WDR Lokalzeit Stadtgespräch: "Shithole" Gelsenkirchen - Diskussion um das Image einer Stadt
Folge 1. 06.11.2025. 57:18 Min.. Verfügbar bis 06.11.2027. WDR Lokalzeit .
Das PopUp Studio an der Bahnhofstraße in Gelsenkirchen ist so voll, wie noch nie seit seiner Eröffnung. Alle Plätze sind besetzt, das Interesse der Menschen am Image ihrer Stadt scheint groß. Als Podiumsgäste sind Andrea Henze, die neue Oberbürgermeisterin in Gelsenkirchen und Stefan Gärtner, Professor für Regionalentwicklung, dabei.
Glanz und Schmutz
"Swiftkirchen", aber auch "Shithole" - beides Begriffe, die im vergangenen Jahr den Ruf der Stadt Gelsenkirchen prägten. Das eine stand für Pop und Glamour im Rahmen der Taylor Swift-Konzerte - das andere für Dreck und Rückständigkeit, nachdem ein englischer Fan bei der Fußball-EM auf Social Media Gelsenkirchen als "absolute Shithole" bezeichnete - absolutes Drecksloch.
Hat Spuren hinterlassen: Taylor Swift Graffiti in Gelsenkirchen
Gefühlt bleiben eher die negativen Schlagzeilen über Gelsenkirchen hängen: Arbeitslosigkeit, Schrottimmobilien, Kriminalität, No-Go-Areas und Spitzenwerte für die AfD. Wirklich alles so schlimm?
Viele "gemeinsame" Aufgaben
Moderatorin Judith Schulte-Loh (l.) im Gespräch mit Oberbürgermeisterin Andrea Henze und Regionalforscher Stefan Gärtner.
Andrea Henze, die neue Oberbürgermeisterin in Gelsenkirchen weiß um das Image ihrer Stadt. Sie kündigt an, viele Probleme angehen zu wollen. Und das direkt in ihrer ersten Woche im Amt. Zum Beispiel habe sie sich für das Weiterbestehen der Bezirksforen eingesetzt. Das sind offene Bürgerversammlungen in den Stadtteilen, die Geld bekommen und nach eigenem Ermessen nutzen können.
Wir müssen 270.000 Botschafter für unsere Stadt sein. Andrea Henze, Oberbürgermeisterin Gelsenkirchen, SPD
Genau das ist es worauf Henze setzt: mehr Beteiligung der Menschen für Gelsenkirchen. Darauf sei die Stadt angewiesen, denn es funktioniere nur gemeinsam. Gleichzeitig will sie vor den Problemen nicht die Augen verschließen.
Dazu gehören illegal entsorgter Müll, die prekäre Lage auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und die Bildung und Integration junger Menschen mit ausländischen Wurzeln.
Sozialer Zusammenhalt gefährdet?
Oft gibt es für die neue Oberbürgermeisterin Applaus, immer mal wieder auch Kopfschütteln im Publikum. Die Kritik: es gehe immer nur um dieselben Probleme, aber nicht um konkrete Lösungen, wie kulturelle Angebote um beispielsweise Familien oder Arbeitnehmer in die Stadt zu locken und gleichzeitg junge Menschen in der Stadt zu halten. Ein Konzert von Taylor Swift reiche da nicht aus.
Bei einigen Wortmeldungen aus dem Publikum schwingen Kritik, Sorge und Unsicherheit mit. Eine Frau berichtet von einer Poserszene und Rasern in ihrem Viertel. Eine andere von überlaufenden Mülltonnen und Menschen, die das einfach ignorieren, weil sie nicht wüssten, wie in Deutschland Müll getrennt werde.
Regionalforscher Stefan Gärtner spricht zusätzlich von großen Veränderungen, wie dem weiteren Sterben des Einzelhandels. Er sagt aber auch, dass die Stadt Potenzial habe.
Es beginnt im Kleinen
Genau das versucht Kirsten Lipka zu zeigen. Die junge Frau betreibt den Newsletter und Blog "gelsenmylove", schreibt "good news" über die Stadt und veröffentlichtTermine von kleinen lokalen Events.
