Kampf gegen Pädokriminelle im Netz | Westpol
Westpol. 07.06.2026. 06:57 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 07.06.2031. WDR.
"Cybergrooming" : Das LKA auf der Jagd nach Pädokriminellen im Netz
Stand:
Das Landeskriminalamt in NRW zieht Bilanz zu einer Spezialoperation gegen Cybergrooming: In vier von fünf festgestellten Fällen konnten mutmaßliche Täter ermittelt werden. Sie wollten sexuellen Kontakt mit Kindern über das Netz aufbauen.
Neun Ermittlerinnen und Ermittler sitzen zusammen an einem runden Tisch, jeder mindestens einen Laptop und ein Smartphone vor sich. Sie haben viele Chats offen. Es ist "Actionday Cybergrooming" im Landeskriminalamt NRW. Cybergrooming ist die Absicht, sexuellen Kontakt mit Kindern übers Netz herzustellen. Seit 2020 ist allein der Versuch in Deutschland strafbar. Etwa einmal im Monat treffen sich die Beamten, um Täter im Netz ausfindig zu machen.
Kriminaldirektorin Jessica Bouška bei der Scheinkind-Operation
In sogenannten Scheinkindoperationen nehmen sie Kontakt zu potenziellen Tätern auf: Sie legen mithilfe von künstlicher Intelligenz Fake-Profile von Kindern bis zu 13 Jahren an - auf Sozialen Medien, Chatportalen und in Videospielen. Dort laden sie künstlich generierte Beiträge oder Stories hoch. Manchmal braucht es die aber nicht einmal, um von einer Vielzahl an Erwachsenen angeschrieben zu werden.
Erstes Penisbild nach einer halben Stunde
Es dauert nur eine halbe Stunde, bis an diesem Actionday der erste Ermittler ein Dickpic - ein Foto eines Penis - zugeschickt bekommt. Zwei Stunden später erhält er sogar ein Video, auf dem offensichtlich zu sehen ist, wie ein Mann masturbiert. Der Ermittler hatte sich als Zwölfjährige ausgegeben und dies im Chat immer wieder betont. Dem Mann war das egal. "Die Profile unserer Ermittler erwecken zwar das Interesse der Täter, aber wir gehen nicht proaktiv auf die Täter zu und sind sehr zurückhaltend. Das ist wichtig, damit wir die Inhalte der Chats auch zur Anzeige bringen können", erklärt Kriminaldirektorin Jessica Bouška.
Ein Viertel der Kinder von Cybergrooming betroffen
Cybergrooming ist kein Randphänomen, im Gegenteil: Eins von vier Kindern in Deutschland zwischen acht und 17 Jahren hat schon Cybergrooming erlebt, wie eine Befragung der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW zeigt.
So auch der 13-jährige Bruno, dessen Namen wir zu seinem Schutz geändert haben. Über ein Mädchen aus seiner Parallelklasse wurde er von einem vermeintlich anderen Dreizehnjährigen per WhatsApp angeschrieben. Das Mädchen hatte den anderen zuvor über Social Media kennengelernt. Gleich die ersten Chats wurden schnell eindeutig, in etwa so:
Täter: "Hey, wie geht’s?"
Bruno: "Gut, dir?"
Täter: "Mein Schwanz ist hart, was mache ich jetzt?"
Täter masturbiert vor der Kamera
Der Täter habe immer wieder Kontakt zu ihm gesucht, erzählt Bruno, auch über Videocall. "Ich habe aber nie sein Gesicht gesehen." Irgendwann habe der Täter vor der Kamera masturbiert. Seinen Penis habe Bruno zwar nicht gesehen, aber eine eindeutige Armbewegung und Geräusche. "Ich hab so ein Wackeln in seiner Stimme gehört und manchmal hatte er auch auf Facetime aus Versehen die Kamera an und da hat man von der Seite so gesehen, was er da gemacht hat."
Der Kontakt läuft drei Wochen lang, bis eine Freundin der Mutter bei einem Abendessen eines der Telefonate mitbekommt, misstrauisch wird und Brunos Mutter informiert. Diese schaut sich die Chats an, erkennt schnell, dass der Täter ein Erwachsener sein muss und stellt Strafanzeige. Tatsächlich ist der Mann bereits zwanzig Jahre alt. Das Verfahren gegen ihn läuft nach Informationen der Familie noch.
