Lagebild zur sexualisierten Gewalt an Kindern
Aktuelle Stunde . 21.08.2025. 40:08 Min.. UT. Verfügbar bis 21.08.2027. WDR. Von Alexander Klein.
Weiter hohe Fallzahlen bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder
Stand:
Die Zahlen zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sind weiterhin hoch - sagt die Statistik. Doch damit sind längst nicht alle Straftaten erfasst.
2024 hat die Polizei fast 18.000 Fälle von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen registriert - etwas weniger als im Jahr davor. Das geht aus dem Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) hervor, das am Donnerstag vorgelegt wurde.
Darin wird die bereits im April veröffentlichte Polizeiliche Kriminalstatistik noch einmal gesondert ausgewertet, speziell mit Blick auf sexuellen Missbrauch, Missbrauchsdarstellungen (Kinderpornografie) und sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen. Die meisten Zahlen dazu waren bereits veröffentlicht - auch für NRW, wo die Zahlen im Vergleich zu 2023 ebenfalls gesunken sind.
NRW beim Kindesmissbrauch im Ländervergleich vorne dabei
Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik NRW wurden im Land 2024 rund 4.400 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern registriert. Das waren gut 12 Prozent weniger Fälle als im Vorjahr. Bei Jugendlichen waren es rund 9.000 Fälle und damit 16 Prozent weniger als 2023.
Vergleicht man bundesweit die Anzahl von Missbrauchsfällen bei Kindern, steht NRW 2024 an dritter Stelle - mit 24,6 Fällen pro 100.000 Einwohner. An erster Stelle steht Bremen mit 29,6 Fällen, gefolgt von Berlin mit 28,9 Fällen.
Behörden wollen Dunkelfeld "aufhellen"
Auch wenn die Fallzahlen von 2024 im Vergleich zum 2023 niedriger sind, ist das kein Zeichen für eine Entspannung der Lage. Denn die Statistik spiegelt nur die der Polizei bekannt gewordenen und durch sie bearbeiteten Straftaten wider - das sogenannte Hellfeld - einschließlich sogenannter Versuchstaten. Die Zahlen sind daher auch vom Anzeigeverhalten beeinflusst.
Das Dunkelfeld - also Straftaten, die den Behörden nicht bekannt werden - stellt die Polizei weiterhin vor Probleme. "Viele Taten werden verschwiegen, beispielsweise weil sie in einem familiären Umfeld stattfinden", heißt es im BKA-Bericht. Die Polizei habe weiter die Aufgabe, dieses Dunkelfeld "aufzuhellen". Zum Beispiel durch eine weitere Aufstockung durch entsprechendes Personal.
Zu den Begriffen "sexueller Missbrauch" und "sexualisierte Gewalt"
Da Opfer- und Betroffenen-Verbände den Begriff "sexueller Missbrauch" als nicht treffend ablehnen und stattdessen von "sexualisierter Gewalt" sprechen, ziehen wir in der Regel diesen Begriff vor. Allerdings wird bei Kriminologen und in der Medizin häufig "sexueller Missbrauch" verwendet, weswegen wir den Begriff in solchen Zusammenhängen ebenfalls benutzen.
Viele Hinweise aus den USA auf Verdachtsfälle
Hinweise auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bekommt das BKA vor allem über das Internet. Oft stammen sie von einer privaten Organisation in den USA, dem "National Center for Missing and Exploited Children" (NCMEC). Diese übermittelt den deutschen Beamten unter anderem die IP-Adresse. Damit kann das BKA herausfinden, von wo die Internetverbindung hergestellt wurde. Allein 2024 erhielt das BKA nach eigenen Angaben vom NCMEC mehr als 205.000 Hinweise auf Verdachtsfälle.
Dobrindt will auf Vorratsdatenspeicherung setzen
Um die Aufklärung zu verbessern, will Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) künftig auch auf die umstrittene Vorratsdatenspeicherung setzen. Union und SPD hatten die Wiedereinführung der derzeit in Deutschland ausgesetzten Praxis im Koalitionsvertrag verabredet - laut Dobrindt soll "in den nächsten Wochen" Einigkeit über die Details einer Gesetzesänderung herrschen. In der Vorgängerregierung hatten sich FDP und Grüne noch quergestellt.
