Strukturwandel: Langsamer Netzausbau | WDR aktuell
WDR. 01:53 Min.. Verfügbar bis 31.05.2028.
Der Wind pfeift über die freie Fläche am Ortsrand von Rommerskirchen. Hinter einem Zaun ragen die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Neurath in den Himmel. Von den Kraftwerksblöcken gehen hier zig Höchstspannungsleitungen los, die weite Teile des Landes mit Strom versorgen.
Martin Mertens (SPD), Bürgermeister Rommerskirchen
Der Bürgermeister der Gemeinde Rommerskirchen, Martin Mertens, zeigt auf das Umspannwerk hinter sich und schüttelt den Kopf. "Hier läuft alles vorbei", sagt der SPD-Politiker, "aber wir dürfen nicht anschließen".
Wo heute noch Wiese ist, soll bald ein Industriegebiet entstehen, "Kraftpark" soll es heißen. Unternehmen aus den Bereichen Software, Robotik, Logistik und Medizintechnik wollen sich ansiedeln, bis zu 2.000 Arbeitsplätze könnten entstehen. Eigentlich läuft alles nach Plan, nur Strom gibt's hier auf dem Feld direkt neben dem Kraftwerk nicht.
Netzanschluss für Industriegebiet womöglich erst in Jahren
Seit Anfang des Jahres weiß Mertens, dass große Strommengen für das Gebiet womöglich erst deutlich später zur Verfügung stehen könnten als ursprünglich geplant, vielleicht erst Mitte der 2030er Jahre. Das Kraftwerk nebenan soll zu diesem Zeitpunkt längst abgeschaltet sein.
Ohnehin sei das Kraftwerk am überregionalen Höchstspannungsnetz angeschloßen, für den Park nebenan brauche es aber etwas weniger Hochspannung. Und da gibt es laut Netzbetreiber Westnetz ein Problem, schreibt das Unternehmen auf WDR-Anfrage:
"Auch in dieser Region ist die Anzahl an Anschlussanfragen mit hohem Leistungsbedarf immens gestiegen, wodurch die vorhandenen Kapazitäten in der dortigen 110-kV-Netzgruppe derzeit nahezu ausgeschöpft sind." Netzbetreiber Westnetz
Für den Bürgermeister ist das schwer vermittelbar, gerade bei Gesprächen mit internationalen Investoren. "Strom ist ein ganz wichtiger Infrastrukturvorteil", sagt er. "Und dann sitzen Sie da und müssen sagen: Vielleicht klappt das gar nicht." Dabei gilt die Lage eigentlich als ideal, zwischen Köln und Düsseldorf, direkt an Autobahnen gelegen und mitten in einer Region, die sich nach dem Kohleausstieg neu erfinden will und muss.
Netzanschlüsse: Viele Anträge, knappe Kapazitäten
Das Problem betrifft längst nicht nur Rommerskirchen. Mit der Energiewende steigt der Bedarf an Netzanschlüssen massiv. Wind- und Solarparks wollen Strom einspeisen, Batteriespeicher brauchen Kapazitäten. Gleichzeitig melden Industrieparks, vor allem riesige Rechenzentren, immer größere Strombedarfe an. Bearbeitet werden die Anträge bislang oft nach einem einfachen Prinzip: Wer zuerst beantragt, kommt zuerst dran.
Prof. Christoph Weber, Universität Duisburg-Essen
Energieexperte Christoph Weber von der Universität Duisburg-Essen hält das zunehmend für problematisch. "Es wirft kein gutes Licht auf die Energiewende", so Weber. Gerade für Unternehmen, die investieren wollten. Denn oft würden Netzkapazitäten vorsorglich beantragt, obwohl Projekte noch gar nicht konkret geplant seien. Andere Vorhaben dagegen seien weit fortgeschritten und warteten lange auf Genehmigungen.
NRW-Landesregierung will neues Verfahren
Mona Neubaur (B'90/Grüne), NRW-Wirtschaftsministerin
Auch NRW-Energieministerin Mona Neubaur (B'90/Grüne) fordert Änderungen von der Bundesregierung. Künftig solle nicht mehr nur der Zeitpunkt des Antrags zählen, sondern auch der Stand eines Projekts. Also etwa, ob Flächen bereits erschlossen sind oder Investoren feststehen. Ein entsprechender Entwurf aus dem Bundeswirtschaftsministerium liegt bereits vor, umgesetzt ist er aber noch nicht.
