Davidstern auf der Kölner Synagoge

Davidstern auf der Kölner Synagoge

Höchststand an Vorfällen Antisemitismus wird bedrohlicher und brutaler

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Der Jahresbericht der Informationsstelle Antisemitismus NRW ist besorgniserregend: Es gibt wieder einen Anstieg der Vorfälle.

Im September 2025 versuchte ein mutmaßlicher Islamist in Essen möglichst viele Jüdinnen und Juden sowie sogenannte Ungläubige zu ermorden. Er attackierte den Hausmeister einer Grundschule und stach mehrfach auf eine Lehrerin an einem Berufskolleg ein. Danach, so schildert es der Jahresbericht, suchte er zweimal die Alte Synagoge in Essen auf, um dort Jüdinnen und Juden zu töten. Da er niemanden antraf, griff er einen zufällig ausgewählten Passanten an. Alle Opfer überlebten, erlitten aber teils schwere Verletzungen.

Verena Schäffer (Grüne), Integrationsministerin in Nordrhein-Westfalen, stellt im Landtag den Bericht der Landesregierung zu antisemitischen Vorfällen im Jahr 2025 der Presse vor.

Verena Schäffer

Die antisemitischen Vorfälle in NRW haben erneut einen Höchststand errreicht. Die Vorfälle sind im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent von 940 im Jahr 2024 auf 1.102 Fälle 2025 gestiegen. Dies geht aus dem vierten Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) hervor. Vorgestellt wurden die Zahlen für 2025 am Mittwoch von NRW-Familienministerin Verena Schäffer (Grüne), RIAS-NRW-Leiter Jörg Rensmann und dem Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, Oren Osterer. Dabei handelt es sich nur um die dokumentierten Fälle. Aufgrund eines "Underreportings" sei weiterhin von einem Dunkelfeld auszugehen, heißt es im Bericht.

Anstieg seit Jahren

Der Antisemitismus hat sich zunehmend in der Gesellschaft verfestigt und tritt immer offener und ungehemmter auf, hieß es bei der Vorstellung. Die Meldestelle RIAS NRW kann seit Beginn ihrer Arbeit im Jahr 2022 einen kontinuierlichen Anstieg verzeichnen. 2023 wurden 664 Vorfälle dokumentiert, 2024 waren es 940 und 2025 stieg die Zahl auf 1.102. In mehr als der Hälfte aller festgestellten Fälle habe es sich 2025 um israelbezogenen Antisemitismus gehandelt.

Antisemitische Vorfälle in NRW erneut auf Höchststand

WDR Studios NRW 03.06.2026 00:42 Min. Verfügbar bis 02.06.2028 WDR Online

Besonders alarmierend wirkt die Schwere der dokumentierten Vorfälle. Die Zahl der Bedrohungen sei um 50 Prozent auf 33 Fälle gestiegen, die Zahl versuchter und tatsächlicher Angriffe auf Personen und das Werfen von Gegenständen stieg sogar um 78 Prozent auf 32 Fälle an.

Tatorte der antisemitischen Vorfälle sind laut Jahresbericht vor allem "im öffentlichen Raum und alltagsprägenden Bereichen". Das sind die Zahlen für die Vorfälle der einzelnen Orte

  • auf der Straße: 465
  • in Bildungseinrichtungen: 140
  • im Internet: 132
  • an Gedenkorten: 81
  • in öffentlichen Verkehrsmitteln: 81
  • in öffentlichen Grünanlagen: 26
  • auf Privatgelände: 18
  • in Kultur- und Kunsteinrichtungen: 17
  • am Arbeitsplatz: 14
  • in öffentlichen Gebäuden: 13
  • in der Gastronomie: 12
  • im Gewerbe: 11
  • auf Friedhöfen: 8
  • im Stadion: 5

Beispiel Winterberg: "Juden töten"

RIAS-Leiter Jörg Rensmann schilderte ein Beispiel aus Winterberg (Hochsauerlandkreis): Im Dezember 2025 wurden an einem Wohnhaus die Schriftzüge "Ich töte dich", "Du Jude sterbe", "Juden töten", "Zecken töten", "Jude verrecke", ein Davidstern, drei Hakenkreuze und "SA" angebracht. Laut Aussage der Staatsanwaltschaft sei die Schmiererei direkt an einen nicht jüdischen Betroffenen adressiert gewesen. Es wird wegen Volksverhetzung und Bedrohung ermittelt. An anderen Stellen (Plakate, Schaukästen, Kirchenfenster) wurden zeitgleich Hakenkreuze und rechtsextreme Kürzel wie "SH" (Sieg Heil) oder "C18" (für Combat 18, eine verbotene rechtsextreme, militante Vereinigung) festgestellt.

