Die Schülerinnen und Schüler an der Gesamtschule Langerwehe im Kreis Düren fragen regelmäßig ein KI-Programm, wenn sie Antworten brauchen. "Ich nutze oft KI bei Problemen oder wenn ich zu Hause was mache und grad die Lösung nicht weiß", erzählt ein Schüler.
Und die 17-jährige Nele Schoenen gibt zu, dass sie in Versuchung kommt, vor allem wenn sie viele Hausaufgaben hat, Zeitstress und Dinge nicht versteht. In solchen Fällen kann die künstliche Intelligenz das eigene Denken ersetzen.
KI als Ghostwriter
Im Mathematik-Leistungskurs der Gesamtschule soll die KI jetzt aber das Denken anregen. Da haben sie gerade Integralrechnung. Mathelehrer Christopher Bacanji will von den Schülern nicht nur, dass sie richtig rechnen, sondern den Lösungsweg erklären können, in mathematischer Fachsprache.
Nele Schoenen erwartet, dass das in der mündlichen Abiturprüfung wichtig sein kann. Der Kurs soll einen KI-Ghostwriter nutzen, eine App, die Texte erstellt. Die Schüler geben ihren Rechenweg in Stichpunkten ein, bekommen allerdings ganz unterschiedliche Ergebnisse.
KI in der Schule - Chance oder Gefahr?
WDR 5 Westblick - aktuell. 29.05.2026. 05:56 Min.. Verfügbar bis 29.05.2027. WDR 5.
Mathelehrer Bacanji ist irritiert: "Da werde ich wohl noch nachjustieren müssen, um diesen KI-Assistenten zu verbessern." Das Besondere: Der Lehrer entwickelt die KI-Assistenten, die er im Unterricht nutzt, selbst. Heißt: Er gibt ein, was die KI machen soll. Und das muss auch Bacanji noch lernen, wie er einräumt. Von seinen Erfahrungen würden langfristig aber andere profitieren. Denn seine KI-Assistenten werden auf der Internetseite des Landes-Projektes KIMADU anderen zur Verfügung gestellt.
KI gibt Mathe-Nachhilfe
In der 9. Klasse läuft es schon besser. Dort testet Christopher Bacanji KI zur Nachhilfe – mit einem anderen Programm, dem KI-Assistenten Prismo. Mit ihm sollen die Schüler für die nächste Klassenarbeit zu Hause lernen können. Das ist vor allem für die wichtig, die weder Eltern noch Geschwister fragen können.
Aber zunächst müssen sie lernen, Prismo die richtigen Fragen zu stellen. KI soll ihnen beim Verstehen helfen, nicht beim Abschreiben. In Mathe sei es ziemlich schwierig, KI zu benutzen, hat die fünfzehnjährige Merle Felsenhorst festgestellt: "Weil die KI mir auch Wege zeigt, die wir im Unterricht nicht gemacht haben und dann verstehe ich das nicht wirklich." KI im Unterricht gut zu nutzen, muss also erst gelernt werden.
KI kann Bildung gerechter machen
Das, was in der Gesamtschule Langerwehe ausprobiert wird, ist Teil des KIMADU-Projekts der NRW-Landesregierung. Das läuft seit Februar 2025 und wird wissenschaftlich von der Universität Siegen begleitet.
Die Initiative, als KI-Pilotschule an dem Projekt teilzunehmen, ging an der Gesamtschule von den Lehrkräften aus. Dort setzt man schon länger voll auf Digitalisierung. Schulleiterin Regina Westermann findet es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler KI auf eine Weise kennenlernen, "die es ihnen ermöglicht, in ihrem späteren Leben Chancen-und bildungsgleich agieren zu können". Heißt: Wenn Eltern kein Geld für Nachhilfe haben, könnte KI einspringen.
Schüler könnten durch KI auch "abgehängt werden"
Doch vergrößert KI dadurch wirklich Bildungschancen für alle? Die Berliner Sozialunternehmerin Manuela Mohr sieht Risiken für Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien: "Das könnte die Bildungsungleichheit verschärfen, weil die jungen Menschen, die gut damit umgehen können und privilegiert das zu Hause auch lernen, die haben die Chance, dass Lernen deutlich verbessert wird. Und die jungen Menschen, die auf sich alleine gestellt sind, bei denen besteht die Chance, dass Denkprozesse ausgelagert werden und dass sie noch stärker abgehängt werden."
Mit ihrem gemeinnützigen Unternehmen Education Innovation LAB setzt sie sich für ein grundlegende Transformation der Bildungssysteme ein. Mit KI, denn die Technologie sei schon da, so Manuela Mohr im WDR-Interview. Aufgabe von Schule sei es, jungen Menschen den kritischen Umgang mit KI beizubringen. Und zwar schnell.
Doch viele Lehrkräfte sind noch unsicher im Umgang mit KI. NRW stellt gemeinsam mit anderen Bundesländern den Schulen einen Chatbot ("AIS.chat") zur Verfügung. Doch der sei nicht zuverlässig, haben die Lehrkräfte in der Gesamtschule Langerwehe festgestellt. Mitte Mai wurde ihnen zum Beispiel noch Olaf Scholz als derzeitiger Bundeskanzler angezeigt, berichtet Mathelehrer Bacanji.
Lehrerverbände fordern Entlastung der Lehrkräfte
Der Aufwand für Lehrkräfte im KI-Projekt sei enorm, denn sie müssten die KI-Assistenten ständig weiterentwickeln. Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbandes in NRW wünscht sich mehr Entlastung für die Lehrkräfte, etwa eine Stunde weniger Unterrichtszeit.
Außerdem seien die Leitlinien des Ministeriums nicht ausreichend: "Wenn die Entwicklung nicht in klare Bahnen gelenkt wird, dann sehe ich schon viele Gefahren, dass die Bildung tatsächlich darunter leidet und deswegen brauchen wir ganz starke Gradmesser, an denen wir uns orientieren. Ansonsten wird es dazu kommen, dass Schülerinnen und Schüler nicht mehr in der Lage sind, grundsätzlich selbständig zu denken."
Schulministerin Dorothee Feller(CDU) sieht dagegen NRW bundesweit als Vorreiter beim Einsatz von KI im Unterricht. Der Handlungsleitfaden sei Vorbild für andere Bundesländer, sagte Feller im März im Landtag.
Unsere Quellen:
- Gesamtschule Langerwehe
- Philologenverband NRW
- Manuela Mohr, Sozialunternehmerin
- Pressemitteilungen Schulministerium NRW
- Rede Dorothee Feller im Landtag, 19.3.2026
- https://ais-chat.schule/
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 31.05.2026, 19:30 Uhr
WDR.de & WDR 5 Westblick, KI in der Schule - Chance oder Gefahr?, 29.05.2026, 13:30 Uhr/17:05 Uhr