Internationaler Tag der vermissten Kinder: Ungelöste Fälle in NRW

Aktuelle Stunde 25.05.2026 21:32 Min. UT Verfügbar bis 25.05.2028 WDR Von Thomas Kramer

Tag der vermissten Kinder Wie Debbies Mutter mit der Ungewissheit lebt

Stand:

Immer wieder verschwinden Kinder spurlos - auch in NRW. Seit über 30 Jahren wird Debbie vermisst. Wie ihre Mutter damit umgeht, erzählte sie dem WDR anlässlich des Internationalen Tags der vermissten Kinder, der jedes Jahr am 25. Mai begangen wird.

"Ich sehe Debbie immer noch als kleines Mädchen, das fröhlich spielt und mit mir lacht", sagt ihre Mutter Dagmar Funke. Ihre Tochter Deborah Sassen war acht Jahre alt, als sie am 13. Februar 1996 verschwand - auf dem Rückweg von ihrer Grundschule, nur wenige Hundert Meter von ihrem Zuhause in Düsseldorf.

Seither gibt es keine Spur von Debbie. Sie trug am Tag ihres Verschwindens eine auffällig rote Jacke. Es gingen danach auch Hinweise bei der Polizei ein. Doch keiner half entscheidend weiter. In diesem Frühjahr hatten die Ermittler dann sogar einen Verdächtigen im Visier - 30 Jahre später. Es wurden verschiedene Wohnungen erfolglos nach einer Leiche durchsucht. Aber gelöst ist der Fall noch immer nicht.

So war die damals achtjährige Debbie am Tag des Verschwindens gekleidet

So war Debbie am Tag ihres Verschwindens gekleidet

Gefühlsmäßig "30 Jahre zurückgeschmissen"

Bei Debbies Mutter, die heute an der Ostsee lebt, haben die neuen Ermittlungen viel aufgewühlt. Sie fühle sich, wie "30 Jahre zurückgeschmissen": "Da ist wieder diese innere Unruhe wie damals an jenem Tag, als Deborah verschwand." Es seien Selbstbeschuldigungen hochgekommen: "Ich mache mir bis heute Vorwürfe, warum bist du arbeiten gegangen, warum hast du deine Tochter nicht abgeholt?"

Dagmar Funke, Mutter von Deborah "Debbie" Sassen

Debbies Mutter: Dagmar Funke

Das ungeklärte Verschwinden habe ihr "die Freiheit zu einem unbeschwerten Leben genommen", sagt Funke dem WDR. Trotzdem habe sie sich Hoffnung bewahrt: "Weil ich immer noch darauf hoffe, eine Antwort darauf zu bekommen, was mit Deborah passiert ist." Sie könne die Angelegenheit nicht beiseite legen und einfach vergessen. Denn:

"Debbie ist ja ein Teil von mir." Dagmar Funke, Debbies Mutter

Wie Debbies Mutter mit ihrer Ungewissheit umgeht

WDR 23.05.2026 02:09 Min. Verfügbar bis 25.05.2028 WDR Online

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Wunsch nach Seelenfrieden

Mit der Zeit habe sie gelernt, besser mit der Ungewissheit umzugehen: "Ich male oft und ich kenne ein paar Leute, mit denen ich mich gut darüber unterhalten kann." Sie spüre immer noch eine Verbundenheit zu Debbie. "Es ist ein Gefühl, bei dem ich gedanklich mit ihr im Austausch bin." Es sei zwar Wunschdenken, aber sie hoffe immer noch, ihre Tochter wiederzusehen oder zumindest zu erfahren, was damals passiert ist.

Aus dieser Hoffnung heraus appelliert Dagmar Funke an die Bevölkerung im Raum Düsseldorf, aber auch an mögliche Komplizen und Täter: Wer über das Verschwinden etwas wisse, solle das der Polizei mitteilen. "Damit ich auch einen Schlussstrich ziehen kann und Seelenfrieden bekomme", so Funke. "Das ist man nicht nur Debbie schuldig, sondern auch mir."

