Zustimmung für Merz. Aber auch Kritik: Warum räumt er die nicht ab?
Aktuelle Stunde . 22.10.2025. 40:51 Min.. UT. Verfügbar bis 22.10.2027. WDR. Von Andrea Moos.
Merz und das "Stadtbild": Eine kluge Kommunikationsstrategie?
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Die Stadtbild-Äußerung von Kanzler Merz spaltet die Meinungen. Erst Tage später, am Mittwochabend, wurde Merz konkreter, was er damit meint. Welche Strategie verfolgt er mit Äußerungen wie diesen? Und wie erfolgreich ist sie? Einschätzungen zweier Kommunikationsberater.
Ein kleines Wort mit großer Wirkung. Von einem Problem im "Stadtbild" sprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), als er vergangene Woche über Migration und Abschiebungen redete. Seitdem diskutiert die Republik über Stadtbilder, Migranten, Kriminalität, den Stil des Kanzlers, Rassismus und die AfD.
Erst am Mittwochabend wurde Merz konkreter
Was Merz mit dem Problem im Stadtbild meint, ließ er mehr als eine Woche lang offen. Erst am Mittwochabend wurde er konkreter. Bei einem EU-Gipfel zum Westbalkan in London sagte der Kanzler: Menschen mit Migrationshintergrund seien "unverzichtbarer Bestandteil unseres Arbeitsmarktes". Probleme würden aber diejenigen Migranten machen, "die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, die nicht arbeiten, die sich auch nicht an unsere Regeln halten."
"Viele von diesen bestimmen auch das öffentliche Bild in unseren Städten", so Merz. Deshalb hätten zahlreiche Menschen "einfach Angst sich im öffentlichen Raum zu bewegen".
Am Montag noch verweigerte sich Merz einer Konkretisierung seiner Stadtbild-Aussage. Da sagte er auf Nachfrage eines Journalisten: "Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte. Ich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort."
Damit ließ Merz weiter Raum für Spekulation: Wer war gemeint, als er von einem Problem im Stadtbild sprach? Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis? Oder etwa allgemein Migranten? Das brachte ihm den Vorwurf ein, Ressentiments zu schüren.
Politikberater: Bewusste Strategie von Merz
War die zunächst sehr unklare Aussage von einem Problem im Stadtbild nur ein Ausrutscher von Merz? Nein, sagt Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje im Gespräch mit dem WDR. Dagegen spreche nicht nur, dass Merz am Montag erklärte, seine Aussage nicht zurücknehmen zu wollen. Dafür spreche auch, dass es schon mehrmals Diskussionen über umstrittene Äußerungen von ihm zur Migration gegeben habe, aus denen er nicht die Lehre gezogen habe, sich vorsichtiger zu äußern.
Eine Reihe umstrittener Äußerungen von Merz zur Migration:
- 2022: Es gäbe einen "Sozialtourismus" von Geflüchteten aus der Ukraine.
- 2023: Söhne von arabischstämmigen Migranten seien "kleine Paschas".
- 2023: Abgelehnte Asylbewerber würden sich in Deutschland "die Zähne neu machen" lassen. Deshalb bekämen Deutsche keine Behandlungstermine.
- 2025: Die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland sei zwar zurückgegangen. "Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem."
"Aus den Debatten über diese Äußerungen hätte Merz die Konsequenz ziehen müssen: Ich hau so was nicht mehr raus", sagt Hillje. Aber offenbar tue er genau das Gegenteil. "Den Satz mit dem Stadtbild hat er sich vielleicht nicht zurechtgelegt, aber sich gedacht: Das kann man schon machen."
Johannes Hillje, Politikberater
Damit scheint er laut Hillje ein bestimmtes konservatives Milieu ansprechen zu wollen und nimmt durch diese Zuspitzung in Kauf, dass er auf großen Widerstand stößt. Mit solchen Äußerungen trete er noch wie ein Oppositionspolitiker auf, aber nicht wie ein Bundeskanzler:
"Das ist kanzlerunwürdig." Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater
Ein Kanzler habe nicht die Aufgabe, nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung zu bedienen, sondern die gesamte Bevölkerung, sagt Hillje. "Er sollte Brücken bauen statt zu spalten, differenzieren statt zu pauschalisieren."
Hillje: Merz will Image als Konservativer stärken
Merz wolle mit solchen Aussagen offenbar sein Image stärken, sagt Hillje. Also jenes, dass er ein Gegenentwurf zur früheren Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sei, die für die politische Mitte gestanden habe, während Merz das Konservative verkörpere.
Hendrik Wieduwilt, Kommunikationberater
Laut Kommunikationsberater Hendrik Wieduwilt will Merz mit Aussagen wie der zum Stadtbild als "Klartextkanzler" rüberkommen: "Merz verfolgt damit die Strategie, dass er sagt, was Sache ist", sagt Wieduwilt dem WDR. "Das ist so eine Art Klartext-Strategie."
Grundsätzlich könne eine solche Kommunikationsstrategie funktionieren, sagt Wieduwilt. "Aber dann muss man es bitte auch benennen, damit die Leute wissen, was Sache ist." Das sei im Falle des "Stadtbilds" ganz und gar nicht der Fall. Merz' Strategie sei einfach diese:
"Ich rede jetzt Klartext und werde als Klartext-Kanzler bekannt und kann damit der AfD vielleicht das Wasser abgreifen." Hendrik Wieduwilt, Kommunikationsberater
Erfolgreiche Strategie gegen die AfD?
"Die Frage ist doch: Kann man die Leute, die auf Ressentiments aufspringen, von der AfD weglocken, sofern sie dort sind?", fragt Wieduwilt und zeigt Bedenken: "Da ist die Politikwissenschaft sich relativ sicher: Wenn man einfach nur die Ressentiments zum Schwingen bringt, dann sehen die Leute das Original und nicht die Kopie. Weil sie sagen: Naja, der Merz, der hat das schon viel versprochen, aber da ist ja bislang nicht genug passiert."
Auch Merz' Parteifreund, der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, kritisierte mit Blick auf die AfD den Kanzler für seine Stadtbild-Äußerung: Sie sei "zu nebulös". Die Unklarheit dessen, was Merz damit gemeint habe, könnte die AfD für sich nutzen. Bei der nächsten Bundestagswahl werde die Partei natürlich fragen, ob das "Stadtbild" besser geworden sei, sagte Laschet.
Es zeige sich schon jetzt, dass diese Strategie zur Bekämpfung der AfD nicht funktioniere, so Politikberater Hillje. Merz' "politische Abgrenzung zur AfD bei gleichzeitiger rhetorischer Annäherung" habe ihm auch schon früher nichts gebracht: Die AfD habe bei der jüngsten Bundestagswahl ihr bestes Ergebnis erzielt, während die CDU trotz Sieges weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sei.
"Eine Strategie muss glaubwürdig sein", nur dann könne sie gelingen, sagt Hillje. Mit seiner jetzigen Strategie gegen die AfD sei Merz nicht glaubwürdig.
Über dieses Thema berichteten wir am 21.10.2025 auch im Hörfunk: WDR 5 Morgenecho.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje
- WDR-Interview mit Kommunikationsexperte Hendrik Wieduwilt
- Nachrichtenagentur dpa
