Notfallambulanzen überlastet: Immer mehr Patienten

Aktuelle Stunde 03.12.2025 28:05 Min. Verfügbar bis 03.12.2027 WDR Von Bernd Neuhaus

Notaufnahmen in NRW am Limit: Was tun mit der Rekordzahl an Patienten?

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Täglich nutzen 35.000 Menschen eine Notaufnahme. NRW hat eine besonders hohe Fallzahl. Experten erläutern, warum das so ist und warum wir eine Reform der Notfallversorgung brauchen.

Seit 2018 gibt es eine Erfassung, wie viele Menschen zur ärztlichen Behandlung eine Notaufnahme aufsuchen. Seit dem Ende der Covid-19-Pandemie nehmen die Zahlen stark zu. 2024 wurde ein weiterer Höchstwert registriert. Da haben die deutschen Krankenhäuser rund 13 Millionen ambulante Notfälle behandelt - ein Anstieg um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung 2018, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. 

Klar, bei Atemnot oder Schmerzen in der Brust gibt es nur eins: Ab ins Krankenhaus! Auch wer sich beim Sport am Abend oder am Wochenende verletzt, muss wohl eine Notaufnahme aufsuchen. Doch offenbar gehen immer mehr Menschen auch mit harmlosen Erkrankungen in die Notaufnahme. Ärzte und Rettungsdienste teilen mit, Patienten nutzten die Notaufnahmen und die Notrufnummer auch bei kleineren und chronischen Erkrankungen oder sogar bei Einsamkeit.

NRW verzeichnet die meisten Patienten in Notaufnahmen

Das hat Konsequenzen. Denn die Ärzte in den Kliniken sind überfordert, und die Patienten klagen über lange Wartezeiten. In NRW wurden mit 3,4 Millionen Fällen die meisten ambulant behandelten Notfälle verzeichnet. Das liegt natürlich auch daran, dass NRW das bevölkerungsreichste Bundesland ist.

Aber auch im Schnitt suchen Menschen im Westen die Notaufnahmen sehr häufig auf: Je 1.000 Einwohner gab es 188 Behandlungen, so viel wie in keinem anderen Flächenbundesland sonst. Nur die beiden Stadtstaaten Hamburg (213) und Berlin (208) wiesen eine noch höhere Quote auf.

Höchstwerte Notfallambulanzen

WDR Studios NRW 03.12.2025 00:54 Min. Verfügbar bis 03.12.2027 WDR Online

Warum suchen so viele Menschen die Notaufnahmen auf?

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, nennt diese Zahlen gegenüber dem WDR "dramatisch". "Ein Grund dafür ist, dass das Versorgungsangebot im niedergelassenen Bereich zunehmend schwerer zugänglich wird. Immer häufiger müssen Krankenhäuser einspringen, weil die Kassenärztlichen Vereinigungen die flächendeckende Notfallversorgung nicht mehr zuverlässig sicherstellen können. Dabei suchen auch Menschen die Klinik auf, obwohl bei ihnen kein Notfall vorliegt", so Gaß.

Jörg Christian Brokmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme der Uniklinik RWTH Aachen, registriert ebenfalls steigende Zahlen, und zwar nicht nur bei den Notaufnahmen. Auch Rettungsdienste müssten sich um immer mehr Notfälle kümmern. Dabei betont Brokmann im Gespräch mit dem WDR aber auch, dass Patienten, die die Notaufnahmen aufsuchen, eine dringliche Versorgungsbedürftigkeit hätten. Es seien nicht nur Bagatellfälle.

Es gibt immer weniger Hausärzte

Die steigenden Behandlungszahlen der Notaufnahmen haben indes mit vielen anderen Problemen zu tun. So gebe es immer weniger Hausärzte, vor allem im ländlichen Raum. "Und die werden nochmal um ein Drittel abnehmen", so Brokmanns Prognose.

Diese Meinung teilt Hilmar Riemenschneider von der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen. "Im Sauerland und in Ostwestfalen sind viele Arztsitze nicht mehr besetzt, dann sind Krankenhäuser die natürliche Anlaufstelle", sagt er im Gespräch mit dem WDR. "Und es gibt keine finanziellen Barrieren, die den Weg zur medizinischen Versorgung erschweren", so Gaß. Dadurch sei die Hemmschwelle, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sehr gering.

