Eine sogenannte Enquete-Kommission hat sich in den vergangenen zwei Jahren angeschaut, wie man die Bildung in NRW insgesamt verbessern kann. Vertreter und Vertreterinnen aller Fraktionen sowie Fachleute waren mit dabei, das Gremium kam auf Wunsch der SPD zustande. Das Ziel solcher Kommissionen ist es, im Konsens an einem Thema zu arbeiten und es zu vertiefen. Die Empfehlungen, auf die sich die Politik hier verständigt hat, fallen vor allem bei den Schulen teilweise gravierend aus. Der Abschlussbericht liegt nun vor - er dürfte zu Debatten führen.
"Hamburger Modell light" für NRW
Im Kern wollen CDU, SPD, Grüne und FDP nämlich in großen Teilen das "Hamburger Modell" nach Nordrhein-Westfalen holen. In Hamburg hat es vor mehr als zehn Jahren eine einschneidende Schulreform gegeben. Mehr Ganztag, nur noch zwei weiterführende Schulformen und ein sehr intensives, digitales Bildungsmonitoring haben den Stadtstaat zu einer Art Labor gemacht: Hamburg ist aktuell das einzige Bundesland, das sich schrittweise in den meisten Bildungsvergleichen verbessert.
Allerdings - das attestieren die Kommissionsteilnehmenden - kann das System noch nicht komplett für NRW umgesetzt werden. Eine Eingangsschule bis zur sechsten statt bis zur vierten Klasse stand nicht zur Debatte, hört man aus Teilnehmerkreisen. Das wäre mit den Schulgebäuden im Land aktuell nicht umsetzbar. Auch eine Diskussion, nur noch zwei Formen für weiterführende Schulen anzubieten, gab es nicht. Dafür lagen alle Parteien noch zu weit auseinander. Die FDP will zum Beispiel die Hauptschule erhalten, während die SPD im Kern immer noch die "Schule für Alle" nicht abgeschrieben hat.
Chancenjahr, Ganztag, Bildungs-ID
Und CDU und Grüne wollen zudem - so heißt es - keine Strukturdebatte, welche die Koalition der beiden belasten könnte. Dennoch sind die Punkte, auf die man sich einigen konnte, für NRW gravierend. So soll es zum Beispiel ein verbindliches, sogenanntes "Chancenjahr" vor der Grundschule geben - zumindest bei den Kindern, bei denen in ebenso verbindlichen Tests ein Förderberdarf festgestellt worden ist.
Auch fordern die vier Fraktionen - salopp formuliert - den Einstieg in die Ganztagsschule. In einer Handlungsempfehlung heißt es relativ technisch, "einen gebundenen (oder rhythmisierten) Ganztag in Nordrhein-Westfalen durch eine entsprechend erhöhte Förderung für rhythmisierte Klassen in Schulen ab Schulsozialindex 9 bis mindestens Schulsozialindex 5 zu realisieren". Übersetzt heißt das, das Schulen mit mittleren und großen sozialen Herausforderungen zu einer Ganztagsschule umgebaut werden müssten.
Aktuell würden das 2.302 von insgesamt 4.157 erfassten Schulen betreffen - also mehr als die Hälfte. Damit wäre die Nachmittagsbetreuung nicht mehr freiwillig und der Schulalltag könnte anders gestaltet werden. Dazu müssten allerdings die Direktoren und Direktorinnen mehr Verantwortung im Schulalltag bekommen. Sie wären an diesen Schulen die entscheidende Leitung und bekämen - so der Wunsch der Kommission - auch ein eigenes Budget für Personal.
Bekommen die Schulen eigene Personalbudgets?
"Dieses soll flexibel für bedarfsgerechte Maßnahmen wie Qualifizierungen, den Einsatz von Honorarkräften oder Praxiseinblicke an anderen Lernorten genutzt werden können", heißt es in dem Papier. In Hamburg ist ein solches Budget für die Schulen längst gang und gäbe. Auch im digitalen Bereich soll sich eine Menge ändern.
So soll das Land gemeinsam mit den Kommunen prüfen, ob nicht "eine digitale Bildungsdokumentation, durchgängig über alle Bildungsstufen und -institutionen (von der Kita bis zum Schulabschluss) hinweg" eingeführt werden kann - sprich, eine sogenannte "Bildungs-ID". Auch soll für das Bildungsmonitoring ein eigenes Institut errichtet werden. Wie in Hamburg soll es Bildungserfolge aber auch soziale Entwicklungen stärker in den Blick nehmen.
Insgesamt umfasst der Bericht 248 Handlungsempfehlungen für einen Umbau der Bildungslandschaft in NRW. Die SPD hatte die Kommission eingesetzt, nachdem im Mai 2023 Jochen Ott zum Fraktionsvorsitzenden gewählt wurde. Aus Kreisen der Fraktion war zu hören, dass wesentliche Punkte des Berichts in das Programm zur Landtagswahl 2027 einfließen soll. Auch die anderen Parteien werden wahrscheinlich Teile übernehmen, nur die AfD hat die meisten Empfehlungen abgelehnt.
Unsere Quellen:
- Bericht Enquete-Kommission Chancengleichheit
- Eigene Recherche
Über das Thema berichten wir auch im WDR 5-Westblick ab 17:05 Uhr
