Die Gefahr von Sekundenschlaf wird unterschätzt.
Kurz die Augen geschlossen und schon ist es passiert. Sekundenschlaf kann im Straßenverkehr äußerst gefährlich sein. Jüngstes Beispiel in NRW: Ein Schweinetransporter, der in der Nacht auf Dienstag bei Wermelskirchen umkippte - wohl auch wegen Sekundenschlafs. Die A1 war in der Folge stundenlang gesperrt.
Aber wie viele Unfälle werden durch Sekundenschlaf verursacht, welche Ursachen gibt es dafür, welche Strafen drohen und was kann dagegen helfen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Wie viele Unfälle werden durch Sekundenschlaf verursacht?
In Deutschland gab es 2024 gut 2,5 Millionen Verkehrsunfälle. Laut Statistischem Bundesamt wurden 5.524 davon durch Sekundenschlaf beim Pkw-Fahrer verursacht - ein ähnlicher Wert wie in den Vorjahren. Seit 2010 ist die Zahl jedoch um knapp 42 Prozent gestiegen.
Lkw-Fahrer verursachten 2024 insgesamt 471 Mal einen Unfall aufgrund von Sekundenschlaf. Hier blieb die Anzahl der Unfälle in den vergangenen Jahren auf einem gleichbleibenden Niveau.
Warum ist Sekundenschlaf so gefährlich?
Ein paar Sekunden die Augen zu schließen, kann doch eigentlich gar nicht so gefährlich sein, oder? Doch, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung im Gesamtverband der Versicherer, dem WDR. "Wenn man übermüdet ins Fahrzeug steigt, ist das eine große Gefahr." Häufig werde unterschätzt, wie viele Meter man in der Sekunde zurücklegt. Schließt man nur eine Sekunde die Augen, fährt man bei 100 Kilometern pro Stunde knapp 28 Meter "blind" weiter.
So gefährlich kann Sekundenschlaf sein.
"Das ist schon eine immense Strecke, auf der einiges passieren kann", so Zeidler. Die Bremsung eines vorausfahrenden Autos kann beispielsweise kaum noch ausgeglichen werden. Bei zehn Sekunden Unachtsamkeit hat man bereits fast 300 Meter zurückgelegt, ohne auf Kurven oder andere Verkehrsteilnehmer reagieren zu können.
Die Gefahr von Sekundenschlaf wird immer noch von vielen unterschätzt. Laut einer Umfrage, die für den Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) unter 1.000 Autofahrerinnen und Autofahrern durchgeführt wurde, sind rund einem Viertel der Befragten im Straßenverkehr schon einmal die Augen zugefallen. 43 Prozent der Befragten waren jedoch davon überzeugt, den Zeitpunkt des Schlafens vorhersehen zu können. Untersuchungen zeigen aber, dass Menschen oftmals gar nicht wahrnehmen, dass sich das Gehirn im Sekundenschlaf befindet.
Was sind die Ursachen für Sekundenschlaf?
Die Hauptursache für Sekundenschlaf ist relativ einfach zu benennen: Müdigkeit. Und die betrifft in Deutschland ziemlich viele Menschen. Eine Online-Befragung der KKH unter 500 gesetzlich und privat versicherten Personen zwischen 18 und 70 Jahren zeigt: Gut die Hälfte der Befragten (57 Prozent) hat an mindestens drei Tagen pro Woche Schlafprobleme. Gut die Hälfte fühlt sich durch schlechten Schlaf tagsüber weniger leistungsfähig.
Es gibt allerdings auch Erkrankungen, die das Risiko für Sekundenschlaf steigern - zum Beispiel Schlafstörungen wie Schlafapnoe und Narkolepsie. Bei Menschen mit obstruktiver Schlafapnoe kommt es während des Schlafs zu längeren Atemaussetzern, was die Schlafqualität massiv beeinträchtigt. Betroffene fühlen sich am Morgen oft unausgeruht, selbst wenn sie genug geschlafen haben.
Narkolepsie ist hingegen eine seltene neurologische Erkrankung, bei der Menschen gegen ihren Willen einschlafen - auch mitten am Tag.
