Insolvenz, Geschlossen
Statt Investitionen: Gipfel der Pleiten in NRW
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Während beim Kanzler in Berlin über Investitionen in den Wirtschaftsstandort Deutschland geredet wird, gibt es in NRW so viele Firmenpleiten wie seit fast zehn Jahren nicht. Fast 20 Prozent mehr Unternehmen gingen in die Insolvenz als noch vor einem Jahr, meldet das Statistische Landesamt, IT NRW. Die Neugründungen können das nicht aufwiegen.
Insgesamt gab es satte 1.572 angemeldete Insolvenzen allein im ersten Quartal dieses Jahres. "Man könnte sagen: Der Maschinenraum in Deutschland, aber auch vor allem in NRW, steht hier im Feuer", meint Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung beim Dienstleister Creditreform. Besonders auffällig sei, dass vor allem die Industrie den höchsten gemessenen Zuwachs bei den Insolvenzen seit 2015 habe. Der Schwerpunkt liege also weniger auf dem traditionellen Handel, den kleineren Unternehmen und Dienstleistern, sondern beim mittelständischen Gewerbe - von energieintensiven verarbeitenden Betrieben, etwa in der Metall- und Autoindustrie bis zum Baugewerbe. Aber auch Gastronomie, Handwerk und Einzelhandel stöhnen unter den Wettbewerbsbedingungen.
Leere Ladenlokale in Innenstädten
Besonders in den kleinen und mittleren Innenstädten zeugen leere Ladenlokale und Schilder davon: Ob es die Restaurant-Kette "Sausalitos" ist, die nach ihrer Insolvenz die Standorte in Dortmund, Essen, Krefeld geschlossen hat. Ob der insolvente ostwestfälische Modehersteller Gerry Weber alle seine Geschäfte schließt. Ob das der Matratzenhersteller Schlaraffia in Bochum-Wattenscheid ist, bei dem 170 Mitarbeitende an allen drei NRW-Standorten jetzt schlaflose Nächte haben – auch weil ein vorläufiges Insolvenzverfahren läuft.
Breite Branchen betroffen
Insolvenzantrag
Es sei besorgniserregend, weil sehr breite Branchen betroffen seien, sagt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK NRW, Matthias Mainz: "Darunter einige im Einzelhandel oder in der Gastronomie, die sind noch nicht aus Corona raus. Die haben das, was sie durch Corona verloren haben, noch nicht wieder reinbekommen." Sie litten auch unter strukturellen Entwicklungen, dem digitalen Handel, unter Arbeits- und Energiekosten. "Und die haben tatsächlich die Krise nicht überwunden und müssen jetzt aufgeben."
Nachgeholte Insolvenzen seit Corona
Alles muss raus im Räumungsverkauf
Tatsächlich gebe es jetzt viele verzögerte Insolvenzen aus der Pandemiezeit, erklärt das NRW-Wirtschaftsministerium. Denn während dieser Zeit sei die Pflicht, eine Insolvenz anzumelden, zeitweise ausgesetzt gewesen. Das treibe die Zahlen nun weiter nach oben. Das Ministerium betont: Die Zahlen der Firmenpleiten lägen aktuell noch unter dem Niveau der Finanzkrise 2009/2010. Dass sie dennoch so hoch sind, hat nach Ansicht von Experten verschiedene Gründe: Die Menschen hielten sich mit größeren Ausgaben zurück, Unternehmen investieren weniger. Die Weltwirtschaft schwächele, Handelskonflikte nehmen zu. Die Unsicherheit, die US-Präsident Trump mit seinem Zollkrieg schüre, sei auch eine große Bremse. Viele Betriebe kämpfen neben hohen Energie- und Lohnkosten mit zu viel Bürokratie und gestiegenen Zinsen.
Neubaur: Verlässliche Rahmenbedingungen statt Sprechblasen
Wichtig seien jetzt verlässliche Rahmenbedingungen, mahnt NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Die Unternehmen brauchten bezahlbare Energie, weniger Bürokratie, faire Steuern und genügend Fachkräfte. Ein neues Förderprogramm NRW.BANK.Invest Zukunft biete Unternehmen seit Mai 2025 vergünstigte Kredite mit zwei Prozent Zinsabschlag an. Kleine und mittlere Betriebe bekommen zusätzlich bis zu 20 Prozent Tilgungsnachlass.
Gerade die Kommunen und der Mittelstand warten seit Monaten auf verlässliche Signale dafür, welchen strukturellen Rahmen eine Investitionsoffensive haben soll – nicht auf weitere Sonntagsreden. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur
FDP-Chef Höne: Mittelstand und Handwerk bleiben außen vor
Auch der nordrhein-westfälische FDP-Chef Henning Höne kritisiert nach dem Investitionsgipfel beim Bundeskanzler: „Ob im Bund oder in NRW: Trotz medienwirksamer Auftritte bleiben echte Impulse für mehr wirtschaftliches Wachstum aus." Während Großkonzerne zum Gipfel ins Kanzleramt oder zur Brüssel-Reise geladen würden, blieben Mittelstand, Handwerk und Freie Berufe bei Kanzler Merz (CDU) und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) außen vor. "Deutschland braucht keine Showpolitik, sondern endlich eine entschlossene Agenda für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum: weniger Bürokratie, weniger Steuerlast, mehr unternehmerische Freiheit für Fortschritt und Innovation!“
Insolvenzen können "Zombie-Wirtschaft" verhindern
Es gehe gar nicht darum, um jeden Preis Insolvenzen zu vermeiden, betont Creditreform-Sprecher Patrik-Ludwig Hantzsch. "Dann würden wir in einer Zombie-Volkswirtschaft leben und es würde nicht mehr nach Vorne gehen." Aber dazu gehöre, dass es auf der anderen Seite auch genügend Neugründungen gebe. Dafür brauche es eben die Rahmenbedingungen. Die neue Bundesregierung habe viele Ankündigungen gemacht, aber noch nicht genug getan, um tatsächlich der Insolvenzwelle entgegenzuwirken. "Deutschland verliert aktuell an Know How und an Fertigungskompetenz in vielen Bereichen des verarbeitenden Gewerbes, die wir aber ganz dringend für die Zukunft und für die Innovation brauchen." Es komme nicht auf die reine Zahl von Insolvenzen und Schließungen an, sondern auch darum, wer, warum pleite gehe.
Unsere Quellen
- Statistik IT NRW
- Interview mit Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung, Creditreform
- Interview Mattias Mainz, Stellv. Geschäftsführer IHK NRW
- NRW Wirtschaftsministerium
- Henning Höne, Chef der FDP-Landtagsfraktion und Partei in NRW