Dass schnelle Lösungen grundsätzlich möglich sind, zeigt aus Sicht der Landesregierung auch das Microsoft-Projekt im Rheinischen Revier, wo drei große Rechenzentren entstehen sollen. Dort ist der Netzanschluss gesichert. Wirtschaftsministerin Neubaur lobt dabei vor allem die enge Abstimmung zwischen Unternehmen und Netzbetreibern.
Gigantische Mengen Energie werden gebraucht
Bei den ganz großen Netzbetreibern und Großabnehmern geht es zum Teil schon jetzt nicht mehr nur nach Antragseingang. Und die beantragten Kapazitäten sind gewaltig. Alleine im Bereich Rechenzentren spricht Netzbetreiber Westnetz von einer "bundesweit führenden Größenordnung" bei zugesagten oder bereits realisierten Netzanschlüssen: Schon jetzt geht es um rund 2.600 Megawatt Leistung. Alle Anfragen summieren sich nach Angaben des Unternehmens sogar auf 12.400 Megawatt.
Westnetz selbst rechnet vor, dass 100 Megawatt ungefähr dem Strombedarf einer Großstadt mit 100.000 Einwohnern entsprechen. Die angefragte Leistung für Rechenzentren entspräche damit rechnerisch dem Strombedarf von rund 12,4 Millionen Menschen - ungefähr so viele Menschen leben in der gesamten Metropolregion Paris oder in einer Megacity wie São Paulo.
Reicht der Strom im Rheinischen Revier?
Rechenzentren etwa im Bereich der Künstlichen Intelligenz benötigen dauerhaft enorme Mengen Strom. Aktueller Vorreiter in der Region ist Microsoft: Das US-Unternehmen baut drei KI-Rechenzentren im Rheinischen Revier. Alleine diese drei sogenannten Hyperscaler sollen einen Stromverbrauch von rund 300 Megawatt haben.
Die Höchstspannungsleitungen in diesem Bereich sind anders als die kleineren Netze zum Teil noch durch die Braunkohleverstromung in der Region vorhanden. Die letzten Kraftwerke sollen allerdings wegen des Kohleausstiegs bis 2030 abgeschaltet werden und es braucht Alternativen. "Nordrhein-Westfalen wird Offshore-Land", erklärt Ministerin Neubaur. 18 Gigawatt Windstrom, produziert vor Deutschlands Küste, soll nach NRW fließen. "Nächstes Jahr kommt die erste Leitung aus der Nordsee hier in Nordrhein-Westfalen an", so die Ministerin.
Sorge vor abspringenden Investoren in Rommerskirchen
Auf dem Gelände in Rommerskirchen sind sie dagegen auf den Ausbau der lokalen Stromnetze angewiesen. Trotzdem laufen die Vorbereitungen für den Industriepark hier weiter. Wasserleitungen werden verlegt, Flächen vorbereitet.
"Hier soll es losgehen", sagt Mertens. Gerade moderne Unternehmen setzten auf elektrische Infrastruktur, auf Ladeparks, Rechenleistung und automatisierte Prozesse. Ohne ausreichend Stromversorgung sei das kaum denkbar. Der regionale Netzbetreiber Westnetz verweist auf Anfrage darauf, dass zunächst ein formaler Netzanschlussantrag gestellt werden müsse. Erst dann lasse sich der tatsächliche Bedarf konkret prüfen.
Für Mertens ist das keine Lösung. Denn eine offizielle Ablehnung könnte Investoren direkt abschrecken. Er hofft deshalb auf politische Prioritäten beim Strukturwandel. "Wenn hier neue Arbeitsplätze entstehen sollen", sagt er, "dann müsste man solche Projekte eigentlich vorziehen".
Unsere Quellen:
- Eigene Recherchen
- Interview mit Bürgermeister Martin Mertens (SPD)
- Interview mit Prof. Dr. Christoph Weber, Universität Duisburg-Essen
- Interview mit Mona Neubaur (B'90/Grüne), NRW-Energieministerin
- Schriftliche Antwort von Netzbetreiber Westnetz
Sendung: WDR.de, Langsamer Netzausbau im Rheinischen Revier, 29.05.2026, 19:16 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 31.05.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 31.05.2026, 12:45 Uhr

