Brückenplanung ohne Ende | Westpol
Westpol. 07.06.2026. 22:28 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 07.06.2031. WDR.
In der Spedition Bonntrans steht das Telefon nicht still. Disponent Rachid El Khalfi kommt kaum hinterher: Kunden fragen, wo die bestellte Lieferung bleibt, wie lange die Lkw noch im Stau stehen. "Es ist eine Katastrophe. Und wir wissen nicht, wie lange sie dauern wird und wie wir damit umgehen sollen", sagt er. Seit Mittwoch, 03.06.26, 15 Uhr ist plötzlich alles anders. Seitdem ist die Bonner Nordbrücke komplett gesperrt.
Bonner Nordbrücke wird voll gesperrt
Schon vorher durften Lkw über 7,5 Tonnen nicht über das marode Bauwerk. Innerstädtische Umleitungen für Lastwagen waren die Folge. Aber seitdem auch alle Autos eine Umleitung durch die Stadt fahren müssen, geht gar nichts mehr. Innerstädtischer Stau oder kilometerlange Umleitungsstrecken über die Autobahnen. Gerade für Speditionen gilt: Jede Minute Verzögerung, jeder Kilometer Umweg kosten richtig Geld.
Unklar, wie lange die Vollsperrung dauert
Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer NRW
Wird die Bonner Nordbrücke die neue Talbrücke Rahmede? Auch sie musste ad hoc wegen Baufälligkeit gesperrt und neu gebaut werden. "Das ist symptomatisch für Deutschland", sagt der angesehene Ingenieur Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer NRW. In Deutschland werde zwei Drittel der Zeit eines Bauprojektes geplant, nur ein Drittel gebaut. Währenddessen verfalle die Infrastruktur. In Behörden herrsche Angst, Entscheidungen zu treffen. "Lieber alles zig Mal prüfen, Gegner und Befürworter von Bauprojekten immer wieder anhören. Verantwortung weiterschieben." Bökamp hat einmal ein tausendseitiges Regelwerk für Bauvorhaben in Deutschland auf 159 Seiten gekürzt. Die reichten aus.
Alte Pläne für zusätzliche Rheinüberquerung
Dass die Bonner Nordbrücke marode ist, ist seit vielen Jahren bekannt. Trotzdem stand die Brücke erst im Verkehrswegeplan für das Jahr 2030. Zudem liegen schon lange Pläne für ihre Entlastung auf dem Tisch: Eine weitere Rheinüberquerung zwischen Köln und Bonn, die sogenannte "Rheinspange" - acht Kilometer Autobahn zwischen der rechtsrheinischen A 59 und der linksrheinischen A 555. Die Idee stammt bereits aus den 80er Jahren; schon damals forderten insbesondere Wirtschaftsvertreter einen zügigeren Ausbau der Infrastruktur für den Güterverkehr.
Grafik der Rheinspange (Vorzugsvariante Tunnel), Quelle: Autobahn GmbH
Seit 2018 wurden diverse Trassenverläufe geprüft, Anwohner und Kommunen angehört, Umweltgutachten eingeholt und eine Vielzahl von Interessen abgewogen. Heute befindet sich das Projekt laut Autobahn GmbH auch nach Jahrzehnten noch in einem "ganz frühen Planungsstadium". Die inzwischen favorisierte Tunnellösung für die Rheinspange bei Wesseling komme vielleicht in den 2030er Jahren. "Wir brauchen in Deutschland immer mehrere Genehmigungsverfahren. Das kostet zu viel Zeit. Immer kann jemand ein Veto einlegen. Die Skandinavier sind da viel smarter und pragmatischer unterwegs", sagt Heinrich Bökamp.
Land und Bund versprechen Bürokratieabbau
Dass es schneller gehen muss, da sind sich die Verkehrsminister von Bund und Ländern einig. Ein knappes Jahr vor der Landtagswahl kommt die Sperrung und das damit verbundene Verkehrschaos für den grünen NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer zur Unzeit. Er betont im WDR-Interview, dass erste Schritte zum Abbau von Bürokratie bereits getan seien, man aber einen Sanierungsstau auflösen müsse. Mit neuen Express-Bauweisen und vereinfachten Ausschreibungen sollen Landesbrücken nun schneller erneuert oder ertüchtigt werden.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder verschafft sich ein Bild der Lage in Bonn
Der Bund will bis 2030 tausende Autobahnbrücken sanieren. Der Bundesrechnungshof stellt in einem Bericht jedoch ernüchternd fest: "Das ist nicht realistisch." Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) widerspricht im WDR-Interview. "Wir liegen voll im Zeitplan. Weil wir anfangs die großen Brücken sanieren, geht es langsamer. Hintenraus wird es schnell gehen." Hoffen könne man ja, sagt Disponent Rachid El Khalf in der Bonner Spedition.
Unsere Quellen:
- Autobahn GmbH
- Recherche WDR-Reporter vor Ort
- Interview Heinrich Bökamp
- Interview Oliver Krischer, Verkehrsminister NRW
- Interview Patrick Schnieder, Bundesverkehrsminister
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, "Brückenplanung ohne Ende", 07.06.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Das sagt Verkehrsminister Schnieder zu der Bonner Nordbrücke, 05.06.2026, 16 Uhr