Alleine, dass die Chats jetzt erst auftauchen, ist schon ein starkes Stück. Wieder einmal zeigt die Landesregierung, dass sie im Umgang mit der eigenen Kommunikation unsensibel, ungeschult oder - schlimmer noch - rechtlich unsauber handelt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Chats gelöscht sind, weder zu den Akten gelegt oder deutlich zu spät an den jeweiligen Untersuchungsausschuss übergeben wurden. Dieser Umgang mit der Öffentlichkeit und besonders dem Parlament ist mehr als nur schwierig.
Viel schwerwiegender sind aber die Inhalte der jetzt aufgetauchten Chats. Diese lassen tief blicken, was innerhalb der Landesregierung anscheinend wichtig ist.
Unangemessener Umgang mit Deutungshoheit
So versuchen zwei Abteilungsleiterinnen, in die Deutungshoheit einzugreifen. Die eine schlägt vor, dass nach dem Attentat die Ministerin schnellstmöglich nach Solingen kommen solle. Um ihre Anteilnahme und Präsenz zu zeigen. Sie weist auf die Gefahr hin, dass der CDU-Innenminister Herbert Reul aus dem Attentat Profit schlagen könne, "um seine politischen Themen durchzubringen".
Eine andere bietet rein präventiv an, ihre Leitung abzugeben, sollte sie damit die Ministerin schützen können.
Nur zur Erinnerung: Es sind bei dem Attentat Menschen gestorben. Unmittelbar danach taktische Debatten über Deutungshoheit und Umgang zu führen? Das ist moralisch schwierig! Natürlich bleibt Politik am Ende auch ein Geschäft des Umgangs mit Krisen, wo die Moral am Ende auch unter die Räder gerät. Das ist halt so - man sollte nicht naiv sein und glauben, dass es je anders war.
Anders als anständig
Aber so direkt nach einem Attentat und dann auch noch aus einem Ministerium, das von den Grünen geführt wird? Man kann mehr erwarten. Oder man sollte prüfen, ob die Maßstäbe, die nicht wenige Grüne - oft auch zurecht - an andere legen, auch für sie selber gelten. Eine gewisse Doppelmoral kann man aus den Nachrichten ableiten.
Zumindest wird nach dem Lesen der Chats klar, warum man sie lange unter Verschluss gehalten hat: Dieses Sittengemälde ist unangenehm - nicht nur für die zurückgetretene Ministerin Paul, sondern für die gesamte Landesregierung.
Vor allem weil die Chats Denkmuster in den Ministerien offen legen und auch zeigen, dass es zwischen CDU und Grünen beileibe nicht so anständig zugeht, wie es beide Seiten immer glaubhaft machen wollen.
Sendung: WDR 5 Westblick, Kommentar zu Chats aus dem Fluchtministerium, 02.02.2026, 17:05 Uhr
