Jahres das Gewalthilfegesetz beschlossen. Das sieht - ab 2032 - einen Rechtsanspruch auf Schutz und Hilfe vor. Paul nennt das Gesetz einen "Meilenstein": "Wir werden die Umsetzung nun konsequent angehen.“ Zudem hat NRW zuletzt eigene Gesetzespläne im Bundesrat eingebracht.
Mangel an Frauenhausplätzen
Marcel Hafke (FDP)
Allerdings mangelt es in NRW beispielsweise weiter an Frauenhausplätzen. Das kritisiert auch Marcel Hafke, familienpolitischer Sprecher der NRW-FDP. Deshalb brauche es "mehr und bessere Zugänge" zu solchen Plätzen. So fehle es beispielsweise in seiner Heimatstadt Wuppertal deutlich an Angeboten. Er fordert auch eine "gute Vernetzung mit Polizei, Justiz und Sozialdiensten". Hafke mahnt auch eine konsequente Strafverfolgung an - die sei in NRW "viel zu langsam".
Unsere Quellen:
- Pressemitteilung der Staatskanzlei
- Ergebnisbericht des LKA
- Statement der FDP-Fraktion im Landtag
- Agenturen