Derzeit sieben Cold-Cases in NRW

Debbie ist nicht das einzige Kind, das in der Vergangenheit in NRW verschwunden ist. Aktuell sind nach Auskunft des Landeskriminalamts (LKA) insgesamt 862 Minderjährige seit mehr als sechs Wochen vermisst. Von diesen sogenannten Langzeit-Vermissten sind 531 Kinder (bis 14 Jahre alt) und 331 Jugendliche (14 bis 18 Jahre). Diese Angaben beziehen sich auf den 20. Mai 2026, wie das LKA auf WDR-Anfrage mitteilte.

Da die allermeisten Kinder nach einer gewissen Zeit - in der Regel wohlbehalten - wieder auftauchen, ändern sich die Zahlen immer wieder. Von den derzeit 862 vermissten Kindern und Jugendlichen sind sieben Fälle in der Cold-Case-Datenbank des LKA aufgeführt. Neben dem Fall Debbie gehört dazu auch der Fall von Leonie Gritzka aus Remscheid.

Zwei Fotos von Leonie Gritzka

Seit Jahren vermisst: Leonie Gritzka aus Remscheid

Auch Leonie ist eine Langzeit-Vermisste

Leonie wird seit dem 22. Juli 2016 vermisst. Damals war sie 15 Jahre alt. An diesem Tag verabschiedete sie sich gegen 16 Uhr von ihrer Mutter und verließ die Wohnung. Als die Jugendliche nicht zurückkehrte, informierte die Mutter noch in der Nacht die Polizei. Eine Schulfreundin hatte Leonie zuletzt in Remscheid mit zwei Männern in ein Auto mit Kölner Kennzeichen einsteigen sehen. Danach verlor sich ihre Spur.

Seit knapp zehn Jahren befassen sich die Ermittler ohne entscheidende weitere Erkenntnisse mit dem Fall. "Das ist natürlich enttäuschend", sagt Stefan Weiand, Pressesprecher der Polizei Wuppertal-Remscheid-Solingen, im WDR-Interview. "Wenn die Zeit voranschreitet wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass tatsächlich was Schlimmes passiert ist." Davon gehe die Polizei aber nicht aus: "Man muss immer ergebnisoffen ermitteln."

Stefan Weiand, Polizeihauptkommissar und Pressesprecher der Polizei Wuppertal-Remscheid-Solingen

Mit Fall Leonie befasst: Polizeihauptkommissar Stefan Weiand

Hinweise als beste Möglichkeit

Die meisten Hinweise bekomme man bei Vermisstenfällen immer in der ersten Phase, so Polizeihauptkommissar Weiand. Positiv könne sich dabei eine Öffentlichkeitssuche auswirken. So habe zum Beispiel die Darstellung des Falles Leonie in der ZDF-Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" noch einmal viele Rückmeldungen ausgelöst. Danach sei die Anzahl der Hinweise allerdings zurückgegangen.

Doch auch nach fast zehn Jahren sei der Fall Leonie nicht vergessen. "Er ist im kollektiven Gedächtnis der Behörde sowieso verankert, weil er so außergewöhnlich ist", sagte Weiand. "Wenn etwas an uns herangetragen wird, bringt uns das in diesem Fall immer ein Stückchen weiter." Letzlich seien Hinweise die beste Möglichkeit, um vermisste Kinder wie Leonie vielleicht doch noch zu finden.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Dagmar Funke, Mutter von Deborah Sassen
  • Interview mit Stefan Weiand, Pressesprecher der Polizei Wuppertal-Remscheid-Solingen
  • Anfrage beim Landeskriminalamt NRW

Sendung: WDR.de, "Wie Debbies Mutter mit ihrer Ungewissheit umgeht", 25.02.2026, 05.02 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 25.05.2026, 12:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 25.05.2026, 18:45 Uhr

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