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Komponistin Helen Grime im Porträt

Werkeinführung: Helen Grime - Near Midnight

Von Otto Hagedorn

Helen Grime ist eine der erfolgreichsten britischen Komponistinnen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem British Composer Award. Seit 2017 ist sie Professorin für Komposition an der Royal Academy of Music in London. Grimes Musik ist häufig von anderen Kunstformen inspiriert: von der Malerei, der Bildhauerei oder von der Literatur. So auch ihr Orchesterwerk "Near Midnight", über das sie selbst schreibt:

"Near Midnight" habe ich geschrieben, als ich Associate Composer des Hallé Orchestra war. Es gibt Momente großer Virtuosität für einzelne Orchestergruppen, andererseits besonders lyrische Passagen. Wie der Titel schon andeutet, hat das Stück einen introspektiven, nächtlichen Charakter. Als ich erste Ideen dafür skizziert habe, stieß ich auf ein Gedicht von D. H. Lawrence mit dem Titel "Week-night Service". Die melancholischen Untertöne darin, Bilder von läutenden Glocken, dem hoch am Himmel stehenden Mond und der Unbestimmtheit der Nacht trafen sofort meinen Nerv. Im gesamten Stück wirken fanfarenartige Blechbläserpassagen fast wie das Läuten von Glocken, manchmal fern, oft eindringlich und klangvoll.

Das durchkomponierte Stück lässt sich in vier Hauptabschnitte unterteilen. Deren erster ist voller wogender, ansteigender Tonleitern im gesamten Orchester. Der zweite Abschnitt wird durch ein schnelles, rhythmisches Duett für zwei Trompeten eingeleitet, unterbrochen von stechenden Akkorden im Orchester. Eine weit ausgreifende Melodie der Violinen bestimmt den dritten Abschnitt; sie bildet den wesentlichen melodischen Kern des Werks. Helle Läufe in den Holzbläsern, der Celesta und der Harfe rücken allmählich in den Mittelpunkt. Die glockenartigen Fanfaren melden sich erneut zu Wort, bevor Fragmente der unruhigen, wogenden Tonleitern des Anfangs zur Hauptklimax des Werks führen. Der letzte Abschnitt ist deutlich ruhiger und nachdenklicher, mit Soli für Oboe, gedämpfte Trompete, Klarinette und Fagott.