Das Engagement der vielen einzelnen Leute geht leider oft ein bisschen unter. Ich versuche, sie sichtbar zu machen. Kirsten Lipka, Bloggerin aus Gelsenkirchen
Kirsten Lipka liebt ihr Gelsenkirchen und bloggt über die positiven Geschichten aus ihrer Stadt.
Neben großen Konzerten in der Arena auf Schalke habe Gelsenkirchen nämlich viel mehr zu bieten. So schreibt Kirsten Lipka über den zehnten Geburtstag einer Stadtteilbibliothek, ein Basketballprojekt für Kinder oder den Suppenladen um die Ecke. Von solchen Dingen gebe es viele schöne in der Stadt.
Schöne Ecken, unsichere Orte
Wie schön die Ecken wirklich sind, haben wir uns vor dem Lokalzeit Stadtgespräch angeschaut und angehört: an Buden und Trinkhallen in Gelsenkirchen. Orte, an denen jeden Tag viele Menschen verkehren. Faeiza Al-Nasir arbeitet in einem Kiosk in der Innenstadt. "Es gibt viele nette Orte hier", sagt sie, "Die Halden, der Berger See, auch die Veltins-Arena oder in Buer kann man viel machen."
Faeiza Al-Nasir
Die Gegend um den Hauptbahnhof in Gelsenkirchen findet sie zwar auch nicht vertrauenserweckend, aber: "Duisburg und Dortmund finde ich da schlimmer." Al-Nasir würde die Gelsenkirchener Innenstadt nicht als No-Go-Area bezeichnen, sagt aber auch, dass sie sich abends an manchen Orten nicht sicher fühlt.
"Es passieren schon Sachen hier - Schlägereien, Messerstechereien. Und auch hier im Laden sind manche Kunden aggressiv und respektlos", so Al-Nasir. Die Studentin ist vor acht Jahren aus dem Irak nach Gelsenkirchen gekommen.
"Auch in den wenigen Jahren hat sich hier viel verändert. Der Ruf von Gelsenkirchen ist echt schlimmer geworden." Faeiza Al-Nasir
Brennpunkt Ückendorf im Wandel
Lange Zeit galt Ückendorf im Süden der Stadt als sogenannter "sozialer Brennpunkt". Seit einigen Jahren siedeln sich aber auch immer mehr Sozial- und Kulturprojekte hier an, um den Ruf des Stadtteils zu verbessern.
Tom Gawlig (Mitte) mit seinem Trinkhallen-Team
Tom Gawlig hat hier vor einigen Jahren eine Trinkhalle eröffnet, die mehr das Konzept einer Kneipe und eines Kulturtreffs verfolgt. Er hatte sich bewusst dazu entschieden, auch privat nach Ückendorf zu ziehen, weil er die Entwicklung des Stadtteils spannend findet:
"Es war mutig von der Stadt, hier nicht einfach alle alten Häuser platt zu machen und eine Neubausiedlung für Familien hinzusetzen, sondern gezielt auf Projekte zur Belebung zu setzen." Tom Gawlig
Mittlerweile seien Menschen von außerhalb immer wieder positiv überrascht, wenn sie durch Ückendorf laufen.
Es geht los: Erstes WDR PopUp Studio öffnet in Gelsenkirchen
Lokalzeit Ruhr. 03.11.2025. 02:36 Min.. Verfügbar bis 03.11.2027. WDR. Von Jennifer Kerkhoff.
Was bleibt am Ende?
Zum Schluss des Stadtgesprächs bleibt, trotz der vielen Herausforderungen und Veränderungen, ein positives Gefühl bei vielen Menschen im Publikum. Die neue Oberbürgermeisterin bietet einzelnen Menschen aus dem Publikum Einzelgespräche an.
Regionalforscher Stefan Gärtner glaubt, dass Gelsenkirchen auf viele Probleme Antworten finden wird. Allerdings nur, wenn die Menschen ihre Stadt auch selbst mögen und gestalten wollen, denn da fange Image an, im Inneren.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporter vor Ort
- Lokalzeit Stadtgespräch

