"Unser Widersacher ist die Natur"

WDR 04:23 Min. Verfügbar bis 03.06.2028

Kreisveterinär zur Schweinepest "Unser Widersacher ist die Natur"

Stand:

  • Inzwischen 732 infizierte Wildschweine in Südwestfalen
  • Um die Seuche einzudämmen, entsteht gerade ein doppelter Schutzzaun
  • Dr. Ludger Belke, Kreisveterinär für Siegen-Wittgenstein, im Interview
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Ulf Priester

Seit Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest vor einem Jahr wurden inzwischen 732 infizierte Wildschweine in Südwestfalen gefunden. Vor allem im Frühjahr hat sich die Seuche stark ausgebreitet - mit den jüngsten Funden in Netphen im Süden auch deutlich außerhalb der bisherigen Kernzone.

Dr. Ludger Belke, Kreisveterinär für Siegen-Wittgenstein

Dr. Ludger Belke, Kreisveterinär für Siegen-Wittgenstein im Interview

Um die Seuche einzudämmen, entsteht gerade ein doppelter Schutzzaun, erläutert Dr. Ludger Belke, Kreisveterinär für Siegen-Wittgenstein, im WDR-Interview.

WDR: Die Schweinepest hat sich nach Süden ausgebreitet. Ein infiziertes Wildschwein wurde in Netphen-Grissenbach gefunden - außerhalb der bisherigen Kernzone. Wird die Kernzone jetzt ausgeweitet?

Spürhunde auf der Suche nach Wildschweinen

Täglich durchkämmen Suchhundetrupps das Gelände nach möglichen weiteren infizierten Kadavern

Dr. Ludger Belke: Davon müssen wir ausgehen. In Grissenbach haben wir einen Überläufer-Keiler gefunden, der noch nicht geschlechtsreif war. Das heißt, das ist ein Mitglied aus einer Rotte, die positiv ist. Wir erwarten eigentlich auf dem Weg von Grissenbach Richtung Hilchenbach, dass wir dort weitere infizierte Tiere finden. Dort haben wir jetzt Suchhundetrupps im Einsatz.

WDR: Das heißt: Die Kernzone wird ausgeweitet. Wie wird sie verlaufen?

Ein Wildschwein steht vor einem Zaun

Zäune sollen die Wildschweine von anderen Gebieten abhalten.

Belke: Wir werden sicherlich im Bereich Dreis-Tiefenbach an die große Bebauungskulisse anschließen - um dann Richtung Süden zu gehen, Richtung Landesgrenze. Und von dort aus dann wieder umschlagen in Richtung Erndtebrück, so dass wir dann ein größeres Kerngebiet haben.

WDR: Bis wann wird die Kernzone feststehen?

Belke: Es wird sicherlich die nächsten zwei, drei Wochen dauern, bis wir ins Tun kommen, was das Kerngebiet anbelangt. Deswegen ist es wichtig, Ruhe zu bewahren. Neben den Kadaver-Suchhundeteams haben wir Drohnenflieger mit Wärmebildkameras im Einsatz.

WDR: Einen Zaun um die Kernzone gibt es schon lange. Wie wollen Sie ein weiteres Ausbreiten verhindern, denn es hat sich jetzt ja nochmal richtig stark ausgebreitet?

Belke: Wir haben im Seuchengeschehen die letzten zwölf Monate festgestellt, dass wir Widersacher haben. Und die Widersacher, das sind nicht die Menschen, die sich diszipliniert im Wald aufhalten, sondern das ist die Natur. Das ist der Dachs, der Fuchs, der Kolkrabe und jetzt mittlerweile auch der Wolf (die den Zaun überwinden und infiziertes Aas verteilen könnten, Anm. der Red.). Und das Dilemma ist: Wenn irgendwo Wildschweine ins Sterben kommen, dann ist der Tisch für diese Beutegreifer reich gedeckt.

Dr. Ludger Belke

Dr. Ludger Belke ist seit 2018 Leiter des Veterinäramts im Kreis Siegen-Wittgenstein und seit vielen Jahren Jäger. Die Afrikanische Schweinepest nimmt aktuell den Großteil seiner Arbeit ein. Er schaut regelmäßig vor Ort, wie sich die Kadaversuche und der Zaunbau entwickeln. Außerdem trifft er Absprachen mit Jägern und Landwirten und stimmt sich wöchentlich mit dem Landwirtschaftsministerium NRW und den Kreisveterinären der anderen betroffenen Kreise ab.

Waldgebiet, das weiter umzäunt werden soll

Weitere Gebiete sollen umzäunt werden.

