Vergangenes Jahr hat sich die Zahl der erfassten Straftaten von Linksextremen in Nordrhein-Westfalen mehr als verdoppelt. Das gab das Landes-Innenministerium am Mittwoch bekannt. Demnach ordnete die Polizei 2.418 Straftaten, von denen sie erfuhr, Linksextremen zu. Im Jahr 2024 lag dieser Wert noch bei 1.187.
Auch die Zahl der Gewaltdelikte, bei denen Linksextreme verdächtigt wurden, stieg stark an: auf 153. Das bedeutet ein Plus von 78 Prozent. Darunter waren 83 Körperverletzungen (plus 93 Prozent).
Erstes "Lagebild Linksextremismus"
Innenminister Herbert Reul (CDU) stellte am Vormittag das erste NRW-weite "Lagebild Linksextremismus" vor. "Wir sehen: Die Gewaltbereitschaft im Linksextremismus hat deutlich zugenommen. Die Taten werden brutaler, professioneller, persönlicher. Kollateralschäden werden im Namen eines vermeintlich höheren Ziels in Kauf genommen. Daher brauchen wir einen guten Überblick über die Lage", sagte Reul.
Die Autoren des Lagebilds halten fest, "dass der Linksextremismus eine ernstzunehmende Herausforderung für die freiheitliche demokratische Grundordnung in Nordrhein-Westfalen darstellt." Im Zentrum der Szene stehe ein "konsequent staatsfeindliches Weltbild."
Die schwarz-grüne Landesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, mehrere Lagebilder zu Themenbereichen des Verfassungsschutzes zu erstellen. So entstanden auch bereits die Lagebilder zu Islamismus (2024) und Rechtsextremismus (2025). Ein viertes Lagebild, diesmal zum Phänomenbereich "ausländische Ideologie", ist geplant.
"Das Instrument der spezifischen Lagebilder wollen wir auf die verschiedenen Phänomenbereiche des Verfassungsschutzes ausweiten". Koalitionsvertrag von CDU und Grünen von 2022
In dem knapp 100 Seiten langen Bericht zum Linksextremismus spielen mehrere aufsehenerregende Angriffe auf die kritische Infrastruktur aus dem vergangenen Jahr eine zentrale Rolle. "Dabei wählten die Täter oft gut zugängliche und gering oder nicht gesicherte sowie öffentlichkeitswirksame Ziele. Diese wurden oftmals in Brand gesetzt", heißt es.
Angriff auf Bahnstrecke
Im Sommer wurde beispielsweise die Bahnstrecke zwischen Düsseldorf und Duisburg sabotiert, wichtige Kabel brannten. Die Folgen für Regional- und Fernverkehr der Bahn waren damals erheblich. Zu der Tat hatte sich ein antikapitalistisches "Kommando Angry Birds" bekannt.
2025 gab es in NRW insgesamt sechs gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr durch linksextreme Tatverdächtige, im Jahr davor waren es zwei.
Widersprüchliche Angaben
Das NRW-Innenministerium bezeichnete Angriffe auf kritische Infrastruktur als "Schwerpunkte" linksextremer Straftäter "in den vergangenen Monaten in NRW". Zahlen, die das Ministerium vor zwei Wochen als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage herausgab, hatten dagegen einen rückläufigen Trend gezeigt. Demnach gab es im vergangenen Jahr weniger Angriffe auf die sogenannten Oberangriffsziele Infrastruktur sowie Handel und Wirtschaft.
Ein weiteres Beispiel für Angriffe auf die Infrastruktur ist ein versuchter Anschlag auf ein Umspannwerk in Erkrath. Unbekannte hatten dort vergeblich versucht, einen Brandsatz zu zünden.
"Label" für Einzeltäter?
Neben dem Kürzel "KAB" war am Tatort auch der Slogan "Switch off" zu lesen. "Unter Verwendung dieses Namens finden seit 2023 verschiedene Angriffe auf Wirtschaftsunternehmen und kritische Infrastruktur statt", schreiben die Autoren des Lagebilds nun.
Die Zuordnung der Taten zu einzelnen Tätern sei oft schwer. "Es ist nicht auszuschließen, dass Namen von Akteuren und Kampagnen wie Kommando Angry Birds oder Switch off von Einzeltätern als 'Label' für eigene Taten genutzt werden." Insgesamt spricht der Verfassungsschutz von 3.335 potenziell gefährlichen Linksextremen in NRW im Jahr 2025.
Der größte Teil der mutmaßlich linksextremen Straftaten waren Sachbeschädigungen, sie machten im vergangenen Jahr mit einer Anzahl von 1.190 die Hälfte der Fälle aus. Das Plus lag hier bei 143 Prozent.
FDP: "Warnsignal"
Die FDP bezeichnete die neuen Zahlen als "Warnsignal", die Landesregierung müsse daraus Konsequenzen ziehen. "NRW braucht endlich eine umfassende Sicherheitsstrategie für kritische Infrastruktur: bessere Prävention, Lagebilder in Echtzeit, konsequente Strafverfolgung und einen Verfassungsschutz, der digitale Mobilisierung und neue Tatmethoden frühzeitig erkennt – bevor etwas passiert", forderte der innenpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Marcel Hafke.
Zahlen für 2025 sind vorläufig
Die Zahlen stammen aus dem polizeilichen Definitionssystem "Politisch motivierte Kriminalität" (PMK). Die Werte für 2025 wurden am Mittwoch erstmals veröffentlicht und sind vorläufig, sie können sich noch verändern. Die Statistik zur PMK wird seit 2001 erhoben und soll alle Straftaten gesondert erfassen, die politisch motiviert sind.
Kritik an PMK-Statistik
Der Grund für diese Extra-Statistik: Politische Straftaten zielen besonders auf die Demokratie und das gesellschaftliche Miteinander. Je nach Umständen der Tat und mutmaßlichem Motiv werden die Delikte den so genannten "Phänomenbereichen" zugeordnet: Neben Linksextremismus auch dem Rechtsextremismus, der ausländischen Ideologie oder der religiösen Ideologie.
Immer wieder gibt es Kritik an der PMK-Erhebung. Unter anderem, weil es sich um eine Eingangsstatistik handelt. Das heißt, dass Polizeibeamte schon zu Beginn der Ermittlungen die Tat einem vermuteten Motiv zuordnen - sobald der Verdacht auf ein politisches Motiv besteht.
Unsere Quellen:
- Lagebild Linksextremismus NRW
- Zahlen NRW-Innenministerium
- Eigene Recherche
Sendung: WDR2 Hörfunk-Nachrichten, NRW-Lagebild Linksextremismus vorgestellt, 25.02.2026, 10:00 Uhr