Actiondays mit Scheinkindoperationen in NRW einzigartig
Die Scheinkindoperationen beim LKA zielen genau auf solche Täter ab. Die Beamten sichern Chats und das Bildmaterial. Ergibt sich eine strafbare Handlung, erstatten sie Strafanzeige und versuchen, die Täter zu ermitteln. Mit Erfolg, sagt Kriminaldirektorin Jessica Bouška: "Seitdem wir die Scheinkindoperationen vor drei Jahren gestartet haben, haben wir etwa 750 Anzeigen erstattet, in 80 Prozent der Fälle konnten wir die Täter ermitteln." Wie genau die Beamten die Täter ausfindig machen, verraten sie aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Und wie viele Täter verurteilt wurden, konnte das Justizministerium NRW auf Westpol-Anfrage nicht beantworten.
Die gezielten Actiondays zum Cybergrooming sind in Deutschland einzigartig. Innenminister Reul (CDU) stellt dafür Ressourcen zur Verfügung. Eine Westpol-Anfrage bei den anderen 15 Bundesländern ergibt, dass solche Scheinkindoperationen auch nicht bundesweit angestrebt werden. Die LKAs in Niedersachsen und Baden-Württemberg planen mittlerweile zwar ähnliche Operationen, viele andere Bundesländer ermitteln aber nur anlassbezogen. Länder wie etwa Schleswig-Holstein oder Sachsen erklären, der Aufwand sei bei knappen Geld- und Personalressourcen zu hoch, um wie in NRW ohne Anlass im Netz nach Tätern zu suchen. Das LKA Berlin sieht sogar verfassungsrechtliche Probleme.
Das Phänomen Cybergrooming sei aber so groß, dass die Arbeit des LKA NRW allein längst nicht ausreiche, sagt Jessica Bouška. "Alle, die hier sitzen, haben auch noch andere Aufgaben." Es sei eine Frage der Zeit und des Geldes, ob noch mehr Täter gefunden werden könnten.
Medienscouts helfen bei Prävention gegen Cybergrooming
Der Kampf gegen Cybergrooming sei auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, meint die Kriminaldirektorin. Eltern und Kinder müssten aufgeklärt werden. Das will das Projekt Medienscouts NRW der Landesanstalt für Medien erreichen. Schülerinnen und Schüler werden hier befähigt, ihren Mitschülerinnen Medienkompetenz beizubringen, auch im Bereich Cybergrooming.
Medienscouts der Gesamtschule Essen-Borbeck in der 5c bei einer Gruppenarbeit zum Thema "Cybergrooming"
An der Gesamtschule Essen-Borbeck läuft gerade ein Projekt, bei dem Oberstufenschüler Fünftklässlern erklären, wie sie sich verhalten können, wenn sie von Fremden angeschrieben werden. "Es ist super gut, dass wir auf Peer-Ebene mit den Schülern reden können, also von Schülerin zu Schüler", erklärt Sophie Trachte aus der zwölften Klasse, eine der Medienscouts. Die jüngeren Schüler hätten so weniger Angst davor, Strafen zu bekommen.
Beim Workshop zum Cybergrooming erzählen die Fünftklässler auch von ihren bisherigen Erfahrungen mit Cybergrooming. Teilweise wurden sie schon im Alter von acht, neun Jahren von Erwachsenen angeschrieben, einem Mächen der Klasse wurde ein Penisfoto geschickt. Häufig haben die Kinder das mit ihren Eltern besprochen. Es sei wichtig, dass sie mindestens eine Vertrauensperson hätten, egal ob Mitschüler, Elternteil oder Lehrkraft, erklärt Lehrerin Vera Servaty, die das Projekt an der Gesamtschule leitet. Sonst drohten die Kinder mit dem Erlebten und den Gefahren allein zu bleiben.
Tipps für Eltern, um ihre Kinder vor Cybergrooming zu schützen
- Mit ihren Kindern im Austausch darüber sein, wo und wie sie im Netz unterwegs sind.
- Kindern beibringen, misstrauisch gegenüber Fremden im Netz zu sein.
- Vertrauensverhältnis mit Kindern pflegen, sodass sie sich im Zweifel anvertrauen.
- Anzeige erstatten, sollten Kinder Opfer von Cybergrooming werden.
- Meldung bei der Landesanstalt für Medien unter www.medienanstalt-nrw.de/themen/cybergrooming erstellen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Jessica Bouška, Kriminaldirektorin beim LKA
- Beobachtungen von Reportern und Reporterinnen beim Action Day
- Interview mit Bruno und seiner Mutter
- Interviews mit Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule Essen Borbeck, sowie Lehrerin Vera Servaty
- Befragung der LfM "Kinder und Jugendliche als Opfer von Cybergrooming"
- Anfrage bei allen 16 Innenministerien der Länder
- Anfrage Justizministerium NRW
- Anfrage Bundeskriminalamt
Sendung: WDR.de, Das LKA auf der Jagd nach Pädokriminellen im Netz, 07.06.2026, 08:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, "Kampf gegen Pädokriminelle im Netz", 07.06.2026, 19:30 Uhr

