Kürzungen bei Integrationskursen
Aktuelle Stunde . 12.02.2026. 21:58 Min.. UT. Verfügbar bis 12.02.2028. WDR. Von Daniela Rüthers-Becker.
Seit Ende November stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keine Berechtigungsscheine für eine freiwillige Teilnahme an Integrationskursen mehr aus. Davon betroffen sind vor allem Asylbewerber, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine und Menschen, die mit einer Duldung in Deutschland leben.
Die Integrationskurse sollen laut Innenministerium künftig vor allem für Migranten zur Verfügung stehen, die wahrscheinlich dauerhaft in Deutschland bleiben können.
Schäffer kritisiert Entscheidung Dobrindts
Doch das Aus für eine freiwillige Teilnahme an diesen Kursen stößt auf breite Kritik - nicht nur bei den Anbietern von Integrationskursen, auch in der Politik. So hat die neue NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne) am Donnerstag in einem Brief an Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) appelliert, die Einschränkungen der Integrationskurse zurückzunehmen. Das Schreiben liegt dem WDR vor. Darin bittet sie Dobrindt, diese Praxis zu überdenken und "schnellstmöglich einzustellen".
Ministerin Schäffer: "Nicht hinnehmbar"
Eine derart weitreichende Maßnahme ohne frühzeitige Kommunikation gegenüber den Ländern und Trägern sei nicht hinnehmbar, so Schäffer. "Sie untergräbt die Verlässlichkeit eines seit vielen Jahren tragenden Instruments der Integrationspolitik."
Wir können nicht zehntausende Menschen am Anfang ihres Integrationsprozesses in Deutschland alleine lassen. NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne)
Verena Schäffer ist derzeit auch Vorsitzende der Integrationsministerkonferenz (IntMK). "Sollte das eingeschränkte Integrationskursangebot Bestand haben, käme dies einem integrationspolitischen Kahlschlag gleich", betonte Schäffer gegenüber dem WDR.
Negative Auswirkungen auf Wirtschaftsstandort?
SPD-Abgeordneter Baran hält Entscheidung für "fatal".
Auch Volkan Baran, SPD-Landtagsabgeordneter aus Dortmund, hält die Entscheidung für fatal. "Gerade bei Menschen zu kürzen, die freiwillig einen Sprachkurs machen, ist das besonders bedenklich", so Baran. Er weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht: "Mein Vater ist 1969 nach Deutschland gekommen, meine Mutter in den 70er Jahren. Die hatten keine Sprachkurse oder keine Integrationskurse, sodass sie wirklich jahrelang gebraucht haben, um anzukommen", berichtet er.
Durch das Kürzen bei freiwilligen Integrationskursen fürchtet er auch negative Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Wenn wir Fachkräfte aus der EU haben, die nicht an den Sprachkursen teilnehmen können, ist das eher ein Negativeffekt." Das könne bei dem einen oder anderen die Entscheidung beeinflussen, nicht als Fachkraft nach Deutschland zu kommen.
VHS kann Entscheidung nicht nachvollziehen
Nach Schätzungen der Volkshochschulen (VHS) könnten von dem Stopp in diesem Jahr 30.000 Menschen in NRW betroffen sein - mit weitreichenden Folgen: Diese Menschen könnten so in Deutschland kaum Fuß fassen, fürchtet der VHS-Landesverband NRW. Soziale Kontakte seien eingeschränkt, alltägliche Dinge wie Arztbesuche oder Elternsprechtage kaum zu bewältigen, der Einstieg in eine qualifizierte Arbeit nahezu unmöglich. Die Volkshochschulen sind größter Träger von Integrationskursen in NRW.
Sokolowsky: "falscher Weg"
Celia Sokolowsky ist Vorstandsvorsitzende des NRW-Landesverbands der Volkshochschulen. Sie kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. "Die Sprache zu können, um sich zu integrieren, ist ja die Grundlage für alles", betont sie. Da zu kürzen wäre der falsche Weg.
Spardruck oder politische Entscheidung?
Sokolowsky vermutet hinter der Entscheidung nicht nur eine Sparmaßnahme des BAMF. Denn: "Das Programm ist unseres Wissens nach ausreichend finanziert." Sie vermutet eine politisch gewollte Entscheidung. Das sei aber so nicht erklärt worden, kritisiert Sokolowsky. "Es ist ungerechtfertigt, diese Entscheidung einfach nur aufgrund einer angenommenen Finanzlage zu treffen."
Das BAMF verweist auf Nachfrage auf reduzierte Migrationszahlen. Deswegen würden Ausgaben und Fehlanreize gesenkt. "Das System ist in den vergangenen Jahren erheblich aufgewachsen, zukünftig werden die Angebote wieder gezielter gesteuert", teilt eine Sprecherin mit. Die getroffenen Maßnahmen würden zu einer "langfristigen Sicherung des Integrationskurssystems" beitragen.
Kurse vermitteln Sprache und Kultur
Integrationskurse gibt es seit 20 Jahren. Nach Angaben der VHS haben in dieser Zeit bundesweit 3,6 Millionen Menschen an ihnen teilgenommen. Während der Regierungszeit von SPD, Grünen und FDP waren sie für alle Interessenten geöffnet worden.
Die Geschichte der Integrationskurse ist eine Erfolgsgeschichte. Celia Sokolowsky, Vorstandsvorsitzende der VHS-NRW
In den Kursen wird Migranten vor allem die deutsche Sprache beigebracht. Nach Angaben des BAMF dauert ein allgemeiner Integrationskurs zwischen 700 und 1.000 Unterrichtseinheiten. Er ist unterteilt in einen Sprach- und einen Orientierungskurs, in dem es auch um die deutsche Geschichte und Kultur und die Rechte und Pflichten in Deutschland geht.
Unsere Quellen:
- Integrationsministerium NRW
- Schreiben von Verena Schäffer an Alexander Dobrindt und Bärbel Bas
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
- Interrview mit Celia Sokolowsky (VHS-NRW)
- Mitteilung des VHS-Landesverbands NRW
- Interview mit Volkan Baran (SPD)
Sendung: WDR.de, Kritik aus NRW an Einschränkung von Integrationskursen, 12.02.2026, 13:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 12.02.2026, 18:45 Uhr
