Neue Studie: Kinder- und Jugendkriminalität nimmt weiter zu
Aktuelle Stunde . 30.10.2025. 33:44 Min.. UT. Verfügbar bis 30.10.2027. WDR. Von Tim Köksalan.
Bei Jugendlichen zwischen 11 und 15 Jahren ist offenbar die Bereitschaft zu Gewalt gestiegen. Das zeigt eine Untersuchung, die NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag vorgelegt hat. Ausgewertet wurden dazu die polizeilichen Kriminalstatistiken von 2012 bis 2024. Demnach hat die Zahl der Gewaltdelikte bei Neuntklässlern in dieser Zeit um fast 22 Prozent zugenommen, bei den Siebtklässlern lag der Anstieg sogar bei 114 Prozent.
Wobei das Landeskriminalamt (LKA), das an der Untersuchung beteiligt war, auch darauf hinwies, dass die sogenannte Delinquenz vom Kindes- zum Jugendalter hin generell zunehme. Die in den vergangenen Jahren beobachteten Anstiege gerade in jüngeren Altersgruppen seien aber auffälliger als bislang.
Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen stieg die Zahl der Gewaltdelikte - bei den Mädchen aber deutlich stärker. Während die Fälle der Eigentumsdelikte - dazu zählen etwa Ladendiebstahl, Graffiti, Sachbeschädigung oder Einbruch - leicht abnahmen.
Parallel: Befragung von Jugendlichen
Um die Hintergründe besser einschätzen zu können, hatte das LKA parallel zur Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistiken auch eine Dunkelfeldstudie in Auftrag gegeben. Mitarbeiter eines Forschungsprojekts zur Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz an der Uni Köln befragten 3.800 Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 7 und 9 an weiterführenden Schulen in Gelsenkirchen, Herten und Marl.
Deren Antworten zeigen teils sogar noch höhere Anstiege bei Gewalt- und auch bei Eigentumsdelikten. Das Untersuchungsgebiet - auch das betonen die Autoren der Untersuchung - gehört zu den strukturschwächsten und sozioökonomisch am schlechtesten gestellten Gebieten in NRW.
Bei einigen Aspekten gehen die Ergebnisse zwischen der Dunkel- und der Hellfeldstudie stark auseinander. So sanken in der Polizeistatistik die Fälle von jugendlichen Ladendieben, während die Jugendlichen selber die Einschätzung hatten, dass Ladendiebstahl unter ihresgleichen stark zugenommen hätte. Maike Meyer vom LKA erklärte das mit einer gesunkenen "Entdeckungsquote" in den Geschäften - und der Einführung von Selbstbedienungskassen in Supermärkten.
Auch Elterngewalt hat zugenommen
Die Rückmeldungen legen nahe, dass Jugendliche heutzutage eher impulsiv und unbeherrscht reagieren. "Die Zündschnur ist allgemein kürzer geworden, auch bei den Kindern", sagte Innenminister Reul am Donnerstag. Die Selbstkontrolle habe deutlich nachgelassen. Gleichzeitig gaben 2024 viele Jugendliche an, mit Angst und Depressionen zu kämpfen. Bei den Mädchen waren es sogar die Hälfte aller Befragten Neuntklässlerinnen.
Auch Gewalterfahrung durch die Eltern hat vor allem seit der Pandemie offenbar zugenommen. Die Zahl der Jugendlichen, die angaben, 2024 schwere Formen von Gewalt seitens ihrer Eltern erlebt zu haben, sei im Vergleich mit 2013 um 135 Prozent gestiegen, sagte Dunkelfeld-Studienleiter Clemens Kroneberg von der Uni Köln. Während der Pandemie sei eine deutliche Zunahme von häuslicher Gewalt zu beobachten gewesen.
Kinder, die zuhause Gewalt erfahren, hätten ein erhöhtes Risiko, später selber gewalttätig zu werden, so Kroneberg.
Moralische Vorstellungen bei Jugendlichen variieren
Erstaunlich: Die Jugendlichen wurden auch befragt, wie schlimm sie es fänden, wenn Gleichaltrige die Schule schwänzten, andere schlagen oder "aus Spaß eine Straßenlaterne zerstören". Die Einschätzung, dass das sehr schlimm sei, war 2024 fast genauso klar wie knapp zehn Jahre zuvor.
Bei schulischen Regelverstößen – keine Hausaufgaben machen oder Lehrer beleidigen etwa – sei das Pflichtgefühl der Jugendlichen dagegen deutlich gesunken, sagte Soziologe Kroneberg. Wer im Alltag gegen die Regeln verstößt, tendiere dazu, auch in anderen Bereichen sein Verhalten zu ändern.
Soziologe: Weniger Handygebrauch würde helfen
Innenminister Reul erklärte, die Erkenntnisse aus den Studien seien ein erster Schritt. Zur Lösung des Problems gebe es aber "keine schnellen Antworten". Nachdenken müsse man beispielsweise über mehr Sanktionsmöglichkeiten für jugendliche Straftäter unter 14 Jahren.
Von Journalisten gefragt, was er der Politik raten würde, zählte der Soziologe Kroneberg auf: Stärkere Einschränkungen – wie Altersbeschränkungen – bei der Nutzung von Smartphones und vor allem Sozialen Medien. Keine Whatsappgruppen schon in der fünften Klasse. Rechtssichere Regelungen, wie und wo Schulen Handys verbieten dürfen. Denn aus Soziologen-Sicht sei mittlerweise eins erwiesen, auch im internationalen Vergleich: "Jugendliche, die weniger Zeit mit Smartphones und Social Media verbringen, sind weniger delinquent."
Über dieses Thema berichten wir u.a. in den WDR Hörfunknachrichten und auf WDR 5 im "Westblick" ab 17.05 Uhr.
Quellen:
- Bericht "Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen" des LKA
- Dunkelfeldstudie "Zur Entwicklung der Kinder- und Jugenddelinquenz in Nordrhein-Westfalen" der Universität Köln