Fachärztemangel ein weiterer Grund

Eine mangelnde Versorgung mit Fachärzten könne ein weiterer Faktor sein. Viele Patientinnen und Patienten, die über Wochen keinen Termin bei einer Arztpraxis bekommen, wenden sich aus Hilflosigkeit an die Krankenhausambulanz.

Und dann gebe es auch noch kulturelle Unterschiede. "In vielen anderen Ländern ist es normal, ins Krankenhaus zu gehen", sagt Riemenschneider. Menschen, die noch nicht lange hier lebten, müssten erst eine "Gesundheitskompetenz aufbauen, also wissen, wie das System funktioniert".

Gerald Gaß Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft

Generell sieht Gaß aber eher eine Abnahme der Gesundheitskompetenz. "Zu viele Menschen können nicht einschätzen, ob ihre Krankheit wirklich behandlungsbedürftig ist. Wer mit einer einfachen Erkältung eine Arztpraxis oder gar eine Notaufnahme aufsucht, beansprucht natürlich unnötigerweise die Ressourcen des Gesundheitswesens", erklärt er.

Dass Hamburg und Berlin die meisten Besuche pro Kopf in einer Notaufnahme aufweisen, wundert Riemenschneider indes nicht. An den Wochenenden sei in den großen Städten einfach wesentlich mehr los als im ländlichen Raum. "Da gibt es ja auch größere Veranstaltungen", erklärt er und das könne durchaus Auswirkungen auf die Notaufnahmen haben.

System hat großen Verbesserungsbedarf

Dennoch: Unser System ist nach einhelliger Expertenmeinung stark verbesserungswürdig. Brokmann sagt, die Notfallmedizin in Deutschland sei deswegen so ineffizient, da parallele Systeme wie Kassenärztlicher Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst und Notaufnahmen nicht vernetzt sind. "Eine digitale Fallweitergabe fehlt, was zu Doppel- und Mehrfachansprüchen führt", erläutert er. Das Problem habe die Politik schon lange erkannt, aber es mangele an der Umsetzung.

Reform ist auf dem Weg

Das Bundesgesundheitsministerium hat inzwischen einen Reformentwurf vorgelegt und an die zuständigen Ministerien in den Ländern verschickt. Es geht darum, die drei Versorgungsbereiche - vertragsärztlicher Notdienst, Notaufnahmen der Krankenhäuser und Rettungsdienste - besser aufeinander abzustimmen. Die Patientinnen und Patienten sollen dadurch besser gesteuert werden.

Ein zentraler Baustein ist eine bessere Vernetzung der Notrufnummer 112 und der bundesweiten Notrufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117. Damit sollen gesundheitliche Beschwerden anhand eines Ersteinschätzungsverfahrens bewertet werden, um die Anrufenden in die passende Versorgung zu vermitteln.

Wann sollte ich in die Notaufnahme - und wann nicht?

Auf einem Handy ist die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes zu sehen

Die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts

Riemenschneider betont, dass man gesundheitliche Probleme stets ernst nehmen sollte. Man sollte aber immer erst unter der Rufnummer 116 117 das weitere Prozedere abklären. "Es ist dann meist schnell klar, ob das ein Fall für den ärztlichen Notdienst oder die Notaufnahme ist."

Übrigens wünscht sich eine Mehrheit der Bevölkerung zumindest in Westfalen-Lippe eine bessere Steuerung in Notfällen. Dies geht aus einer aktuellen AOK-NordWest-Umfrage hervor. Danach befürworten 79 Prozent den Einsatz eines standardisierten Ersteinschätzungsverfahrens und eine Einteilung in Dringlichkeitsstufen bei Patientinnen und Patienten, die eine Notaufnahme aufsuchen. "Das ist ein gutes Vorzeichen für die angekündigte Notfallreform, die jetzt von der schwarz-roten Koalition schnell kommen muss, um das Problem der überlasteten Notaufnahmen zeitnah anzugehen", sagte Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der AOK NordWest.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Hilmar Riemenschneider von der Krankenhausgesellschaft NRW
  • Gespräch mit Jörg Christian Brokmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme der Uniklinik RWTH Aachen
  • Antwort von Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft auf Anfrage
  • Umfrage der AOK NordWest zur Notfallversorgung
  • Nachrichtenagenturen dpa, KNA, epd

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 03.12.2026, 18.45 Uhr

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