Ärztliche Versorgung: MVZ statt Hausarztpraxis?

Aktuelle Stunde 19.03.2026 24:08 Min. Verfügbar bis 19.03.2028 WDR Von Martina Koch

Debatte über Hausärztemangel: Erhöhte Temperatur im Landtag

Stand:

Mehr als ein Jahr vor der Landtagswahl schalten Regierung und Opposition auf Attacke. Beim Thema Hausärzte wurde es etwas fiebrig.

Bei der Erhebung des Befundes herrschte Einigkeit unter allen Parteien: Aktuell fehlen 200 Ärzte in Westfalen-Lippe. Damit ist die Region unter allen 17 kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland das Schlusslicht. Auf 100.000 Einwohner kommen dort 61 Hausärztinnen und Hausärzte.

Solche Werte rufen bekannte Symptome hervor: Terminstau, lange Wartezeiten, manch neu Zugezogener findet gar keine Praxis, die ihn versorgen will: Aufnahmestopp für neue Patienten. Unterversorgung heißt das Leiden.

Die SPD, die zu dem Thema eine Aktuelle Stunde im Landtag beantragt hatte, zeichnete für die Zukunft ein düsteres Bild: 40 Prozent der noch praktizierenden Mediziner sei über 60, sie gingen bald, mit vielen andere Babyboomern, in den Ruhestand. Der Nachwuchs reiche nicht - und das bei steigender Patientenzahl.

Denn die alternden Boomer sind die Patientenschwemme von morgen. "Die Situation ist dramatisch", diagnostizierte die SPD-Abgeordnete Lisa-Kristin Kapteinat. Das betreffe nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern deren ganze Familien, die gefordert seien, Termine für Oma oder Opa zu managen. Die Landesregierung, so der Vorwurf der Sozialdemokratin, sein planlos.

CDU: Mehr Studienplätz, Landarztquote, mehr Förderung

Das trieb den Blutdruck der CDU-Fraktion und ihres Gesundheitsministers erkennbar in die Höhe. Die Situation sei nicht das spezifische Versagen dieser Landesregierung, entgegnete der Abgeordnete Marco-Schmitz. Das Medizinstudium und die anschließende Facharztausbildung dauerten elf bis zwölf Jahre - was habe denn die bis 2017 amtierende rot-grüne Landesregierung getan?, fragte Schmitz.

Er verwies darauf, die schwarz-gelbe Koalition unter Ministerpräsident Armin Laschet habe immerhin die Gründung einer medizinischen Fakultät an der Universität Bielefeld ermöglicht - neben Münster nun die zweite in Westfalen. An der Privatuni Witten-Herdecke habe man die Zahl der Studienplätze verdoppelt.

Man habe seit 2019 die Landarztquote eingeführt und es seien viele Fördermittel des Landes in Neugründungen oder in die Übernahme von Praxen geflossen, die in unterversorgten Gebieten liegen. Das meiste Geld gehe dabei nach Westfalen-Lippe.

Landtag debattiert über Ärztemangel

WDR Studios NRW 19.03.2026 01:27 Min. Verfügbar bis 18.03.2028 WDR Online

Die FDP-Abgeordnete Susanne Schneider erinnerte daran, ihre Partei sei seinerzeit an den Beschlüssen für die Uni Bielefeld und die Landarztquote beteiligt gewesen. Auch die Beschlüsse, mehr Professuren für Allgemeinmedizin einzurichten, versuchte sie auf das Konto von Schwarz-Gelb. Zugleich monierte sie ausufernde Berichtspflichten für Hausarztpraxen.

Grüne: Mehr Delegation ärztlicher Leistungen

Die Grüne Meral Thoms forderte, die Delegation ärztlicher Leistungen an anderes Personal neu zu denken. Akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen könnten einen Teil der ärztlichen Aufgaben übernehmen, so Thoms. Sogenannte hausärztliche Versorgungsassistenten könnten anstelle der Ärzte Patienten zu Hause aufsuchen und unter digitaler ärztlicher Aufsicht behandeln. Das könne für spürbare Entlastung sorgen.

Thoms wies auch darauf hin, es sei auch an den Kommunen, dafür zu sorgen, das ärtzliches Personal eine gute Lebensqualität vorfindet, wozu gute Kitas, Schulen und ÖPNV gehörten.

AfD: Budgets und Numerus Clausus abschaffen

AfD-Fraktionschef Martin Vicenz, selbst Arzt von Beruf, kritisierte die Budgetierung durch die Krankenkassen. Am Ende eines Quartals müssten viele Leistungen quasi umsonst erbracht werden, weil der festgelegte Satz pro Patient längst aufgebraucht sei. Vincenz forderte außerdem, die Orientierung der Universitäten allein an der Abiturnote von Studienplatzbewerbern abzuschaffen. Es gebe viele geeignete junge Menschen, die Medizin studieren könnten.

Laumann: Lautstarke Leistungsschau

Am Ton der sehr emotionalen Rede von CDU-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ließ sich erahnen, dass in gut einem Jahr eine Landtagswahl ins Haus steht.

NRW Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bei Aktueller Stunde zum Hausärztemangel

NRW Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) im Landtag

Laumann zählte polternd all die Dinge auf, die er in den vergangenen neun Jahren auf den Weg gebracht hat: Für die Übernahme oder Neugründung von 1.060 Praxen habe das Land 29 Millionen Euro ausgegeben; an der Universität Bielefeld seien 500 Millionen Euro für den Aufbau der medizinischen Fakultät und Uniklinik investiert worden; über 1.100 junge Menschen hätten seit 2019 einen Vertrag mit dem Land NRW geschlossen, in dem sie sich verpflichten, nach ihren Medizinstudium mindestens zehn Jahre in einem unterversorgten Gebiet zu arbeiten (Landarztquote). Die ersten Mediziner aus diesem Programm könnten 2030 ihre Arbeit aufnehmen.

Diese Maßnahmen wirkten oft erst nach mehr als einem Jahrzehnt. "Da muss man mehr als zweimal die Landtagswahl gewinnen, um die Erfolge einzufahren", sagte Laumann. Und genau das habe er nächstes Jahr vor.

Unsere Quellen:

  • Debatte im NRW-Landtag

Sendung: WDR.de, Landtag debattiert über Ärztemangel, 19.03.2026, 14:00 Uhr

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