Ministerpräsident Wüst trifft auf Straßenfotograf Fabiano

Meinung Über den Hai gesprungen

Stand:

Ministerpräsident Wüst sorgte kürzlich mit einem Social Media Clip für Aufsehen. Und ist so "über den Hai gesprungen", meint unsere Autorin.

"Jumping the shark" ist ein von US-Medien geprägter Begriff, der den Zeitpunkt beschreibt, an dem eine Fernsehserie ihren Höhepunkt überschritten hat und das Publikum das Interesse verliert. Zurück geht "jumping the shark" auf eine Szene, in der die Hauptfigur mit Wasserskiern über einen Hai springt, was viele als lächerlich empfanden. Irgendwie hat mich Ministerpräsident Wüst kürzlich daran erinnert.

NRW-Ministerpräsident Wüst hat diese Woche Kritik einstecken müssen, weil er für die Social Media-Kanäle eines "Straßenfotografen" posierte. Bei Tiktok (über eine Million Views) und Instagram (120.000 Likes) sind die Videos erfolgreich. Auf den ersten Blick wirkt die Begegnung zufällig. Der Fotograf spricht Hendrik Wüst an, zunächst wollen ihn die Sicherheitsleute abwimmeln, aber dann scheint Wüst den Fotografen zu erkennen: "Du bist doch Fabiano!", sagt er und willigt spontan in ein Fotoshooting ein. Der Austausch wirkt sympathisch, bürgernah und zugewandt. In Wahrheit war das Zusammentreffen aber abgesprochen, bestätigen Staatskanzlei und der Content-Creator. Geld sei dafür nicht geflossen.

Ein gefundenes Fressen für diejenigen, die Hendrik Wüst als "Instagram-Ministerpräsident" verspotten. Der implizierte Vorwurf: Wüst stehe nicht für politische Inhalte, sondern für schöne Bilder. Als vermeintlicher Beleg für die These werden oft die Kosten für externe Fotografen und Kameraleute angeführt.

Weder ästhetisch ansprechende Instagram-Postings, noch Aufwendungen für das Aussehen eines Politikers sind an sich ein Problem, denn Klappern gehört zum Handwerk. Der Düsseldorfer Soziologe Ulrich Rosar hat die Rolle des Aussehens für Wahlentscheidungen untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass es "einen signifikanten und sehr substantiellen Zusammenhang" zwischen der Attraktivität und dem Wahlerfolg eines Kandidaten gibt.

Früher war anders

Auch der Verweis auf frühere Zeiten, in denen Ministerpräsidenten nicht so viel in ihre Außendarstellung investierten, greift nicht. Denn weder sind Johannes Rau und Hendrik Wüst als Typ Mann vergleichbar, noch die Zeiten, in denen sie agieren. Wüst steht dank allgegenwärtiger Smartphone-Kameras unter ständiger Beobachtung, dazu kommt ein dauernder Postingdruck, um zwischen schwer nachvollziehbaren Algorithmen mit vermeintlich langweiligen, politischen Inhalten überhaupt vorzukommen. Sowas kannten seine Vorgängerinnen und Vorgänger nicht. Dass im Eifer des Gefechts auch mal allzu schöne Bilder mit fraglicher Substanz entstehen - geschenkt!

Doch das verabredete Aufeinandertreffen mit dem Straßenfotografen war zu viel, es war schlichtweg Bauerntheater! Die zur Schau gestellte Freundlichkeit von Wüst und seiner Entourage wirkt auf einmal unangenehm ... eben "über den Hai gesprungen". Man spürt förmlich die fehlende Authentizität und Aufrichtigkeit. Damit verspielt Wüst Glaubwürdigkeit und das ist umso fataler in Zeiten, in denen das Postfaktische Hochkonjunktur hat.

Dass Ministerpräsident Wüst zeitgleich und plötzlich in der langgeführten Debatte über ein Social Media-Verbot für Kinder seine Meinung ändert und es befürwortet, ist schon fast ironisch. Sobald so ein Verbot national und international zunehmend konsensfähig wirkt, schwenkt er um und übernimmt diese Position. Manche Kritiker würden hinzufügen: "um gut dazustehen".

Social Media Verbot für Wüst?

Statt Kindern Social Media verbieten zu wollen, sollte man vielleicht dem Ministerpräsidenten den Instagram-Zugang sperren. Zumindest zeitweise. Eine Woche Posting-Verbot scheint für den eindeutig volljährigen Hendrik Wüst angemessen. Es wäre auch eine Woche Zeit, um über den Wert von Glaubwürdigkeit in der Politik nachzudenken.

Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren.