Neuausrichtung der Schulen in NRW: Was soll sich ändern?
Aktuelle Stunde . 09.10.2025. 20:52 Min.. Verfügbar bis 09.10.2027. WDR. Von Anne Bielefeld.
Die gute Nachricht zu Beginn: Der nordrhein-westfälische Landtag hat am Donnerstag zweieinhalb Stunden lang über Bildungspolitik debattiert. In der parlamentarischen "Prime Time", also zum Auftakt der Plenarsitzung in Düsseldorf, rangen Regierung und Opposition um Konzepte und Lösungen vor allem für schulpolitische Probleme.
Die eher nicht so gute Nachricht: Obwohl zahlreiche Vorschläge gegen die Bildungsmisere auf dem Tisch liegen, erscheint völlig offen, ob und wann die Landespolitik eine große Reform angeht. So war im Landtag heute von "Paradigmenwechsel" die Rede - doch wann dieser kommt, ist unklar.
Kommission macht 248 Vorschläge
Der Landtag debattierte unter anderem über die Empfehlungen einer Parlamentskommission. Das von Experten beratene Gremium schlägt unter anderem vor, dass die Grundschulzeit für Kinder in sozial benachteiligten Vierteln auf fünf Jahre verlängert werden kann. Ein "Chancenjahr" soll schon vor der Einschulung Kinder mit Förderbedarf besser unterstützen.
Auch eine sogenannte Bildungs-ID für Kinder von der Kita bis zum Schulabschluss ist angedacht, um den Bildungsstand digital zu dokumentieren und zielgenau fördern.
Nach zweijähriger Arbeit mit Referentenrunden, Expertenanhörungen und Schulbesuchen enthält der Abschlussbericht der Kommission insgesamt 248 Handlungsempfehlungen. Unklar ist bisher, was Schwarz-Grün davon umsetzen wird.
Was soll nun geschehen?
Jedes Kind müsse "die gleichen Chancen auf beste Bildung haben", forderte Christin Siebel (SPD), die Vorsitzende der Enquetekommission. Sie wünsche sich, dass der Bericht "parteiübergreifend als Grundlage" für Verbesserungen diene. Die Umsetzung von verpflichtenden Sprachtests "mindestens ein Jahr vor der Einschulung" will Jonathan Grunwald (CDU) – und darauf aufbauend "gezielte, verbindliche Förderung".
"Wir werden ehrlich über unser Schulsystem reden müssen", sagte die Grünen-Abgeordnete Lena Zingsheim-Zobel. Das war offenbar auch als Anregung an den Koalitionspartner CDU zu verstehen, der am mehrgliedrigen Schulsystem in NRW festhalten will. Kinder sollten weniger in Schulformen sortiert werden, so die Grüne. Kein Kind dürfe zurückbleiben. Eine Aussage, die einst fast wortgleich auch Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) geprägt hatte.
Franziska Müller-Rech (FDP) sieht vor allem Nachholbedarf bei Digitalisierung und KI-Einsatz in der Bildung. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) müsse nun zeigen, dass die Bildung in NRW wirklich Priorität habe. Die FDP werde daran mitarbeiten. Carlo Clemens (AfD) bezeichnete den Enquetebericht hingegen als "unübersichtliches Potpourri" an Forderungen.
Kritik von Bildungsbündnis
Grundsätzliche Kritik an den Überlegungen der Enquetekommission kam von dem Zusammenschluss "Bildungswende Jetzt!", dem eine Reihe von Pädagogenverbänden sowie Eltern- und Jugendorganisationen angehören. "Was nützen gute Analysen, wenn daraus dennoch Maßnahmen folgen, die das bestehende System weiter ausbauen und zementieren als es grundlegend neu zu denken?", sagte die Sprecherin des Bündnisses, Sandra Noa.
Statt "strukturelle Hürden" wie das mehrgliedrige Schulsystem, ungleiche Ressourcenverteilung und prekäre Arbeitsbedingungen im Bildungswesen konsequent anzugehen, setze die Kommission vor allem auf das Prinzip "Mehr vom Gleichen", so die Kritik.
Finanzstreit geht weiter
Dass sich CDU, SPD, Grüne und FDP in der Kommission auf einen Ideenkatalog einigten, ändert nichts daran, dass sie über die Bildungsfinanzierung weiter streiten. In einer Aktuellen Stunde debattierte der Landtag über eine neue Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB NRW), wonach zu wenig Geld in Schulen und Bildung investiert und besonders das Ruhrgebiet vernachlässigt werde.
Kein Flächenland investiere weniger pro Schülerin und Schüler als NRW, kritisierte die SPD-Landesvorsitzende Sarah Philipp und warf der schwarz-grünen Koalition "gebrochene Versprechen" in der Bildungspolitik vor.
Die Landesregierung verwies auf steigende Bildungsausgaben – räumte aber Probleme ein. "Wir alle wissen, dass die Herausforderungen im Bildungssystem sowohl bundesweit als auch bei uns in Nordrhein-Westfalen groß sind", sagte Schulministerin Dorothee Feller (CDU). Statt immer neuen Rufen nach mehr Geld sei es wichtig, die Schulen bei der Alltagsarbeit zu unterstützen.
Über dieses Thema berichtet der WDR am 09.10.2025 auch im Fernsehen: Aktuelle Stunde um 18.45 Uhr.
Unsere Quellen:
- Landtagsdebatte in Düsseldorf
- Nachrichtenagenturen dpa und epd
- Mitteilung von "Bildungswende Jetzt!"
