Schon seit mehreren Jahren gibt es das Programm zur Früherkennung von Personen mit Risikopotenzial, kurz: Periskop. Die NRW-Polizei nutzt es in allen ihren Kreispolizeibehörden. Das ehrgeizige Ziel: Potenzielle Gewalttäter zu erkennen, bevor sie eine Straftat begehen. Das Programm steht wegen des Attentats auf einen ICE bei Siegburg erneut im Fokus. Mutmaßlich soll ein 20-jähriger Deutscher Anfang April Sprengkörper gegen Personen im Zug eingesetzt haben. Er war zuvor im Rahmen des Periskop-Programms überprüft worden. Das Ergebnis der Prüfung lag aber zum Zeitpunkt des Attentats nicht vor.
Zusammenarbeit mit anderen Behörden entscheidend
Das Periskop-Programm wurde 2021 von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) ins Leben gerufen, nachdem mehrere Amokfahrten das Land erschüttert hatten, darunter die in Münster und Volkmarsen. Kern des Programms sollte der Austausch zwischen Behörden sein.
"Dass erstmalig die, die mit denselben Leuten zu tun haben, erstmalig miteinander reden." Herbert Reul, NRW-Innenminister
Die Polizei in NRW soll sich dabei mit Behörden wie Schulen, Gesundheitsämtern oder psychiatrischen Einrichtungen beraten. Durch diesen Austausch soll möglichst schnell eine Einschätzung zu kommen
Oliver Huth ist NRW-Landesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter
Oliver Huth, Vorsitzender des Bunds Deutscher Kriminalbeamter NRW, zeigt sich im Gespräch mit dem WDR von dem Konzept überzeugt: "Meine Kolleginnen und Kollegen können auf hervorragende Fälle zurückgreifen. Wir konnten Leute stabilisieren in Zusammenarbeit mit den anderen Behörden, [...] sodass Krankheitsbilder nicht mehr zum Vorschein kommen und so auch keine Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung bestehen."
Knapp 10.000 Prüfungen veranlasst
Anfang des Jahres teilte das NRW-Innenministerium in einer Stellungnahme mit, dass es in den gut drei Jahren seit Start, 9.938 Prüffälle im Land gab. Betroffen waren 6.680 Personen, von denen über 1.000 Personen mehrere Male geprüft wurden.
"Wir haben eine Vielzahl an Fällen bei Periskop, die erfolgreich sind, aber der Erfolg ist unsichtbar. Denn wenn Periskop gut arbeitet, dann passiert nichts", konstatiert Psychologin Dr. Milena Lechner. Sie leitet die Zentralstelle Periskop beim Landeskriminalamt in Düsseldorf.
Mehrfach Fälle in der Kritik
Laut Lechner soll es zum Periskop-Programm in den letzten Jahren "ganz viele Anfragen" gegeben haben, auch aus dem Ausland. Doch wiederholt wurde auch Kritik geäußert. Mehrfach gab es Fälle, bei denen Personen zu Tätern wurden, obwohl sie über das Programm Periskop geprüft worden waren.
Rettungswagen und Polizei stehen 2024 vor dem Krefelder Kino. (Archiv)
Dazu gehört der Fall eines 38-Jährigen, der 2024 in Krefeld versuchte, ein vollbesetztes Kino mit Benzin anzustecken. Auch der 22-jährige Mann, der 2024 in Duisburg zwei Schulkinder von neun und zehn Jahren mit einem Messer angriff, war vorab geprüft worden. Nun der Fall des mutmaßlichen Attentäters, der Anfang April in einem ICE der Deutschen Bahn Pyrotechnik gezündet haben soll.
Parlamentarische Anfrage zu Periskop
Die Fälle aus 2024 führten dazu, dass die SPD-Landtagsfraktion an das Innenministerium eine parlamentarische Anfrage stellte. Konkret forderte die Opposition darin, dass potenzielle Gewalttäter verbindlich an vorgesehenen Präventivgesprächen teilnimmt. Bisher sei es "freiwillig, ob derjenige, der da im Mittelpunkt steht, diese Gespräche führt oder nicht", führte Christina Kampmann, innenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, aus.
Keine hundertprozentige Sicherheit
Psychologin Milena Lechner von der Zentralstelle Periskop beim LKA meint zu der Kritik: "Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben." Auch für Innenminister Reul gibt es Grenzen innerhalb des Programms. Denn Menschen, die zwar auffällig, aber auch noch nicht straffällig geworden sind, könne man "nicht 24 Stunden festsetzen". Das sei "Freiheitsberaubung", so Reul.
Unsere Quellen:
- Vorherige WDR-Berichterstattung
- NRW-Innenministerium
Sendung: WDR.de, Was das "Periskop"-Programm der NRW-Polizei leisten kann, 25.05.2026, 15:20 Uhr