Ministerin Schäffer "zutiefst beschämt"

Verena Schäffer, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration, berichtete von jüdischen Gemeinden, die Post an ihre Mitglieder ohne Absender verschicken, damit diese nicht als Jüdinnen und Juden für Nachbarn identifizierbar seien. Sie sprach von einem "alarmierend hohen Niveau an Vorfällen". Der Antisemitismus sei "bis weit in die Mitte verbreitet". Auch im Namen der gesamten Landesregierung sagte sie:

Die hohe Zahl an Vorfällen beschämt mich zutiefst. Verena Schäffer, NRW-Familienministerin

Alle seien nun gefragt, "antisemitischen Einstellungen und Parolen immer entschieden zu widersprechen", sagte Schäffer. Und der Leiter der Meldestelle RIAS, Jörg Rensmann, ergänzte, dass antisemitische Einstellungen "längst nicht auf einzelne politische Milieus begrenzt sind".

Antisemitismus verbindet unterschiedliche politisch-weltanschauliche Milieus und wird zunehmend gesellschaftlich normalisiert. Jörg Rensmann, Leiter von RIAS NRW

Sorge um Entwicklung an Schulen

Der Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, Oren Osterer berichtete, dass die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle für seine Gemeinde "deutlich spürbar" ist. Das zeigten unter anderem die antisemitischen Schmierereien rund um die Kölner Synagoge. Besonders besorgt sei er über die Entwicklung an Schulen. Denn von dort würden vermehrt Übergriffe und verbale Attacken berichtet. Am 07. Oktober 2023 gab es den Terroranschlag der Hamas in Israel. Nach dem darauf folgenden Gaza-Krieg würden Jüdinnen und Juden ihre Religion nicht mehr öffentlich erkennbar machen, die Synagoge werde zudem seltener besucht.

Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch Personen, die sich solidarisch zeigen. Damit bedroht Antisemitismus uns alle. Oren Osterer, Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde

FDP warnt vor "Gefahr für die Demokratie"

Marcel Hafke, innenpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion NRW, sagte die Zahlen aus dem RIAS-Bericht "sind ein deutliches Warnsignal". Hetze auf Demonstrationen, in sozialen Netzwerken oder an Hochschulen betreffe dabei nicht nur jüdisches Leben, "sondern unser gesellschaftliches Miteinander und die freiheitliche Demokratie insgesamt". Es dürfe nicht sein, dass Menschen das Gefühl hätten, ihre Religionszugehörigkeit nicht frei auf der Straße zeigen zu können. "Wer jüdisches Leben schützt, schützt die Freiheit aller. Antisemitismus darf in Nordrhein-Westfalen niemals als Meinung verharmlost werden. Er ist und bleibt eine Gefahr für unsere Demokratie."

Sylvia Löhrmann ist "erschüttert"

Die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, Sylvia Löhrmann, sagte dem WDR, die aktuellen Zahlen von RIAS NRW "sind erschütternd und können keine Bürgerin und keinen Bürger Nordrhein-Westfalens – mich eingeschlossen – gleichgültig lassen". Der Zusammenhalt, das friedliche Miteinander und die Demokratie würden durch Judenhass "nachhaltig und massiv angegriffen".

Der Bericht ist für Löhrmann ein "unmissverständliches Signal an Politik und Gesellschaft, dass wir im gemeinsamen Einsatz für die Bekämpfung von Antisemitismus, für jüdisches Leben und für Erinnerungskultur nicht nachlassen dürfen". Sylvia Löhrmann regte an, "die bestehenden Angebote und Formate kritisch zu hinterfragen". Geprüft werden müsse, ob zum Beispiel mit Blick auf den Nahostkonflikt "im Bereich Bildung und Prävention mehr und/oder Angebote entwickelt werden müssen".

SABRA fordert mehr Präventionsarbeit

Sebastian Salzmann von der "Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus", kurz SABRA, sagte dem WDR: "Die Entwicklung ist aus unserer Sicht äußerst besorgniserregend, überrascht uns aber leider nicht. Die steigenden Fallzahlen decken sich mit den Erfahrungen aus unserer Beratungsarbeit." Betroffene berichteten von zunehmenden Anfeindungen im Alltag und einer "Enthemmung antisemitischer Sprache und Verhaltensweisen". Die Präventionsarbeit müsse darum weiter ausgebaut werden und brauche eine auskömmliche Finanzierung

Hintergrund RIAS NRW

RIAS NRW wird seit 2022 durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration gefördert. Laut Ministerium ist die Aufgabe von RIAS NRW, antisemitische Vorfälle zu dokumentieren und zu analysieren. Zudem biete RIAS Betroffenen eine erste Anlaufstelle. Es gehe auch darum, das Dunkelfeld zu erhellen, Antisemitismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen sichtbar und auch für die nicht-jüdische Öffentlichkeit nachvollziehbar zu machen. In elf weiteren Bundesländern gibt es ähnliche Meldestellen.

Unsere Quellen:

  • Jahresbericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus NRW
  • Pressekonferenz in Düsseldorf
  • Sebastian Salzmann und Sylvia Löhrmann auf WDR-Anfrage

Sendung: WDR.de, Antisemitische Vorfälle in NRW erneut auf Höchststand, 03.06.2026, 12 Uhr

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