BKA-Präsident Holger Münch
Mit der Maßnahme würden Telekommunikationsanbieter verpflichtet, bestimmte Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer anlasslos zu sammeln und drei Monate lang zu speichern. Betroffen wären sowohl Telefon- als auch Internetdaten. Diese müssten Ermittlungsbehörden im Bedarfsfall zur Verfügung gestellt werden. BKA-Präsident Holger Münch verspricht sich viel von diesem Schritt. "Das wird unsere Ermittlungserfolge noch einmal deutlich steigern", sagte er am Donnerstag.
Veränderungen bei der Polizeiarbeit in NRW
In der Vergangenheit standen bei einigen Fällen in NRW die Behörden schlecht da. Wie hat sich die Arbeit der Ermittler seither verändert - nach Ereignissen wie in Lügde oder Wermelskirchen? "Die Arbeit ist viel professioneller geworden", sagt WDR-Landespolitik-Redakteur Arne Hell. Zum Beispiel ermittle beim Verdacht auf schweren sexuellen Missbrauch schon länger nicht mehr jede kleine Polizeidienststelle im Land. "Die Fälle gehen direkt an die großen Polizeipräsidien", dort seien die erfahrenen Ermittler konzentriert.
WDR-Landespolitik-Redakteur Arne Hell
Es seien auch mehr Polizeibeamte im Einsatz. "Und nicht nur Beamte: Im Landeskriminalamt in Düsseldorf sitzen zum Beispiel auch mehr als 90 Angestellte." Die seien in den letzten Jahren neu eingestellt worden und überprüften sichergestelltes Foto- und Videomaterial. "Nur so können diese riesigen Datenmengen überhaupt bearbeitet werden", so WDR-Redakteur Hell.
Verbesserungen bei den NRW-Jugendämtern
Auch bei den NRW-Jugendämtern habe sich einiges getan. Es gebe einheitlichere Standards, wie mit Verdachtsmeldungen umzugehen sei. Außerdem müssten sich die Jugendämter seit einigen Jahren vernetzen - mit Schulen, mit Kitas, mit Sportvereinen und auch mit der Polizei. "Überall da, wo ein Verdacht aufkommen könnte, wird sich zusammengesetzt und überlegt, wie man in einzelnen Fällen vorgeht", sagt Arne Hell.
Zukünftig solle auch einen Kinderschutzbeauftragten in NRW geben. "Das ist schon beschlossen, aber das Amt ist noch nicht vergeben." Diese Person solle dann mit den Jugendämtern zusammenarbeiten.
Neuer Fokus bei der Prävention
Auch bei der Prävention hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Eckhard Pieper ist Diplom-Psychologe und seit 1995 bei der Kölner Beratungsstelle Zartbitter e.V. tätig. Die Präventionsarbeit sei ganzheitlicher geworden - "weg von Einzelmaßnahmen wie 'Kinder sollen Nein sagen lernen'", sagte er am Donnerstag dem WDR.
Auch das Konzept der sogenannten Fremdtäter, die auf dem Spielplatz auftauchen, sei überholt. Denn diese Fälle seien eher die Ausnahme, erklärte Psychologe Pieper. Denn viele der Taten würden von Menschen begangen, die den Opfern bereits bekannt seien. Das bestätigt auch das BKA-Bundeslagebild für 2024.
Gute Erfahrungen gemacht habe sein Verein mit Theateraufführungen in Kitas, Grundschulen und weiterführenden Schulen. "Theater hat viele Vorteile, weil es wirklich interaktiv ist", sagte Pieper. "Bei einem Theaterstück kann ich Zwischenrufe machen, ich kann applaudieren und hinterher mit Schauspielern diskutieren. Das ist unser Konzept."
Die Theaterstücke seien jeweils altersgerecht auf die Zielgruppe zugeschnitten. "Angepasst an die jeweiligen Themen, die gerade wichtig sind in einzelnen Altersgruppen." Seit 1995 hätten auf diese Weise fast eine Million Kinder solche Stücke gesehen.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagentur DPA und AFP
- Gespräch mit WDR-Redakteur Arne Hell im WDR 5-"Mittagsecho"
- Gespräch mit Psychologe Eckard Pieper im WDR 5-"Mittagsecho"
- Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2024 des BKA
- Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 für NRW des Landesinnenministeriums