Behinderten-Einrichtungen in Geldnot

Westpol 15.02.2026 05:32 Min. UT DGS Verfügbar bis 15.02.2031 WDR

Behindertenhilfe in Geldnot: Noch immer keine Einigung mit dem LVR

Stand:

Einrichtungen der Behindertenhilfe ringen mit dem LVR um die Bezahlung - seit gut zwei Jahren. Die Folgen könnten gravierend sein.

Dienstagmittag ist Spielezeit im Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Rees am Niederrhein. "'Tiere und ihre Kinder' haben wir hier auch noch", schlägt Betreuer Hendrik Galesloot zwei der Bewohnern als Gesellschaftsspiel vor.

Mit solchen Spielen und anderen Aktivitäten bringen die Betreuerinnen und Betreuer Struktur in den Alltag der acht Bewohner der Gruppe. Sie helfen beim Aufstehen, Essen und bei der Alltagsgestaltung. Das Ziel: ein möglichst familiäres Umfeld.

Streit mit dem LVR seit Tarifabschluss

Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es Fachkräfte. Und die wollen fair bezahlt werden. Deswegen ist Galesloots Arbeitgeber, die Lebenshilfe Unterer Niederrhein, Mitte 2024 dem Tarifvertrag beigetreten. Seitdem gibt es Streit mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) über die Kostenerstattung. Eigentlich müsste der Kommunalverband die höheren Löhne refinanzieren.

Formal erkennt der LVR den Tarifvertrag zwar an, gleichzeitig prüft er aber, wie viel Betreuung die Menschen mit Behinderung im Wohnheim in Rees und anderen Einrichtungen benötigen – und damit, wie viel Personal tatsächlich finanziert wird.

Keine Einigung mit LVR: Einrichtungen der Behindertenhilfe in Not

WDR 5 Westblick - aktuell 13.02.2026 02:56 Min. Verfügbar bis 13.02.2027 WDR 5

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Genau darüber werden sich die Lebenshilfe und die zuständige LVR-Stelle seit gut zwei Jahren nicht einig. Und das, obwohl eine andere Abteilung im LVR den Personalbedarf ähnlich einschätzt wie die Lebenshilfe.

Lebenshilfe sieht Betreuung in Gefahr

Der LVR kommuniziere intern schlecht, kritisiert darum Gert George, Geschäftsführer der Lebenshilfe Unterer Niederrhein. Er sagt, nähme er das bisherige Angebot des LVR an, würde ihm ein siebenstelliger Betrag fehlen, um sein Personal nach Tarif zu bezahlen. Aktuell bekommen seine Mitarbeitenden deshalb noch keinen Tariflohn.

Behinderten-Einrichtung in Not - Gert George, Geschäftsführer der Lebenshilfe Unterer Niederrhein

Gert George, Geschäftsführer der Lebenshilfe Unterer Niederrhein

Für Gert George ist der Konflikt mit dem LVR unverständlich: "Das ist kein Nine-to-Five-Job, und die Kolleginnen und Kollegen haben eine intrinsische Motivation, sich um Menschen mit Behinderung zu kümmern. Sie werden letztendlich abgestraft, damit sie nicht das Gehalt bekommen, das ihnen zusteht." Bleibt eine Einigung aus, sieht er Teile der Betreuung in Gefahr.

LVR muss "wegen Haushaltskrise" genauer hinschauen

LVR-Sozialdezernent Dirk Rist betont hingegen, die Einrichtungen seien bereits gut finanziert. Zugleich sei der LVR wegen der Haushaltskrise gezwungen, genauer hinzuschauen als früher.

Man liege in Nordrhein-Westfalen und insbesondere im Rheinland bei den sogenannten besonderen Wohnformen bei den Fallkosten bundesweit an der Spitze. Daher müsse der Verband auch dem Grundsatz von Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit gerecht werden – das präge die Verhandlungen.

Paritätischer warnt: 700 Beschäftigte betroffen

Neben der Lebenshilfe Unterer Niederrhein sind aktuell 16 weitere Einrichtungen mit über 700 Mitarbeitenden unter dem Dach des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes betroffen. Teilweise zahlen sie schon jetzt Tariflohn – und stehen dadurch unter erheblichem finanziellem Druck.

Behinderten-Einrichtung in Not - Christian Woltering, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW

Christian Woltering, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW

Christian Woltering, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW, wirft dem LVR vor, in den Verhandlungen auf Zeit zu spielen. Ganze Wohnheime seien mittelfristig bedroht, Personal drohe abzuwandern: "Jeder Tag, an dem es keine neue Vereinbarung gibt, ist für einen Kostenträger im Zweifelsfall ein guter Tag, für eine Einrichtung aber ein katastrophal schlechter Tag."

Auch andere Sozialverbände kritisieren LVR

Das WDR-Magazin Westpol hat Einblick in interne Verhandlungsprotokolle erhalten. Darin beklagen Einrichtungen, der LVR kalkuliere mit weniger Personal als bislang. Teilweise ziehe er bereits gemachte Angebote wieder zurück, um den Druck zu erhöhen.

Oder der Verband wolle nur die Stellen finanzieren, die vor 25 Jahren genehmigt wurden – ohne zu berücksichtigen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner altern und entsprechend mehr und höher qualifizierte Unterstützung benötigen.

Auch andere Sozialverbände berichten von schwierigen Verhandlungen mit dem LVR. Auch hier die Kritik: Die verschiedenen Abteilungen würden nicht gut miteinander kommunizieren. Die Fachabteilung, die für die Leistungen in den Einrichtungen zuständig ist, erkenne den Personalbedarf an – während die Entgeltabteilung diesen anschließend wieder in Frage stelle.

Behinderten-Einrichtung in Not- Dirk Rist, LVR

Dirk Rist, LVR

Dass dieser Eindruck entstanden ist, sei fatal, sagt Dirk Rist vom LVR: "Dem möchte ich auch entgegentreten. Es ist unsere Aufgabe, mit einer einheitlichen Verhandlungsposition mit den einzelnen Leistungserbringern zu verhandeln."

Gesundheitsministerium trifft sich mit LVR und Paritätischem

Nach Westpol-Informationen hat sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) inzwischen eingeschaltet. Seit Jahren kämpft er für tarifliche Entlohnung, mischt sich aber nicht in einzelne Verhandlungen ein.

Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW

Karl-Josef Laumann, NRW-Arbeitsminister

Der LVR wünscht sich, dass das Land sich direkt an den Kosten der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung beteiligt. Das Gesundheitsministerium sieht jedoch keinen Grund, die aktuelle Regelung zu ändern. Die Aufgabe, Menschen mit Behinderung bei der Teilhabe an der Gesellschaft zu unterstützen, sei in den Kommunen richtig aufgehoben.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Christian Woltering, Paritätischer Wohlfahrtsverbund NRW Christian Woltering
  • Interview mit Gert George, Geschäftsführer Unterer Niederrhein
  • Interview mit Hendrik Galesloot, Mitarbeiter im Wohnheim in Rees
  • Interview mit Dirk Rist, LVR-Sozialdezernent 
  • Interne Verhandlungsunterlagen

Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 15.02.2026, 19:30 Uhr

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