Über viele Jahre war die A1-Brücke bei Leverkusen für Pendler ein Graus: Lange Staus zu Hauptverkehrszeiten in beide Richtungen, weil die Fahrbahn eingeschränkt und wegen der Brückenschäden auf Tempo 60 reduziert war. Der notwendige Neubau der Brücke zog sich scheinbar endlos.
Auch die Unternehmen NRWs, deren LKW in all den Jahren Umwege fahren mussten, weil die Brücke für sie gesperrt war, waren genervt. Da noch mehr als 2.400 weitere Brücken im Land als marode gelten, drohen viele weitere Dauerbaustellen.
Laut einem Gutachten, das die IHK NRW am Donnerstag vorstellte, wären Brückenneubauten auch deutlich schneller umsetzbar. Jürgen Steinmetz von der IHK Niederrhein nannte vorab zwei besonders krasse Beispiele, die derzeit ohne klare Zeit-Perspektive vor sich hin dümpeln:
- Die Uerdinger Rheinbrücke, Baujahr 1936, die derzeit auf eine Last von maximal 30 Tonnen heruntergestuft ist. Für LKW bedeute das im Schnitt 30 Kilometer Umwege - für die Wirtschaft ein Schaden von 25 Millionen Euro im Jahr, so Steinmetz.
- Die Kardinal-Frings-Brücke über den Rhein bei Düsseldorf, über die wegen erheblicher Schäden nur noch Fahrzeuge bis 7,5 Tonnen fahren dürfen. 3.500 LKW nutzten die Brücke früher pro Tag, so Steinmetz, die Ablastung bedeute für die Wirtschaft praktisch eine Vollsperrung. Der Schaden belaufe sich wegen der nötigen Umwege auf 45 Millionen Euro im Jahr.
Die Folgen solcher Einschränkungen belasten der IHK zufolge nicht nur die Unternehmen in ihren Gewinnmargen, sondern auch das Klima: Durch erhöhten Verbrauch von Diesel und Benzin steige das CO2-Aufkommen - und zwar immer mehr. Güterverkehrsprognosen gingen von einem Anstieg des Gütertransports von 34 Prozent bis 2040 aus.
Hoffnung, dass sich die Situation schnell ändern wird, ist in NRW gering: Neubau oder Sanierung von maroden Brücken dauern in der Regel viele zähe Jahre - was auch viele Jahre Sperrung für den Schwerlastverkehr und Staus ohne Ende für Pendler bedeutet. Beispiele wie die Leverkusener A1-Brücke gibt es zahlreiche.
Gutachten mit Anregungen für die Landesregierung
Das Gutachten der IHK soll zeigen, wie sich Brückenbauten und -sanierungen schneller bewerkstelligen lassen. Es enthalte einige "Anregungen" für die Landesregierung, sagte Steinmetz. Unter anderem diese:
- Einrichtung eines "Infrastruktursenats" für große Bauvorhaben beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster - ähnlich wie der schon bestehende Infrastruktursenat für Windkraftprojekte. Hier würden typische Auseinandersetzungen, die den Start großer Bauprojekte oft verzögern, schneller geklärt. Etwa über Denkmalschutz, Hochwasserschutz oder Radwege. Bei vergangenen Großprojekten dauerten Klageverfahren laut Gutachten im Schnitt 22 bis 30 Monate.
- Schnellere Planfeststellungsverfahren, um schneller mit dem Bau beginnen zu können. Dazu müssten laut Gutachten alle Beteiligten besser vernetzt werden. Ein Punkt, den Georg Berghausen von der IHK Düsseldorf betonte, macht deutlich, woran es offenbar oft krankt bei öffentlichen Bauprojekten: Es brauche für alle verlässliche Ansprechpartner - einschließlich geregelten Vetretungen im Urlaubs- und Krankheitsfall und einer "lösungsorientierten Behördenkultur". Bislang, so Berghausen, dauerten Planfeststellungsverfahren im Schnitt sechs bis acht Jahre. "Dabei wäre ein Jahr möglich."
- "Beschleunigungspotentiale" im geltenden Recht ausschöpfen: Ersatzneubauten bei wichtigen Infrastrukturen sollten grundsätzlich Priorität haben. Das Land tue immer so, "als ob jeder Brückenneubau der erste in NRW ist", kritisierte Berghausen. Man dürfe auch aus anderen Projekten lernen.
- Bauen im Schichtbetrieb. Oft fahre man im Sommer, wenn es Abends noch lange hell ist, durch verlassene Brückenbaustellen, so Berghausen. Diese Zeit könne man mit einer zusätzlichen Arbeitsschicht nutzen und so das Tempo bei der Bauzeit verdoppeln.
Die an dem Gutachten beteiligten Wirtschaftsverbände seien optimistisch, dass "die Akteure sehr dankbar für diese Anregungen sein werden", sagte Berghausen. Mit NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sei man "in Runden" im Kontakt.
Verkehrsministerium: Fast alles schon umgesetzt
Das NRW-Verkehrsministerium erklärte auf WDR-Nachfrage seinen "Dank" dafür, dass sich die IHK sich so "konstruktiv" in den Prozess einbringe. Allerdings, so heißt es sinngemäß in einer Stellungnahme weiter, seien viele der geforderten Punkte "auch bereits umgesetzt". Genehmigungsverfahren und Planungen könnten schon heute beschleunigt werden, "seit langem" würden alle Beteiligten "frühzeitig intensiv in den Prozess eingebunden", alle seien über alle Projektstände im Detail informiert.
Bei Brückenausschreibungen setze das Ministerium "vermehrt auf funktionale Ausschreibungen und innovative Schnellbauweisen". Planungs- und Bauleistungen würden "gebündelt, was die Projektlaufzeit deutlich verkürzt".
OVG muss über "Infrastruktursenat" entscheiden
Zur Idee eines "Infrastruktursenats" am OVG erklärte das Justizministerium am Donnerstag auf WDR Anfrage: Über die Einrichtung spezialisierter Senate am OVG entscheide das Präsidium des OVG. Vorgaben durch das Justizministerium gebe es dazu nicht. "Der Vorschlag der IHKen ist hier bislang nicht bekannt."
Nach Angaben des Ministeriums sollen innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 400 Brücken in Zuständigkeit des Landes erneuert werden. Seit Beginn der "Sanierungsoffensive" in NRW im November 2023 seien 25 Brückenersatzneubauten abgeschlossen worden, 35 derzeit in Realisierung und 29 weitere für 2025 geplant.
Hinweis: Ein User hat uns auf einen Fehler aufmerksam gemacht. In einer vorherigen Version haben wir geschrieben, dass 3.500 Lkw pro Jahr die Kardinal-Frings-Brücke über den Rhein bei Düsseldorf nutzen. Es sind aber 3.500 Lkw pro Tag. Wir haben das im Artikel entsprechend korrigiert.
Unsere Quellen:
- Pressekonferenz der Industrie- und Handelskammer NRW am 28.08.2025
- Stellungnahme des NRW-Verkehrsministeriums
- Stellungnahme des NRW-Justizministeriums