Gibt es Anzeichen oder Warnsignale für Sekundenschlaf?
Glücklicherweise setzt Sekundenschlaf, wenn er nicht auf eine Krankheit zurückzuführen ist, nicht aus heiterem Himmel ein. Laut dem ADAC gibt es einige Warnsignale, auf die man achten sollte:
- brennende Augen und schwere Lider
- häufiges oder nicht unterdrückbares Gähnen
- schnelles Blinzeln und unscharfes Sehen
- Die Straße fühlt sich immer enger an.
- Es wird schwieriger, die Spur zu halten.
- starres Blicken auf die Fahrbahn
- schlechte Erinnerung an den letzten Kilometer
- übersehen von Straßenschildern
Wie kann man Sekundenschlaf vorbeugen und Unfälle vermeiden?
Beim Auftreten solcher Warnsignale sollte man unbedingt eine Pause einlegen. Selbst wenn man sich noch fit fühlt, raten Unfallforscher spätestens nach zwei Stunden am Steuer dazu. Was außerdem helfen kann, ist ein "Power-Nap" von 15 bis 20 Minuten und Bewegung an der frischen Luft. Das hilft laut Experten häufig sogar besser als ein Kaffee oder Energy-Drink.
Lkw-Fahrer müssen laut Fahrpersonalgesetz nach spätestens 4,5 Stunden Lenkzeit eine Pause von mindestens 45 Minuten einlegen. Darüber hinaus darf die tägliche Lenkzeit nicht länger als neun Stunden betragen.
"Grundsätzlich sollte man ausgeschlafen und ausgeruht ins Auto steigen", sagt auch Kirstin Zeidler. Außerdem sei es wichtig, ausreichend zu trinken und bei längeren Strecken, wenn möglich, einen Fahrerwechsel einzubauen.
Kirstin Zeidler, Leiterin Unfallforschung der Versicherer
Wer ein modernes Auto besitzt, der wird mittlerweile auch von seinem Fahrzeug darauf hingewiesen, eine Pause einzulegen. Seit 2024 sind in der EU solche Driver-Monitoring-Systeme, die den Fahrer "beobachten", bei Neufahrzeugen Pflicht. Auch Brems- und Spurhalteassistenzen können helfen, das Schlimmste zu verhindern. Doch diese Technik könne nur unterstützen, so Zeidler. "Darauf sollte man sich auf keinen Fall verlassen und müde ins Auto steigen."
Welche Strafe droht bei Sekundenschlaf?
Sekundenschlaf ist nicht nur gefährlich, sondern kann bei einem Unfall auch streng geahndet werden. Gibt der Unfallverursacher an, dass er sehr müde war oder eingeschlafen ist, oder kann ihm das anderweitig nachgewiesen werden, könnte er gegen § 315c des Strafgesetzbuchs verstoßen haben.
Dort heißt es: "Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."
Laut ADAC wird in solchen Fällen auch häufig ein Fahrverbot verhängt oder die Fahrerlaubnis entzogen.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Kirstin Zeidler, Leiterin Unfallforschung der Versicherer
- ADAC: Müdigkeit und Sekundenschlaf am Steuer, 20.10.2025
- DEKRA: Stille Gefahr am Steuer, 25.10.2024
- KKH: Immer mehr Deutsche liegen nachts wach, 23.09.2025
- Arbeit & Gesundheit: Was gegen Müdigkeit am Steuer hilft, 06.04.2022
- Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz: Strafgesetzbuch (StGB), § 315c Gefährdung des Straßenverkehrs
- Bußgeldkatalog 2026: Lkw-Fahrer: Gesetzliche Pausen sind vorgeschrieben, 26.01.2026
- Bundesärztekammer: Informationen zu Narkolepsie, März 2019
- Bundesministerium für Gesundheit: Informationen zur obstruktiven Schlafapnoe
- Statistisches Bundesamt: Unfallstatistiken in Deutschland
Sendung: WDR.de, So gefährlich ist Sekundenschlaf im Straßenverkehr, 19.05.2026, 14:48 Uhr
