Nach Sexualdelikten sind Frauen vor allem verzweifelt und wissen noch nicht, ob sie Anzeige erstatten wollen.
WDR. 06:16 Min.. Verfügbar bis 11.05.2028.
Das Wichtigste in Kürze
- Spuren sexualisierter oder physischer Gewalt werden kurz nach der Tat gesichert.
- Danach können sich Betroffene in Ruhe überlegen, ob sie Anzeige erstatten wollen.
- Die gesicherten Spuren können als Beweismittel dienen - auch vor Gericht.
- Ein großes Problem bei Sexualstraftaten ist die hohe Dunkelziffer.
Was die anonyme Spurensicherung bringt
Oft sind es nur wenige Stunden, die bei Sexualstraftaten über eine mögliche Verurteilung entscheiden. Denn die Spuren sexualisierter Gewalt lassen sich manchmal nur wenige Stunden nach der Tat sichern.
Die Rechtsmedizinerin Dr. Stefanie Schlepper und die Oberärztin Dr. Johanna Fischer-Gödde haben die anonyme Spurensicherung im St. Franziskus-Hospital in Münster initiiert.
Die anonyme oder auch vertrauliche Spurensicherung gibt den Opfern Zeit. Zeit, die viele Betroffene brauchen, bevor sie die Gewalt verarbeiten und die Polizei einschalten können.
"Wir brauchen die anonyme Spurensicherung, weil Betroffene nach sexualisierter Gewalt in einer absoluten Überforderungssituation sind, in einer emotionalen Überforderung. Manche wissen auch gar nicht so richtig, was ihnen passiert ist." Dr. Stefanie Schlepper, Rechtsmedizinerin
Im St. Franziskus-Hospital in Münster gibt es die anonyme Spurensicherung seit fast drei Jahren, initiiert von der Rechtsmedizinerin Dr. Stefanie Schlepper und der Gynäkologin und Oberärztin Dr. Johanna Fischer-Gödde. Sie wollen den Betroffenen Zeit und Sicherheit geben und so mehr Täter zur Rechenschaft ziehen.
Was untersucht wird
Bei der Untersuchung werden zum Beispiel blaue Flecken oder Verletzungen fotografiert, Sperma-Spuren am Körper oder Blutproben genommen. Betroffene sollen auch auf sexuelle übertragbare Krankheiten untersucht werden - und, wenn der Verdacht besteht, auch auf K.-o.-Tropfen oder Drogen.
"Wir machen aber nichts, was die Betroffene nicht will", betont Schlepper. Die Bezeichnung "anonym" oder "vertraulich" bezieht sich darauf, dass nicht sofort Anzeige bei der Polizei erstattet werden muss.
Was das Problem ist
Oft gibt es eine hohe Dunkelziffer im Bereich der Sexualdelikte.
"Wie groß das Problem tatsächlich ist, das wissen wir nicht, weil die allermeisten Fälle nicht zur Anzeige kommen und auch nirgendwo mitgeteilt werden." Dr. Johanna Fischer-Gödde, Oberärztin der Gynäkologie
Nach einer Tat fühlen viele Betroffene große Scham. Das weiß auch Astrid-Maria Kreyerhoff von Zartbitter Münster e.V., einer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt: "Zur Dynamik von sexualisierter Gewalt gehört es, dass es immer zu einer Schuldverschiebung kommt und das die Scham von Betroffenen noch größer macht, als sie durch die Verletzung der sehr intimen Schamgrenze eh schon ist."
Umso wichtiger sei es, dass die Spurensicherung vertraulich passiert, ohne Druck, sofort Anzeige erstatten zu müssen, so Kreyerhoff. "Oft werden Anzeigen, die unter solch einem akuten emotionalen Druck unmittelbar nach erlebter Gewalt gemacht werden, wieder zurückgezogen, oder die Betroffenen können mit der Mehrfachbelastung nicht fertig werden."
Beweismittel für mögliche Prozesse
Gesicherte Spuren werden für fünf bis zehn Jahre eingelagert - je nach Vereinbarung der Kliniken. Betroffene können so in Ruhe überlegen, ob sie Anzeige erstatten wollen - und im Fall einer Anzeige auf die Spuren zurückgreifen.
Wie groß der Bedarf ist
Die Oberärztin der Gynäkologie Dr. Johanna Fischer-Gödde führt Untersuchungen in der anonymen Spurensicherung durch.
In Münster am St. Franziskus-Hospital spüren die beiden Ärztinnen einen steigenden Bedarf. Im vergangenen Jahr haben sie 25 Sexualdelikte vertraulich untersucht. In Münster geht das ab einem Alter von 14 Jahren, auch ohne Einverständnis der Eltern. Voraussetzung ist dann die ausdrückliche Zustimmung der betroffenen Person.
Laut dem Landgericht Münster ist die Zahl der Fälle von sexualisierter Gewalt, die vor Gericht verhandelt werden, seit Jahren auf dem gleichen Niveau.
Wo es die anonyme Spurensicherung gibt
Die anonyme Spurensicherung gibt es in verschiedenen Krankenhäusern in NRW. In Wuppertal bieten zwei Kliniken die Möglichkeit, Spuren zu sichern: für Frauen und für Mädchen. Im Jahr 2025 wurden dort in sechs Fällen Spuren gesichert. Die Frauenberatung Wuppertal geht davon aus, dass die niedrige Fallzahl vor allem damit zusammenhängt, dass die anonyme Spurensicherung bisher nur wenigen Menschen bekannt ist.
Im Kreis Soest soll es ab Juni die Möglichkeit der vertraulichen Spurensicherung geben, im Klinikum Lippstadt. Seit März gibt es dort die entsprechende Verwaltungsvorschrift, die der Klinik die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse garantiert.
In Südwestfalen gibt es die anonyme Spurensicherung seit rund zehn Jahren, bisher wird das Angebot aber nur wenig genutzt. Auch bei der Frauenberatungsstelle Arnsberg ist man sich sicher: Das liegt nicht nur an einem Schamgefühl der Betroffenen, sondern auch daran, dass die Möglichkeit nur wenigen bekannt ist.
Auch in an der Uniklinik in Aachen sind es bisher sehr wenige Einzelfälle, die die anonyme Spurensicherung genutzt haben. Der Polizei Aachen liegen dazu keine Zahlen vor.
Was die Krankenkasse anerkennt
Seit 2020 ist die anonyme Spurensicherung Kassenleistung, dazu müssen die Bundesländer allerdings einen Vertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen schließen.
NRW war eines der sechs ersten Bundesländer mit diesem Vertrag. Dadurch soll auch geregelt werden, dass Kliniken mit einer anonymen Spurensicherung sieben Tage die Woche, rund um die Uhr erreichbar sind. Meistens kommen Frauen in die Kliniken. Aber auch Männer, die Gewalt erlebt haben, gehen mittlerweile zur anonymen Spurensicherung.
Dr. Johanna Fischer-Gödde vom St. Franziskus-Hospital in Münster wünscht sich für die Zukunft vor allem eines: "Dass die Scham die Seite wechselt, wie man jetzt so oft in den Medien hört. Dass die Opfer ihre Scham endlich ablegen können."
Unsere Quellen:
- Gespräche mit Dr. Stefanie Schlepper und Dr. Johanna Fischer-Gödde
- St. Franziskus-Hospital in Münster
- Landgericht Münster
- Kreis Soest
- Uniklinik RWTH Aachen
- Polizei Aachen
- Frauenberatung Arnsberg
- Frauenberatung Wuppertal
- Zartbitter Münster e.V.
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Münsterland, 08.05.2026, 19.30 Uhr