Jeden Sommer begegnen uns medial immer neue exotische Tier- und Pflanzenarten: Ob asiatische Hornisse im Garten, Nosferatu-Spinne in der Wohnung oder Tigermücken, die gefährliche Tropenkrankheiten verbreiten. In Nordrhein-Westfalen tauchen zunehmend invasive Tier- und Pflanzenarten auf – und mit ihnen die Probleme für Umwelt, Mensch und Wirtschaft.
Der Begriff "invasiv" bezeichnet Arten, die nicht ursprünglich in einem Ökosystem vorkommen, sich aber dort ausbreiten und sich negativ auf die Gesundheit, biologische Vielfalt oder Wirtschaft auswirken. Laut Bundesamt für Naturschutz gibt es in Deutschland rund 300 invasive Arten, von denen sich bereits über 100 hier fest etabliert haben.
Schuld an der Ausbreitung ist vor allem der Klimawandel, der dafür sorgt, dass auch Exoten sich hier wohlfühlen. Hinzu kommen globaler Handel und Tourismus, bei denen Tiere und Pflanzen häufig unbemerkt in Koffern oder Containern mitreisen.
Von der Gartenzierde zur ökologischen Bedrohung
Der japanische Staudenknöterich wächst bis zu 30 Zentimeter am Tag
Und dann sind da noch die Gartencenter: Pflanzen machen unter den gelisteten invasiven Arten die größte Gruppe aus. Viele wurden hier gepflanzt, um den Garten zu schmücken. Haben sie es erst über den Gartenzaun geschafft, können sie zu einer Gefahr für die heimische Flora werden. Eine dieser Problempflanzen ist der japanische Staudenknöterich: Ganz unbemerkt verbreitete sich die Riesenpflanze innerhalb kurzer Zeit in NRW.
Inzwischen sind die schnellwachsenden Stauden mit ihren zwei bis drei Meter hohen Beständen nicht mehr zu übersehen. Mit seinen eiförmigen Blättern und den weißen Blüten ist der Staudenknöterich hübsch anzusehen. Doch der Staudenknöterich wächst rasant: bis zu 30 Zentimeter. Der dichte Bewuchs nimmt anderen Pflanzen Licht und Platz und verdrängt sie.
Genauer Einfluss noch nicht erforscht
Die Zahl der invasiven und teilweise bedrohlichen Arten nimmt weiter zu. Niemand kann sagen, wie sich dadurch das hiesige Ökosystem verändert. Was tun, um die Verbreitung invasiver Arten zu stoppen?
Die EU schreibt Maßnahmen zur Prävention, Früherkennung und Bekämpfung vor. Laut dem NRW-Umweltministerium werden diese Vorgaben zwar umgesetzt, sind aber nicht immer erfolgreich. Etwa bei der sogenannten Quagga-Muschel, deren Ausrottung allein durch deren große Menge und schnelle Ausbreitung unmöglich ist. Die Quagga-Muschel ist nur ein Beispiel dafür, wie solche Exoten ganzen Ökosystemen schaden können.
Kleine Muschel bedroht Talsperren
Auf den ersten Blick sieht der Möhnesee sauber aus. Doch nähert man sich der Staumauer, offenbart sich das ganze Ausmaß der Muschelplage: Eine dicke Schicht Quagga-Muscheln ragt aus dem Wasser an der Mauer entlang. Die Muschel bildet bis zu 70cm dicke Schichten und besiedelt den Grund des Sees flächendeckend: Rund 1.500 Quagga-Muscheln pro Quadratmeter zählen Forscher aktuell.
Quagga-Muscheln besiedeln sogar die Kette einer Boje mitten im Möhnesee
Ursprünglich stammt die Muschel aus dem im Schwarzen Meer. Im Jahr 2016 tauchte sie zum ersten Mal im Bodensee auf und verbreitet sich seitdem rasant – auch in NRW. Eingeschleppt durch mikroskopisch kleine Eier und Larven, die mit nur einem Tropfen Wasser übertragen werden können – und mit Freizeitbooten, Stand-up-Paddle-Boards oder feuchten Tauchanzügen weite Strecken überwinden. Für die Talsperre Möhnesee ein großes Problem: Denn die dichte Muschelschicht verstopft Wasserwerke, Rohrleitungen und Filter der Talsperren.
Ausrotten lässt sich die Muschel laut NRW-Umweltministerium nicht. Dafür gibt es im See bereits viel zu viele. Um den Schaden möglichst klein zu halten, wird ein riesiger Aufwand betrieben. Die Instandhaltung der Infrastruktur in NRWs Talsperren erzeugt hohe Kosten, die in Zukunft für Bürger spürbar werden. Wann genau, kann
Fischereimeister Markus Kühlmann vom Ruhrverband
Fischereimeister Markus Kühlmann vom Ruhrverband noch nicht einschätzen: "Wir sind noch am Anfang. Wichtig ist, dass wir mit allen Beteiligten, Fachbehörden, Wassersportverbänden und Angelverbänden sprechen und über das Problem und die Gefahr informieren, wie die Lage teilweise in anderen Bundesländern schon ist".
Auch für die Tierwelt ist die Quagga-Muschel eine Gefahr. Zwar filtert sie Algen aus dem Wasser, wodurch der See klarer wird. Doch die Algen fehlen anderen Tieren, zum Beispiel den Kleinkrebsen, als Nahrungsgrundlage, erklärt Kühlmann. Diese Krebse fehlen dann den Fischen als Nahrung und diese wiederrum den Vögeln. Sichtbar, denn an manchen Tagen im Sommer sind am Möhnesee kaum Vögel zu sehen.
Es werden immer mehr
Viele weitere invasive Tierarten breiten sich aktuell aus. In Flüssen wie Ruhr oder Volme bedroht der sogenannte Signalkrebs die hier heimischen Edelkrebse, Fische, Kröten und Frösche. Zuhause ist der Signalkrebs eigentlich in Nordamerika. Er wird zu 18 Zentimeter groß, wächst schneller und verhält sich aggressiver als Edelkrebse.
Der nordamerikanische Signalkrebs breitet sich in Ruhr und Volme aus.
Außerdem überträgt er die Krebspest, eine Pilzinfektion an der die heimischen Edelkrebse sterben – der Signalkrebs nicht. Die Ursache der Verbreitung invasiver Arten in den Gewässern NRWs ist laut Markus Kühlmann ein menschengemachtes Problem: Viele nicht-heimische Krebse und Fische wurden aus ihren Aquarien in hiesige Gewässer gekippt.
Ein weiteres invasives Problem macht sich allmählich im Luftraum breit: die Asiatische Tigermücke, deren Stich oft nicht nur starke Hautreaktionen verursacht, sondern auch tropische Viren, wie Dengue-Fieber, übertragen kann. Auch für die Tigermücke kommt der Klimawandel gelegen: Denn durch die neuen Bedingungen fühlt sie sich besonders entlang des Rheins, beispielsweise in Bonn, Kerpen oder Brühl, wohl.
Unsere Quellen:
- Recherche vor Ort am Möhnesee
- Markus Kühlmann, Fischereimeister vom Ruhrverband
- Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW
- NABU NRW