Weniger statt mehr Geld: Krankenhäuser unter Sparzwang
Westpol. 26.10.2025. 11:13 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 26.10.2030. WDR.
"Noch mal tief einatmen." Oberarzt Roderick Enecio untersucht die Niere seiner Patientin mit einem Ultraschall.
Oberarzt Roderick Enecio, St. Martinus Hospital in Olpe
Es ist ein ruhiger Vormittag in der Notaufnahme des St. Martinus Hospital in Olpe, Hauptstandort der Kliniken Südwestfalen.
Kein gewöhnliches Bild. Oft geht es hier hektischer und voller zu. In diesem Jahr könnte die Notaufnahme erstmals mehr als 20.000 Patientenkontakte haben, so Enecio.
Das liegt auch daran, dass im Zuge der NRW-Krankenhausreform der Träger den zweiten Standort in Lennestadt als allgemeines Krankenhaus aufgegeben hat. Die Notaufnahme dort ist zwar noch geöffnet, doch der Rettungswagen entscheidet je nach Schwere der Verletzung, ob er noch nach Lennestadt fährt oder direkt ins Traumzentrum nach Olpe.
Das bedeutet dort: Deutlich mehr Patientinnen und Patienten, aber auch mehr Personal. Eine Konzentration, die genau so von der NRW-Krankenhausreform gewollt ist. Kliniken sollen sich spezialisieren, nicht mehr alle Häuser alle Eingriffe und Behandlungen anbieten.
Oberarzt Roderick Enecio hat allerdings erlebt, dass sich trotzdem in den vergangenen Jahren viele Kolleginnen und Kollegen wegbeworben haben. Er möchte sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn jetzt weiter bei den Kliniken gespart werden soll: "Das bedeutet für die, die hier bleiben, mehr Belastung."
Bundesregierung hat Hilfe zugesagt, kürzt aber an anderer Stelle
Wegen gestiegener Kosten hatte die neue Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) den Ländern Soforthilfe in Höhe von vier Milliarden Euro versprochen. Die sollen ab November ausgezahlt werden.
Mitte Oktober dann die Ankündigung der Gesundheitsministerin, ab dem kommenden Jahr 1,8 Milliarden Euro bei den Kliniken einsparen zu wollen. So will die Bundesregierung vermeiden, dass die Krankenkassenbeiträge 2026 teurer werden.
Klinikchef in Sorge
Der Geschäftsführer der Kliniken Südwestfalen, Gereon Blum, schaut deshalb besorgt in die Zukunft. Die Einsparungen "machen bei uns im nächsten Jahr eine Summe von 900.000 Euro aus“. Das werde Stellen bei Ärzten und im Pflegedienst betreffen. Dabei kann die Klinik kaum weiter beim Personal reduzieren. Denn sonst wäre die Arbeitsbelastung zu hoch und die Versorgung in Gefahr.
Auch die Geburtsstation wurde nach Olpe verlegt. Hier könnten in diesem Jahr erstmals mehr als 1000 Kinder zur Welt kommen – eine hohe Zahl für eine Geburtsklinik, die sich so auch wirtschaftlich lohnt.
Krankenhausgesellschaft protestiert gegen Kürzungen
In einem offenen Brief an die Bundesgesundheitsministerin kritisiert die Deutsche Krankenhausgesellschaft die Pläne der Bundesregierung. Die Einsparungen seien ein "gefährlicher Rückschritt". Die Kürzungen würden auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten ausgebadet und müssten zurückgenommen werden.
In den vergangenen Jahren konnten viele Kliniken in Nordrhein-Westfalen dem finanziellen Druck schon nicht mehr standhalten. Zwischen 2021 und 2024 haben 39 Kliniken geschlossen oder wurden zusammengelegt, ging die Zahl von 355 auf 316 Häuser zurück.
Das Josephs-Hospital in Warendorf zum Beispiel musste Ende 2024 Insolvenz anmelden. Mitte Oktober wurde die Klinik von der AMEOS-Gruppe übernommen. Die kurzfristigen Kürzungen stießen auf herbe Enttäuschung bei dem Unternehmen aus der Schweiz. Auf WDR-Anfrage teilt AMEOS aber mit: "Unsere langfristig geplante Übernahme des bisherigen Josephs-Hospital Warendorf und unsere Versorgungsstrategie für die Region bleiben davon unberührt."
Kritik von Landesregierung und Opposition
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) findet das Ziel, die Krankenkassenbeiträge für die Bevölkerung zu stabilisieren, zwar richtig, aber den Weg der Bundesregierung offenbar nicht. "Wir müssen aufpassen, dass die Krankenhäuser in Deutschland nicht über Gebühr belastet werden", so Laumann.
Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Lisa Kapteinat, hält die Pläne des Bundes für eine "Katastrophe". Die Krankenhäuser müssten sich auf die versprochen Zusagen verlassen könnten. Die Bundesgesundheitsministerin dürfe nicht auf Kosten der Kliniken Löcher stopfen, sondern solle ein Gesamtkonzept vorlegen, so Kapteinat gegenüber dem WDR.
Krankenkassenbeiträge dürften trotzdem steigen
Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes
Der AOK Bundesverband sieht die Beitragssätze weiterhin unter Druck – trotz Sparpaket: "Das hat auch damit zu tun, dass die Kassen ihre Rücklagen wieder aufbauen müssen. Das ist beim Schätzerkreis nicht berücksichtigt. Und je nachdem wie das sich in der einzelnen Kasse verhält, werden auch Kassen sicher die Beiträge anheben müssen", so Vorstandsvorsitzende Carola Reimann.
Aktuell laufen die Haushaltsplanungen der Krankenkassen. Eine Entscheidung über mögliche Beitragsanhebungen solle es dann im Dezember geben.
Unsere Quellen:
- Krankenhausgesellschaft NRW
- Bundesgesundheitsministerium
- Gesundheitsministerium NRW
- eigene Recherchen
Über dieses Thema berichtet das WDR-Fernsehen in der Sendung Westpol am Sonntag, den 26.10.2025, ab 19:30 Uhr.
Quelle: Krankenhausgesellschaft NRW, Bundesgesundheitsministerium, Gesundheitsministerium NRW, eigene Recherchen