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Kurz und Klassik: Edward Elgar - The Dream of Gerontius

WDR Sinfonieorchester Video 05.05.2025 07:00 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR 3

Werkeinführung: Edward Elgar - The Dream of Gerontius op. 38

Von Otto Hagedorn

Portrait von Edward Elgar

Portrait von Edward Elgar

Ein Jahreswechsel ist stets mit besonderen Erwartungen verknüpft – erst recht bei Übergängen zwischen Jahrhunderten. Was sich um 1900 im Spannungsfeld von Fin de Siècle und Moderne geistesgeschichtlich vollzog, ist vielfach beleuchtet worden. Was im Allgemeinen konstatiert wird, gilt im Spezifischen für den Komponisten des heutigen Konzerts, für Edward Elgar. Bis in die 1890er Jahre hatte sich der Engländer mit durchaus honorablen Verdiensten um die Chorliteratur in seinem Heimatland einen immerhin überregionalen Ruf erarbeitet. Es waren dann tatsächlich die beiden Jahre um den Jahrhundertwechsel, die ihn in die internationale Spitze zeitgenössischer Komponist:innen katapultierten: Im Jahr 1899 brachte Elgar mit den "Enigma-Variationen" ein erstklassiges Orchesterwerk sowie mit den "Sea Pictures" einen hoch ambitionierten Zyklus von Orchesterliedern zur Uraufführung – und 1900 erklang erstmals sein chorsinfonisches Werk "The Dream of Gerontius".

Zwei Jahre zuvor war die Leitung des Birmingham Music Festivals an Elgar herangetreten – mit dem Auftrag für ein großes Oratorium. Der Komponist nahm dankend an und folgte der Idee des Festivalleiters, die geistliche Dichtung "The Dream of Gerontius" zu vertonen. Der Autor John Henry Newman hatte sie 1865 veröffentlicht, und Elgar besaß davon bereits seit 1885 ein gedrucktes Exemplar. Newman war von der anglikanischen zur katholischen Kirche konvertiert und bis zum Kardinal aufgestiegen. Sehr viel später, 2019, wurde er heiliggesprochen. Elgar war selbst Katholik und empfand sich dadurch im anglikanischen England als Außenseiter. Den Text von Newman wählte er daher mit einer Mischung aus Stolz und Trotz. Dass seine Komposition schließlich zum beliebtesten spätromantischen Oratorium Englands werden sollte, hat ihn mit Genugtuung erfüllt.

Für seine Vertonung hat Elgar Newmans Text um etwa die Hälfte auf 435 Zeilen gekürzt, und doch schuf er damit ein wortgewaltiges Werk. Das hängt auch damit zusammen, dass sich der Komponist formal nicht an den großen Oratorien etwa von Georg Friedrich Händel oder Felix Mendelssohn Bartholdy orientierte – mit ihren einzelnen Nummern wie Arien und Chören, in denen der Text üblicherweise mehrfach wiederholt wird. Stattdessen orientierte sich Elgar an den durchkomponierten Musikdramen von Richard Wagner. So sind beide Teile seines "Gerontius" von einem permanenten Musikfluss geprägt, der die dramatische Handlung kontinuierlich erzählt und dabei klanglich ausgestaltet. Worum geht es? Newmans Text vollzieht einen Bogen von Gerontius’ Tod über seine Auferstehung und Erlösung. Der erste Teil beschreibt das Sterben des laut Elgar "reuigen Sünders und doch durch und durch weltlichen Mannes". Der zweite, fast doppelt so lange Teil schildert den Weg, den die Seele des Verstorbenen mit ihrem Schutzengel durch verschiedene Stadien nimmt: vom Vorhof des Gerichts vorbei an Dämonen zum Haus des Gerichts und hin zu Engelwesen, bis sie Gott schauen darf und durch den Todesengel, der Fürsprache hält, ins Fegefeuer vordringt, um schließlich unter die Gerechten aufgenommen zu werden.

Dem Birmingham Music Festival hatte Elgar die Uraufführung für den Herbst 1900 in Aussicht gestellt, sich damit aber schlicht übernommen, denn zunächst musste er die "Enigma-Variationen" und die "Sea Pictures" fertigstellen. Als er endlich mit "The Dream of Gerontius" begonnen hatte, ging ihm die Arbeit zwar äußerst leicht von der Hand, aber die Zeit war allzu knapp. Am 3. August vollendete Elgar die Partitur. Allerdings mussten noch die Orchester- und Chorstimmen geschrieben werden, sodass erst Ende des Monats die erste Chorprobe abgehalten werden konnte. Somit gerieten die vom Chor gesungenen Passagen bei der Uraufführung zu einem hoffnungslosen Debakel.

Deutlich besser geriet im Jahr darauf die erste deutsche Aufführung in Düsseldorf. Zugegen war auch der Komponistenkollege Richard Strauss. Der damals unangefochtene Meister der Moderne schwang sich anschließend zu lobenden Worten auf: "Ich erhebe mein Glas auf das Wohl und den Erfolg des ersten englischen Fortschrittlers, Meister Edward Elgar".

Elgar: The Dream of Gerontius - Melodien aus dem Jenseits

WDR 3 Meisterstücke 18.05.2025 13:27 Min. Verfügbar bis 16.05.2035 WDR 3


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