Aber was wir schaffen mit diesen Zäunen ist, diese natürlichen Rotten-Bewegungen einzuschränken. Da schützt der Zaun, dass nicht neue gesunde Schweine zurückkommen und sich vielleicht noch an Resten, an Knochen infizieren können. Das heißt: Die Strategie ist, weiterhin an den Zäunen festzuhalten, um dann später die abgegrenzten Bereiche wirklich wildschweinfrei zu bekommen.

WDR: "Schweineleer" - das ist ja die Strategie mit der "weißen Zone", die in Brandenburg erfolgreich war. Um die Ausbreitung der Seuche zu stoppen planen sie also auch solche Zonen?

Der aktuelle Verlauf der Sperrzonen im ASP-Gebiet: Kerngebiet (orange), Sperrzone 2 (violett), Sperrzone 1 (grün)

Der aktuelle Verlauf der Sperrzonen im Schweinepest-Gebiet: Kerngebiet (orange), Sperrzone 2 (violett), Sperrzone 1 (grün)

Belke: So eine weiße Zone lässt sich nur auf einem schmalen Streifen am Rand der Sperrzonen umsetzen. Beispielsweise an der hessischen Grenze, wo die Zaunbauteams unterwegs sind. Das heißt, wir zäunen gerade von Siegen Richtung Haiger an der Landesgrenze wieder zurück umgeschlagen in den Hochsauerlandkreis. Dort ziehen die Hessen nur wenige Kilometer entfernt einen Zaun. So entsteht ein schmaler Korridor. In solchen Gebieten wird es uns gelingen, die Population auf Null zu ziehen, damit das Virus sich dann ausläuft.

WDR: So eine richtige "weiße Zone" ohne Wildschweine, wird es die nur in Hessen geben?

Belke: Das wird davon abhängen, wie sich das Virus weiter ausbreitet. Wir haben hier in Siegen-Wittgenstein die waldreichste Region. Das heißt, wir haben nicht wie in anderen Bundesländern riesige Straßenzüge, Metropolen, wo Wildschweine nicht weiterkommen. Aber ich glaube, dass wir mit diesen Maßnahmen, die wir ergriffen haben, die Seuche in den Griff bekommen.

WDR: Laut NRW-Landwirtschaftsministerium kostet ein Kilometer Zaun im Schnitt 16.000 Euro. Hochgerechnet sind das allein im Süden 1,12 Millionen Euro. Ist der Aufwand gerechtfertigt?

Warnhinweis bezüglich Afrikanischer Schweinepest

Im Kreis Siegen-Wittgenstein wird vor der Schweinepest gewarnt.

Belke: Viele glauben, wir würden das für unsere heimischen Wildschweine machen. Wir machen das für die wildschweinarmen Regionen in Niedersachsen, nördliches Nordrhein-Westfalen - im Endeffekt für die Landwirtschaft, die unsere Grillartikel erzeugen. Je überregionaler sich die Seuche verbreitet, desto weniger geht in den Export. Und dann haben landwirtschaftliche Betriebe, die sich auf die Schweinehaltung spezialisiert haben, ein riesiges Problem.

WDR: Manche Kritiker sagen, dass bei den Kosten, die entstehen, es einfacher wäre, die Natur das regeln zu lassen. Also durchseuchen lassen, bis alle Wildschweine tot sind.

Belke: Ja, das würde aber ganz, ganz lange dauern. Und würden wir nicht an der Umzäunung festhalten, würden Wildschweine in den nächsten ein, zwei Jahren zurückkehren. Irgendwo wäre vor einem halben Jahr das letzte Schwein gestorben und der Knochen ist immer noch infektiös. Und dann geht es weiter.

WDR: Was denken Sie, wenn Sie den Zaun nicht gemacht hätten, wo die ASP jetzt stünde?

Belke: Mindestens ganz in der Nähe vor den Toren der Schweinehalter im Hochsauerlandkreis.

WDR: Abschließend: Haben sie noch einen Appell an die Waldbesucher?

Belke: Ja: Bitte die Tore im Schutzzaun nach dem Öffnen immer schließen. Und falls mal ein Tor von vorneherein offen steht, auch das bitte schließen.

Das Interview führte Ulf Priester.

Afrikanische Schweinepest - Schutzzaun wächst weiter

WDR 02.06.2026 00:53 Min. Verfügbar bis 01.06.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit Kreisveterinär Dr. Ludger Belke
  • bisherige Berichterstattung

Sendung: WDR.de, Afrikanische Schweinepest - Schutzzaun wächst weiter, 03.06.2026, 10:10 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Südwestfalen, 03.06.2026, 19:30 Uhr

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